gastronomiekritik in der wüste und ein taxi nach damaskus

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Wir sind nun in tadmur (welches die touristen unter dem historischen namen Palmyra kennen). Gerade herrscht ein sandsturm, vor dem wir uns so eben gerade noch nach hause retten konnten. Gleichzeitig regen und gewitter. Da kann man nur auf dem hotelzimmer ausharren und dann essen gehen. Zuvor haben wir noch einen nachmittags-kaffe auf der terrasse des zenobia genommen und sind im beginnenden sandsturm etwas durch die ruinen gewandelt. Die hinfahrt war wie immer, am busbahnhof großes bohei. Die inzwischen eingeführte sicherheitskontrolle, bei der alle taschen auf ein band zum durchleuchten gelegt werden müssen, dem aber niemand beachtung schenkt und die permanent piepende schleuse, durch die man dann gehen muss, sollen wohl das subjektive sicherheitsgefühl verstärken. rein objektiv gesehen könnte eine solche sicherheitskontrolle gegen wasauchimmer nichts ausrichten, denn nicht nur, dass man waffen aller art mit in den busbahnhof geschmuggelt kriegt (gleich darauf sehe ich einen mann mit revolver im hosenbund), da das piepen ja rein gar keine folgen zeitigt, könnte man es sich strenggenommen sparen.

Dann, nach kontrolle der pässe und der tickets, dem kauf von wasser und dem verstauen des gepäcks kann es losgehen. Denkt man zumindest. Da hat man die rechnung aber ohne die abschließende ausfahrtkontrolle gemacht. Bus für bus muss die „sicherheit“ nun noch die listen abgleichen, pässe kontrollieren und die destinationen diskutieren. Da aber alle bussunternehmen die ersten sein wollen (wie kinder), fahren alle zur selben zeit ab. Bei den ca. 250 busunternehmen, die an diesem bahnhof ein büro haben, denkt man ja, sie könnten auch unterschiedliche abfahrtszeiten anbieten, aber oh nein! Weit gefehlt. Alle wollen die ersten sein, alle fahren zur gleichen zeit ab und somit stehen alle stundenlangin der schlange vor der ausfahrt um von der „sicherheit“ die abfahrerlaubnis zu bekommen. Allein in der zeit, in der wir dort standen, legt man in deutschland die strecke hamburg – bremen zurück. Wir sind da immerhin schon 150 meter – oder 20 buslängen vorangekommen. Im bus gleich wieder die obligatorische ägyptische komödie. Wenn man die ersten minuten eines solchen filmes gesehen hat, gegen den „dick und doof“ subtiler und geistreicher humor ist, kann man ermessen, wie schlimm es um das geistige und intelektuelle leben der arabischen welt bestellt sein muss. Abgründe tun sich auf bei dem gedanken, dass eben diese filme die eigentliche kulturleistung der gegenwärtigen arabischen welt sind, denn von einer messbaren anzahl veröffentlichter bücher kann man ja bei weitem auch nicht reden.

Der busbegleiter hat wieder alle hände voll zu tun. Erfrischungstücher, bonbons, becher, dann wasser, kekse, kaffe oder tee, wasser, und wieder bonbons. Eine nicht enden wollende serviceoffensive, von der sich die deutsche bahn mal eine scheibe abschneiden könnte. In tadmur angekommen, die rückfahrttickets gekauft, zum hotel gefahren, eine kurze dusche und gleich los. Bis eben der sandsturm uns überrascht, der mich jetzt hier zum schreiben zwingt.

Am tag darauf suchen wir einen geldautomaten in tadmur. Der ort ist der wohl touristischste in ganz syrien. Die hoteldichte ist nirgends höher. jeder, der syrien besucht, kommt irgendwann hier vorbei, sei es auch nur für eine nacht, denn länger kann man es in diesem verschnarchten und staubigen ort kaum aushalten. Es müsste also strenggenommen an geldautomaten nur so wimmeln, zumal die hotels alle (bis auf die luxusvarianten, aber in denen herrschen eh andere gesetze) keine kreditkarten akzeptieren (!). nun, langer rede – kurzer sinn. Es gibt in diesem ort keinen, ja gar keinen geldautomaten. Nach langer suche wäre der chef eines hotels bereit und auf die kreditkarte einen bargeldbetrag auszuzahlen, verlangt aber 20% kommission. Das schamlose ausnutzen einer notsituation. Nein, soweit sind wir noch nicht gesunken! Wir tauschen unsere letzten bargeldbestände, ökonomisieren unsere ausgaben und kratzen all unser geld zusammen um die hotelrechnung in bar zu begleichen. Hier wäre aus touristischer sicht nachbesserungsbedarf, denn sicher wäre der ein oder andere tourist bereit, etwas geld in diesem kargen und staubigen landstrich zu lassen, wenn ihm nur die möglichkeit dazu gegeben würde.

Ebenfalls nachbesserungsbedarf besteht in gastronomischer hinsicht. Da es nur zwei restaurants am ort gibt, ist die konkurrenz nicht groß. Dennoch ziehen es die meisten touristen vor, in tadmur nicht zu speisen, was eindeutig an der mäßigen qualität der dargereichten speisen liegt. Die restaurants haben – anstatt auf eine qualitätsoffensive zu setzen – daher schlechtaussehende und nervige koberer angestellt, welche die touristen belästigen. (der erste tipp diesbezüglich würde in die richtig gehen, das aussehen und die herangehensweise der schlepper zu ameliorieren – aber davon wollen wir erst gar nicht anfangen zu sprechen). Wir essen also wohl oder übel in einem der beiden zur wahl stehenden restaurants (es gäbe noch eine schawarma-bude und einen hänchenimbiss, von dem wir lieber schweigen wollen). Das essen ist erschütternd. Die bilder, mit denen dieses auf den karten angepriesen wird, haben noch etwas von dem, was die gerichte eigentlich ausmachen würde (gewürze, frische zutaten, variationen und so). das dann auf dem teller servierte ist geschmackloser in wasser gekochter reis und fades, gekochtes huhn. Da wir von rafiks küche der letzten tage so verwöhnt sind, können wir uns das kaum bieten lassen und da tritt auch schon der scharfe und unbarmherzige restaurantkritiker rafik auf die bühne, zitiert den garcon heran und erklärt ihm in deutlichen und unmissverständlichen worten, dass es so ja schon mal gar nicht gehe, dass die dargebotenen speisen bestenfalls genügten, um damit tiere zu füttern oder touristen das geld aus der tasche zu ziehen und erklärt ihm genauestens, wie man die gerichte hätte eigentlich kochen müssen.

Überraschung! Als wir spät nachts am bereits geschlossenen restaurant vorbeikommen, werden wir gebeten, den neuen, nach rafiks anregungen zubereiteten reis zu probieren, der tatsächlich deutlich besser ist. wir essen etwas und freuen uns, dass die kritik auf fruchtbaren boden gefallen ist. das liebe ich hier: man reagiert offen und flexibel auf kritik, verändert wirklich etwas und gibt sich immer mühe, dass es einem hier gefällt. mein vorschlag, rafik solle einen gutdotierten beratervertrag aushandeln, bei dem er einmal im monat in tadmur vorbei kommt, die speisen testet, verbesserungsvorschläge macht und die schulung des personals übernimmt,wird aber – zu meinem großen bedauern – nicht weiter verfolgt.

Unnötig zu erwähnen, dass auch was den gastronomischen teil unseres hotels angeht nachbesserungsbedarf bestünde. Zum beispiel könnten die fensterscheiben des mit „vue panoramique“ angepriesenen dachrestaurants durch schlichte reinigungsarbeiten in einen zustand versetzt werden, in dem man überhaupt einen blick nach draußen zu werfen in der lage wäre. Oder es könnte ab und zu mal das wohl schon seit tagen den gästen angebotene steinharte brot durch frisches, essbares ersetzt werden. Die niedlichen und charmant lächelnden kellner sind zwar ganz entzückend, aber satt werden tut man von ihnen auch nicht. Man redet sich damit raus, dass es in tadmur nur eine bäckerei für fladenbrote gebe und man das andere brot für die touristen aus homs müsse kommen lassen (vermutlich zu fuß, denn sonst erklärt sich der zustand des brotes nur unzureichend). Ja herrgott! Dann müssen die touristen eben (frisches) fladenbrot der region essen, anstatt sich an den harten brötchen die prothesen zu ruinieren.

Auch der bezahlvorgang, zu dem wir zu nächtlicher zeit plötzlich genötigt werden, hält unvorhergesehenes für uns bereit. Nachdem der annoncierte preis um eine (vermutlich ebenso unangekündigte, wie -einkalkulierbare) steuer erhöht wurde, wurden wir am nächsten morgen mit nachforderungen konfrontiert, die sich aus dem inzwischen gestiegenen euro-kurs ergeben hätten. Es stimmt: der euro war am vortage mit 62 syrischen pfund, nun aber mit 63 ausgewiesen. Wenn man diese logik aber zu ende denkt, hätte man ja zeitlebens bei allen bisher getätigten käufen mit nachforderungen und erstattungen zu tun, die sich aus den währungsschwankungen ergeben würden. Gekauft ist gekauft. Zum tageskurs und basta! Das muss auch in tadmur gelten. Wir bestehen drauf und können uns natürlich durchsetzen, denn so gerne man es auch mal versucht, wirklich bösartig oder gemein ist es nie gemeint und wenn man bedenkt, dass hier die gesetze des tourismus herrschen, läuft alle doch noch recht entspannt ab.

Nicht durchsetzen können wir uns bei der rückfahrt. Natürlich haben wir in weiser voraussicht schon bei unserer ankunft tickets für die rückfahrt erworben, plätze reserviert und alles niet und nagelfest gemacht. Als wir dann zur busabfahrtstelle kommen (einen busbahnhof sucht man in tadmur vergebens, alle busunternehmen die tadmur anfahren, halten an ihrem büro oder irgendwo und fahren meist auch von dort wieder ab. Da es viele dieser unternehmen gibt, muss man immer wissen, mit wem man zu reisen geplant hat, wo das büro ist – denn die ortsansässigen wissen es auch oft nicht – und wie man hinkommt), als wir also ankommen, bedeutet man uns, dass der bus aus derizor kommend schon voll sei und unsere plätze leider gottes vergeben seien, der nächste bus aber in einigen stunden käme und inscha’allah auch plätze für uns hätte, wenn nicht auch der schon voll sei, was man natürlich jetzt noch nicht wisse. Wir lassen uns unsere tickets wieder auszahlen. Auf eine mitfahrt zu insistieren (was wir kurz versuchen) scheint vollkommen hoffnungslos. Wir klappern mehrere andere busunternehmen ab, immer mit dem taxi von pontius zu pilatis. Dann, nachdem wir dessen gewahr geworden, dass wir nur mit mehreren stunden wartezeit an einer tristen und an ödnis kaum zu überbietenden landstaße eine gelegenheit zur rückreise in die syrische kapitale bekommen würden, beschließen wir, mit dem taxi zu fahren. Zwar nicht nach paris, aber immerhin mit dem taxi nach damaskus. Nachdem wir einen vertretbaren preis ausgehandelt haben, geht es auch sogleich los und wir erreichen damaskus sicher und wohlbehalten noch bevor uns der erste bus hätte hierher bringen können.

13:43 12.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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