herummäandernde frauen, ehrliche taxifahrer und kiffende jungs

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Sitze auf dem dach in der vormittagssonne und habe einen atemberaubenden blick über die noch diesige stadt (oder sind es schon wieder die abgase? – egal von hier oben sieht es schön aus und es riecht nicht übel). Der fotoapparat kann so etwas gar nicht einfangen. So ist das wohl mit den bildern: sie sind trügerisch, unscharf und eben nur oberfläche. Ich habe damaskus zum beispiel auch durch die bücher rafik schamis über damaskus viel genauer kennen und auch lieben gelernt. Es ist sprache, die die welt konstruiert, nicht das bloße gaffen auf eine angeblich schon vorhandene welt. Daher auch die unendliche leere in den youtube-videos (die es ja hier eh nicht gibt, da baschar al assad uns davor bewahrt).

Ich habe einen guten radiosender entdeckt. mixFM aus damaskus bringt den ganzen tag gute musik – etwas dance-lastig aber mit einem erstaunlich großen französischsprachigen anteil (dann wohl eher aus dem magreb stammende titel). Sicher eine konzession an die christliche bevölkerung, die ja doch immer noch sehr francophil und oft auch noch französischsprachig ist. vermutlich sind die es auch eher, die einen solchen sender hören. Aber es gibt gute paul-van-dijk (oder wie schreibt man den?) mixe und andere klasse musik. Leider ist der lautsprecher meines handys tonqualitätsmäßig unter aller würde.

Entweder werde ich doch untoleranter oder ich merke hier so langsam, wie sehr die religion doch nervt, wenn sie versucht das leben der menschen zu dominieren. Also das kirchenglockengebimel mag manchmal stören, aber es ist lange nicht so schlimm, wie die fast zwei stunden live übertragene freitagspredigt. Den fünfmaligen ruf des muhezzin fnde ich ja wirklich schön, aber es gibt so sachen, wo ich finde, dass die religion auch nerven kann. Ich bin zunehmend erstaunt, wenn ich merke, wie zum beispiel vollverschleierte frauen geh- und sehbehindert durch die straßen mäandern und zum verkehrshindernis werden. Allah kann das so nicht gemeint haben! Außerdem liegt auch eine gewisse anmaßung in der behauptung, angebliche (und ja manchmal nicht vorhandene) reize verhüllen zu müssen. Nun aber genug mit der religionskritik, sonst kann ich meine bewerbung für einen vorstandsposten bei der bundesbank gleich hinterherreichen (oder wie war das mit den kleinen kopftuchmädchen, die in berlin ständig produziert werden?). und eine briefbombe aus Amman kommt dann auch sicher bald... (sorry!)

fahre heute zwei mal mit dem taxi. Das erste mal versucht der taxifahrer fusha – hocharabsch – mit mir zu reden, was nach hinten losgeht. „uridu an adhab ila almanya“ ist auf amia – der umgangssprache: „bitti bruh a’almania“. Man stellt keine ähnlichkeit fest und ich habe nur am letzten wort mitgekriegt, was er gesagt hat. Da einige davon ausgehen, dass ausländer, wenn, dann eher hocharabisch studiert haben, sprechen sie das manchmal. Tragisch! Der zweite taxifahrer ist sehr ehrlich. Als ich ihm einen hunderter geben will, sieht er, dass ich auch einen fünfziger habe und will nur den. Das gibt es also doch noch! Schön!

Noch eine erstaunliche entdeckung: wenn ich abends nach hause komme, stehen unten auf der straße immer drei bis sieben jungs zwischen sagen wir mal 16 und 23 jahren, die alle in den umliegenden häusern wohnen. Wenn ich an ihnen vorbei gehe, riecht es erstaunlich intensiv nach haschisch. Und sie sind auch immer sehr gutgelaunt. Und ich dachte immer medikamentenabhängigkeit wäre hier der hit – so kann man sich täuschen.

13:46 28.01.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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