internetzensur, schlimme fernsehserien und alberne lobpreisungen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gestern nach dem frühstück gehe ich ins pages-cafe, wo sie immer noch kein internet haben, wesswegen ich mal wieder ins knusper mit dem deutschen service (langsam und unfreundlich) gehe, wo das internet funktioniert – immerhin. Dabei fällt mir auf, wie winzig hier immer die portionen milch sind, die man zum kaffee bekommt. Ich muss immer regelmäßig drei mal milch nachbestellen, als ob milch ein so rares und kostbares gut wäre! Nach dem dreimaligen nachbestellen merke ich, dass sie hier den saudischen server eingestellt haben. Der vorteil ist gering: man kann die schrottvideos auf youtube sehen, die der syrische server sperrt. Dafür sind die nachteile enorm: alle schwulenseiten und alle nachrichtenseiten aus deutschland (tagesschau. fr-online, etc.) sind verboten. All das, was in syrien problemlos zu kriegen ist. aber saudi-arabien steht wegen zensur deutlich seltener am pranger als syrien. Noch dazu finde ich die idee, youtube zu zensieren gar nicht so abwegig.

Hatte beim kauf des spiegels mit dem zeitungsverkäufer noch ein kurzes, nettes gespräch über die entwicklung der preise für presseerzeugnisse. Der spiegel ist nämlich teurer geworden. Von ehemals 600 (immerhin über 8 euro!) auf 625 lira. Da ich meine verwunderung darüber zum ausdruck brachte, sagte mir der händler, dass zum beispiel die marieclaire (deren regelmäßiger leser ich ja nicht bin) sich im preis fast verdoppelt habe, auf nunmehr zehn euro! Da ist man als spiegel leser ja noch gut dran! Allerdings nur was den preis angeht, wenn man dann anfängt zu lesen, leidet man schrecklich! Was ein schundmagazin! Aber es gibt nix anderes deutschsprachiges hier. Vielleicht sollte ich doch auf die marieclaire umsteigen.

Gestern abend noch einen schrecklichen tatort gesehen, den ich mir in deutschland aufgenommen hatte und die ganze nacht schlecht geträumt. Ich solle das wirklich nicht tun! Überhaupt ist das mit dem fernsehen hier so eine sache. Euronews und aljazeera haben ein so schmales programm, dass man schon nach 45 minuten wieder die selben berichte sieht. Von dw-world gar nicht zu sprechen, die berichten eigentlich nur von modemessen in shanghai oder schokoladen-spezialitäten aus der schweiz. Dann habe ich auch noch die sateliten-anlage verstellt, da ali auf einem neuen sender (jadid) eine türkische serie sehen wollte, die sich hier gerade großer beliebtheit erfreut. In der serie treten nur schauspieler auf, denen so viel botox gespritzt wurde, dass sie allesamt gar keine mimik mehr haben, wesshalb jegliche stimmung (ob freude oder dramatik, trauer oder leichtigkeit) durch eine kitschige hintergrundmusik geschaffen werden muss, denn die schauspieler sind ja nun mal leider unfähig, sie in ihren gesichtern zu spiegeln.

Beim neu-einstellen des decoders sind mir dnn noch allerlei bizarre sender aufgefallen. Unter anderem einer aus oman, auf dem den ganzen tag (24 stunden!) videos laufen, die den herrscher omans lobpreisen. In musikvideoratiger gestalt oder in gedichten und texten mit bildunterlegung (auch ein sujet, dass schnell alpträume hervorrufen kann). Ich kann mir gar nicht vorstellen, wer sich das ansehen soll, außer eben der herrscher selbst, der sich dann denkt: man bin ich toll, dass die mich den ganzen tag so lobpreisen! Das ist eine fast noch billigere loyalitätsbekundung als die hier allerorten aufgehängten plakate (gestern eines gesehen, wo die zahnärzte syriens (!) dem großen präsidenten zum soundsovielten jahrestag der revolution gratulierten und ihre unverbrüchliche treue mit der baath-partei bekundeten – lächerlicher geht es kaum). Ich meine, das nimmt doch der dümmste einem nicht ab. Wie kann man nur glauben, dass so was wirkt? Es ist doch eher ein armutszeugnis und ein eingeständnis der eigenen beschränktheit und ja auch machtlosigkeit, wenn man so was nicht unterbindet. Also ich würde als präsident abends heimlich diese plakate abnehmen und ein gesetz erlassen, dass es bei hoher strafe verbietet, mich zu lobpreisen!

11:41 22.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
Schreiber 0 Leser 1
Avatar

Kommentare 2