eine kiste fisch, sozialistische raststätten und lesefaule syrer

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Auch die folgenden tage nach dem aufstehen (gut geschlafen, trotzdem ali schnarcht – aber wahrscheinlich haben wir gemeisam um die wette geschnarcht) sind wir gleich wieder in den fängen der gastfreundschaft. Ein freund holt uns auch heute morgen ab und – da wir uns heftig wehren und beteuern, dass wir nun aber wirklich los müssen – bleibt es bei einer einladung zum morgendlichen kaffee und einem kleinen stadtrundgang an der corniche, die bei sonne wirklich herrlich ist, wenn man über die angewohnheit der syrer hinwegsieht, ihren müll einfach an der strand zu werfen und sich offenbar niemand dafür verantwortlich fühlt, ihn wieder wegzusammeln. Nach mehreren schönen aussichtspunkten wird uns noch das heimatliche viertel gezeigt, wo wir auch sogleich einem fischer vorgestellt werden, der und eine kiste fisch (!!!) mit nach damaskus gibt.

Mit einer kiste fisch im kofferraum unseres kias fahren wir dann nochmals zu den eltern von ali, die uns eigentlich noch gestern wieder erwartet hatten, aber mit einem unverbindlichen inscha’allah kann man ja jede verabredung ins unbestimmte ziehen lassen. Wir wussten ja schon, dass wir die tage in lattakia verbringen würden, konnten es ihnen aber natürlich nicht sagen, sonst hätten sie uns gar nicht fahren lassen. So ist die kleine lüge hier schon daher ein ständiger begleiter, da man sonst den auf einem lastenden sozialen pflichten nicht genüge tun könnte. Bei den eltern auf der terrasse sind einige landarbeiter und eben die famlie zum tee versammelt. Zum glück müssen wir nicht noch dem rat der dorfältesten vorgestellt werden, sondern bekommen unverbindlich tee und reichlich gutes essen. Der onkel von ali (inzwischen auch anwesend) hat noch zwei große säcke feuerholz gesammelt, die wir auch noch nach damaskus mitnehmen müssen (dazu muss ali noch mal ca. eine dreiviertel stunde mit dem auto und mehreren familienangehörigen los, um es zu holen). Immerhin ist damit das sommerliche grillen auf der dachterrasse gesichert... Eigentlich ist das auto voll (im kofferraum die kiste fisch, auf der rücksitzbank die säcke mit holz), es passt neben uns und unserem gepäck aber noch die ganze familie von alis schwester hinein, die wir in ein ca. 30 minuten entfernt liegendes dorf bringen, bevor wir uns auf den rückweg machen können. Ich glaube wir hätten es mit dieser beladeaktion fast ins buch der rekorde geschafft.

Auf der rückfahrt fahren wir, von einer pause abgesehen, durch. Diese pause machen wir bei einer raststätte, an der sich seit der revolution (wann immer die war, es ist aber sicher vierzig jahre her), nichts geändert hatte. Ein vollkommen volkssozialistisch geführter betrieb mit einem warenangebot, das keiner will, vielen mitarbeitern die nichts zu tun haben, riesigen räumen ohne gäste und einem dekor, dass mal jeden sozialistischen wettbewerb gewonnen haben muss. Sozusagen eine zeitreise! In damaskus angekommen hat rafik uns etwas gekocht und wir essen noch zusammen, bevor ali die mitgebrachten dinge nach hause fährt und wir dann gemeinsam den wagen abgeben gehen wollen. Das scheitert daran, dass ali verkehrtrum in eine einbahnstraße gefahren ist und die polizei ihn dabei erwischt hat. Er muss nun die von der polizei eingezogenen fahrzeugpapiere morgen einlösen (das geld für die strafe hätte er gehabt, aber vermutlich geht es um einen besonderen pädagogischen umerziehungsversuch der syrischen regierung, dass man am tag nach der verkehrsordnungswidrigkeit höchstpersönlich im kommissariat der verkehrspolizei antanzen muss). So geben wir (auf anraten der autovermietung, die den wagen eh erst morgen Mittag wieder erwartet hätte – frag mich einer nach den regularien dafür) das auto eben erst morgen nach dem besuch beim verkehrskasper ab. Ali hatte allerdings schlimm schlechte laune, denn es war das zweite mal, dass er heute eine strafe bekommen hatte. Das erste mal heute morgen in lattakia, weil er ohne sicherheitsgurt gefahren ist. das hat schon mal etwas geld und eine standpauke gekostet und mein gehässiges lachen, weil ich ihm immer gesagt habe, dass er sich anschnallen soll. Ja, man sieht sofort: der präsident hat die verkehrserziehung zu einem seiner schwerpunktthemen erklärt. Die anderen sind übrigens das rauchverbot und das lesen. Die syrer sollen mehr bücher lesen und sich ein beispiel an den europäern nehmen. Dazu gibt es schöne plakate mit „Ikra!“ – „Lies!“ drauf. Ich glaube ja, dass die syrer mehr lesen würden, wenn nicht alle interessanten bücher der zensur anheim fallen würden, aber das ist vielleicht ein anderes thema. Nun bin ich auf jeden fall gesund und um viele eindrücke reicher wieder im heimatlichen damaskus (wo es nach einigen sommerlichen tagen wieder winterlich kalt geworden ist) und bin müde und zufrieden.

10:05 20.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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