fliegende händler, weiße wäsche und die ursuppe des sozialismus

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Beim arabischkurs heute schlimm. Erste die substantivendungen der fälle, die man umgangssprachlich nicht verwendet, dann die relativpronomen, die auch umgangssprachlich deutlich reduzierter nur nötig wären, dann die zeit mit den ordinalzahlen, wobei sie im alltäglichen leben mit normalen zahlen gesagt wird und zu guter letzt den dual, den selbst islamwissenschafts-studenten in deutschland kaum noch lernen, weil er nicht verwendet wird. Ich hätte im bett bleiben sollen.

Habe gestern abend mit rafik eine tour gemacht und dann haben wir uns in einem internetcafe noch aus der hand lesen lassen. Ich war erst etwas zögerlich und habe meine einem aufgeklärten europäer gut zu gesicht stehende skepsis solchem hokuspokus gegenüber zur schau getragen (allerdings: es kostete nix, es war von freunden der besitzer des internetcafes, die ich gut kenne, also ein reiner freundschaftsdienst). Aber neben wenigen fehlgriffen war allerhand richtiges dabei. Dass ich in einem monat eine reise machen werde (wohl eher innerhalb syriens) kommt hin, dass ich gewissenhaft bin und gerne langfristig plane stimmt auch. Mehrere andere dinge, die ich hier jetzt lieber nicht schreibe, waren auch richtig. Ich hoffe, dass auch das mir vorhergesagte lange leben und meine bombengesundheit keine fehlgriffe waren. Was man so alles aus ein paar falten der hand lesen kann...

Auf den bürgersteigen vor den läden machen sich immer wieder und in wellenbewegungen fliegende händler breit, viele glaube ich aus aus asien oder russland. Aber die staatsmacht hat ihnen den kampf angesagt. Die polizei taucht immer mit mehreren leuten und pick-ups auf und kassiert die sachen von den händlern ein, wenn diese die sachen nicht schnell wegräumen. Dabei gehen die händler oftmals so dilletantisch vor, dass es einem blinden mit `nem krückstock auffallen müsste, dass der zusammengebundene sack neben dem zufällig herumstehenden verkäufer die waren sind, aber die polizisten gucken nicht so genau hin. Erst habe ich gedacht: wie gemein! Den armen händlern ihre geschäftsidee vermiesen, aber ich glaube das programm heißt, hochwertigere arbeitsplätze zu erhalten, nämlich diejenigen in den läden, die durch die straßenhändler ja eine billigere konkurrenz bekommen. Wenn alle den plunder bei den fliegenden händlern kaufen, gehen die läden pleite – sorum kann man das auch sehen. Aber eine endgültige meinung habe ich mir dazu noch nicht gebildet.

Dann habe ich mir noch „bleach“ oder so’n zeug für die waschmaschine gekauft. Ich erinnerte mich noch an die erzählungen der tante eines bekannten, die in amerika gewohnt hatte und meinte, sie müsse immer bleichmittel in die waschmaschine geben, damit die wäsche überhaupt sauber werde, denn die waschmaschine sei so schlecht. Ja, meine ist es offenbar auch. Das weiß, das die innerhalb kurzer zeit produziert, ist eben kein weiß mehr. Mit einem guten amerikanischen (!) produkt, das es hier bezeichnenderweise auch überall gibt, hoffe ich dem abhilfe schaffen zu können. Immerhin ist meine waschmaschine vollautomatisch! Ja, das ist hier nicht selbstverständlich! Viele maschinen nehmen einem nur das drehen ab, das wasser ein- und auslassen, die organisation der spülgänge und manchmal selbst das erhitzen des wassers muss man selbst übernehmen, man hat ja sonst nix zu tun! Dann habe ich noch eine gute alte mandarin-cola getrunken. Das ist die alte syrische marke, die hier verbreitet war, bevor coca-cola und pepsi auch dieses land überschwemmt haben (hier hat der eiserne vorhang diesbezüglich zumindest etwas länger – so bis 2007 – gehalten). Sie schmeckt lecker, ein bischen wie ddr-cola, nach diesem unverwechselbaren geschmack, den auch das putzmittel in der ddr hatte (es roch zumindest so, getrunken habe ich es nie) und der vermutlich von einer ur-substanz des sozialismus herrührt, aus dem alles hergestellt wurde. Das originalrezept zu dieser sozialistischen ursuppe hat sicher väterlein stalin höchstpersönlich entworfen.

14:17 06.01.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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