florale polizei-motorräder und temporale absichtserklärungen

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Wettertechnisch ist es zwar inzwischen sehr heiß (38 grad), aber so stürmisch, dass mein fenster im salon dem wind nicht hat standhalten können. Es ist aufgesprungen und mit einer solchen wucht gegen den fensterrahmen geprallt, dass die scheibe zersprungen ist und sich in tausenden glassplittern im raume verteilt hat. nun muss ich mich also um einen glaser kümmern und bis dato in einem gut gelüfteten wohnzimmer ausharren. Zum glück hatte sich meine vormittägliche putzwut nur auf küche, flur und schlafgemach konzentriert, so dass ich den wohnraum morgen reinigen kann und nun wohl auch muss. Apropos muss: das syrische kennt (in der umgangssprache) anscheinend die guten modalverben (können, müssen, sollen, dürfen, wollen) kaum, bzw nur eingeschränkt, wie ich heute beim unterricht feststellen musste. Müssen und sollen sind eins. Wollen und mögen auch.

Andere sprachliche besonderheiten ergeben sich eher aus der blumigkeit der rede, denn aus dem mangel an wörtern. Das in einem fort geäußerte „i miss you“, das, wenn man es ernst nehmen würde ja recht bedeutungsschwer ist, sollte man nicht ernst nehmen. „Mischtalak“ – ich vermisse dich, wird hier bei allen gelegenheiten von sich gegeben. Spätestens, als ein entfernter bekannter meinem arabischlehrer, den er nur einmal zuvor in meiner wohnung gesehen hatte, zufällig wieder begegnete und ihm dabei „ich vermisse dich“ sagte, hatte ich begriffen, dass es sich um eine nette art des „hallo“-sagens handeln muss. Ebenso wie die frage „brauchst du etwas?“ – „biddak schi?“ wenn man auseinandergeht. Würde man dann noch äußern wollen, was man alles so brauche, käme man ja gar nicht weg. Aber bis ich mich an so was gewöhne, dauert es immer etwas. Man fühlt sich ja wirklich gemeint, bzw. angesprochen und ahnt erst gar nicht, dass es sich gleichsam nur um standardisierte sequenzen einer kulturell bedingten rede handelt.

Im syria forward magazin wird nicht nur über die neue hotline gegen häusliche gewalt berichtet (immerhin wird das thema hier jetzt offenbar angegangen), sondern auch über die planung, die damaszener altstadt zu einer fußgängerzone zu machen. Ja, wahrhaft revolutionäre entwicklungen! Treffe mich dann mit Ian im park. Er ist – anders als die meisten syrer – ja immer auf die minute pünktlich. Rafik hingegen, der sein erscheinen für vier uhr projektiert hatte, meldet sich gegen acht. Zeitangaben und termine sind – wie ich bei roes auch schon mal gelesen habe – hier eher absichtserklärungen denn maß. Wenn man sagt, man sei in fünf minuten da, heißt das nur, man wäre gerne in fünf minuten da, ungeachtet dessen, dass man sich noch ca. eine dreiviertelstunde wegstrecke entfernt befindet. immerhin gehe ich mit ihm dann noch einen tee trinken und dann suchen wir spät am abend noch eine die nacht-apotheke in fahami auf, um für meine immer noch schmerzende schulter pflaster zu kaufen, das eine hitzewirkung entfalten soll. Während ich dies hier schreibe, habe ich gerade eine wie feuer glühende schulter. Die schmerzen sind aber eher stärker als schwächer. Nun, inscha’allah wird die nachtruhe es richten. Der apothekenbesuch war allerdings sein weniges geld wert. Es wurden vor ort kleinere operationen und injektionen vorgenommen. In einem fort wurden kindern und erwachsenen dinge gespritzt, wozu man bei uns sicher einen arzt aufsuchen müsste. Praktisch!

Schön war heute auch der blumenschmuck auf zahlreichen polizei-motorrädern. Auf ihnen war (neben einer syrischen fahne) jeweils ein großes blumengesteck angebracht, so dass sie mehr wie blumenständer als wie fahrzeuge aussahen. Angeblich war der grund, dass heute der jahrestag der inauguration des präsidenten in sein amt war – oder etwas anderes wichtiges. Ein schöner anlass! Angela merkel sollte sich überlegen, den jahrestag ihrer machtergreifung ebenfalls gebührend feiern zu lassen!

16:11 04.06.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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hibou | Community