fußgängerbrücken um used-look, nonnen und die schnabelsandale

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Bei meinem gang durch die stadt heute ist mir aufgefallen, was sich in den jahren, die ich nun hierherkomme, alles verändert hat (neben dem auftauchen von coca cola und der eröffnung erster kfc-„restaurants“). Also ich meine vor allem in baulicher und städteplanerischer hinsicht. Es ist doch schon allerhand umgestaltet worden: die fußwege neu gepflastert, viele plätze neu gestaltet, parks neu geschaffen, füßgängerbrücken aufgebaut und wieder abgerissen (ohne adäquaten ersatz zu schaffen) und die park-umzäunungen sind fast gänzlich verschwunden (früher waren die parks ummauert). Erstaunlich: wenn man nicht weiß, was neu ist, würde man nicht glauben, das etwas neu gemacht wurde, denn sie schaffen es, die dinge im „used look“ zu erstellen. Man würde es an den inzwischen bereits zerborstenen und verdreckten platten nicht erkennen, dass zum beispiel ein platz neu gepflastert wurde. Auch die „neuen“ fußgängerbrücken (mit hilfe derer man die straßen sicher überqueren kann, dafür aber ständig am treppensteigen ist) sehen aus, als ob sie schon mindestens 25 jahre auf dem buckel hätten, regelrecht verfallen, dabei sind einige erst zwei oder drei jahre alt. Wie die das wohl machen? Andererseits scheinen sie auch zur besinnung zu kommen und reißen die dinger schnell wieder ein, denn es sind gänzlich grässliche ungetüme, die einem den blick versperren und die fußgänger zu ständigem treppensteigen nötigen. Dabei seht der verkehr doch eh im stau – da kommt es auf ein paar zwischen den autos herumhühnernde fußgänger mehr oder weniger doch nun wirklich nicht an!

Gestern ein ereignisreicher tag. Am abend spät aus dem italienischen krankenhaus gekommen, in das wir (faruk – ein freund und ich) rafik bringen mussten. er hatte im restaurant wohl was schlechtes gegessen, sein magen machte arge probleme aber auch sein kreislauf und er hatte kalte schweissausbrüche. und da er es ja mit dem herzen hat, dachte er, es sei schlimmeres. ein krankentransport auf syrische art, mit laut hupendem taxi und stöhnendem kranken auf dem beifahrersitz... es war schon schwer, überhaupt ein taxi zu bekommen und die autos stehen im stau hier schlicht so dicht, dass man wirklich nicht durchkommt. Aber die taxis hupen unermüdlich und haben warnblinker an und irgendwann werden sie auch durchgelassen. also ich muss sagen, dass ich einen krankenwagen bevorzugen würde, aber die scheint es ja hier nicht zu geben. im krankenhaus kam (neben drei ärzten, vier pflegern und reichlich hilfspersonal) auch eine kleine italienische nonne mit dickem kreuz um den hals (ich dachte schon, um ihm die letzte salbung zu geben), die echt klasse war und etwas deutsch sprach. ekg, blutzucker, blutdruck, abhorchen, abtasten, ausführliche und das gewöhnliche mass übersteigende beratung (drei mal durch drei ärzte) und zwei spritzen (gegen was auch immer) für umgerechnet 15 euro - da kann man nicht meckern. aber die muss man hier dann auch erst mal haben. Sonst kriegt man nix. Ich hoffe nicht, dass der neue gesundheitsminister sich vom hiesigen system inspirieren lässt. Inzwischen geht es rafik wieder besser – aber in das restaurant gehen wir nie wieder!

Abschließend noch eine kleine kuriosität des damaszener lebens: der schnabelschuh! wenngleich er hier wohl keine renaissance feiert (denn er war in der arabischen welt wohl nie verschwunden), so erfreut er sich doch enormer beliebtheit. da das wetter hier (zumindest die meiste zeit im jahr) das tragen von sandalen befördert, hat eine besondere kreation auf den markt gebracht: die schnabelsandale! eine sandale, bei der vorn in der mitte des schuhs ein längliches, ca. 2 centimeter breites lederband, gebogen in weitem bogen über die schuh-, bzw. sandalenspitze gespannt wird. ich konnte den blick kaum von dieser merkwürdigen konstruktion abwenden. dass man damit gehen kann... aber nun, der träger der schnabelsandale geht ja nicht: er stolziert!

17:10 07.01.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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rahab | Community
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