gefangene gäste und die geheimnisse der taubenzucht

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Sind nach einigen tagen auf dem lande nun nach lattakia gefahren und haben uns in der touristenzone im norden der stadt ein chalet gemietet. Chalets sind an die küste gebaute häuser, die aussehen wie eine überdimensionierte kleingartenkolonie aber ohne gärten. In diesen breitengraden hat man die steinwüste ja eh leber als das dumme grün, das macht nur arbeit. In jedem haus sind zwei bis vier einheiten, alle mit terrasse oder balkon, viele mit hollywood-schaukel (toll!), die – bevor man mit dem neubau eines gigantischen hotelkomplexes direkt am strand begonnen hat – alle mal einen schönen blick auf das meer gehabt haben müssen. Jetzt haben sie einen tollen blick auf die großbaustelle. Hat auch seinen charme. Schön war, dass man um diese jahreszeit fast allein dort ist. das hat einen ganz besonderen charme. Im sommer muss man hier die pest oder schlimmeres kriegen, wenn tout la syrie hier vorbeiwackelt um zum verdreckten strand zu kommen. Da ali sich in lattakia selbst nicht so gut auskennt (seine stadt ist ja eigentlich jables, nicht lattakia), hat er einen freund angerufen, der als taxifahrer arbeitet und diesen nach einem restaurant gefragt, in dem wir essen gehen könnten. Und so nahm der verhängnisvolle strudel der gastfreundschaft seinen lauf.

Als gast ist man in arabischen ländern ja immer auch ein gefangener. Man muss mit sich machen lassen, denn es gibt kein entrinnen. Und am besten antwortet man auf die zahlreichen nachfragen, wie es einem gehe immer und stets mit einem lächeln: hervorragend! Auch wenn man gerne gerade vielleicht seine ruhe hätte – so was wird nicht akzeptiert. Bei uns ging das ungefähr so: der freund war schon mal nicht allein, sondern hatte noch einen freund dabei. Beide haben und dann erst zum essen eingeladen (es gab selbst für ali, der alle tricks diesbezüglich kennt keine möglichkeit zu zahlen). Dann wurden wir zu einem befreundeten maisverkäufer an der corniche geschleppt, wo wir erneut essen mussten und nun ja noch einen weiteren freund kennengelernt hatten, der sich ebenfalls erkenntlich zeigen musste, wesshalb er uns zum tee eingeladen hat (in der nähe der corniche, die eine schmucklose straße mit sehr schönem blick und einem etwas vermüllten strand ist). Danach haben wir die sehenswürdigkeiten der stadt kennengelernt (lattakia hat diesbezüglich nicht viel zu bieten – auch ganz angenehm), wobei wir unweigerlich weiteren freunden in die arme gelaufen sind, die uns nun wiederum auch zu sich einladen mussten.

So fanden wir uns alsbald auf einem dach wieder und wurden in die geheimnisse der taubenzucht eingeführt (taube heißt übrigend auch hamam, wie das dampfbad, nur mit unhörbar kürzerem a am ende, was bei mir die freudige erwartung eines gemeinsamen dampfbadbesuchs auslöste, aber stadt in einem warmen dampfbad fanden wir uns bald auf einem zugigen dach wieder). Auch dort natürlich tee und haschisch (da habe ich mich bekanntermaßen zurückgehalten). Dann sollte es wieder essen geben! Dabei hatten wir gerade zweimal gegessen! Also sind alle essen holen gefahren und dann mit uns zusammen in unser chalet. Dort wurden unmengen von knabbernüssen (etwa 6 kilo) in alle verfügbaren gefäße geschüttet, so dass ich schon annahm, es würden noch mehr als die inzwischen anwesenden sechs freunde kommen und es wurden große mengen mitgebrachten essens ausgepackt. Da das alles nicht gegessen werden konnte (obwohl ali in der nacht noch eine dieser bekannten fressattaken hatte), wanderte es erst in den kühlschrank und dann unweigerlich am nächsten Vormittag beim räumen des chalets in den mülleimer. Schade um das schöne essen, aber es geht bei diesem spiel wohl in erster linie um das wahren des gesichtes. Der gastgeber (in diesem falle alle freunde, wir waren ihre gäste) müssen uns um den preis des eigenen ruins bewirten, dass wir es nie vergessen werden – so geht das spiel nun mal. Spät in der nacht gingen dann alle, nicht ohne anzukündigen, sich die nächsten tage auch noch mal um uns zu kümmern.

12:04 17.03.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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