kiffende fischer, wilde speedboote und party all the time

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In latakia schmeißen wir uns, nachdem wir ein viel zu teures aber sehr comfortables chalet angemietet haben, in die fluten. Es ist herrlich warmes wasser. Der strand ist gerammelt voll. Ölsardinen haben dagegen vermutlich viel platz. Überall badende, planschende kinder, marodierende jugendbanden, frauen im kompletten kostüm incl. kopftuch in den fluten. speedboote fahren den badenden über die köpfe und in all dem chaos gondeln schiffe mit lauter musik durch die badenden mengen und fahren diejenigen um, die die speedboote bisher überlebt hatten. Am abend gehen wir essen und dann treffen wir die freunde alis am strand (einem anderen stadtstrand, den ich noch nicht kannte und der mir angenehmer scheint). Dort sitzt man in fischerhütten und kifft. Die fischerhütten sind keine deko – die freunde alis arbeiten wirklich als fischer, wohl eine der wenigen branchen, in denen man arbeit findet – ja, fischer werden ja immer gebraucht! Danach noch zu uns ins chalet auf ein bier und dann ab ins bett. Dabei ist an schlaf nicht zu denken. Obschon die uhr weit fortgeschritten ist (es ist inzwischen 5 uhr früh) herrscht ein lärm, wie auf ballermann. Party 24 stunden am tag! es scheint niemand schlafen zu wollen. Auch wir kriegen kein auge zu. Die mücken haben wir zwar inzwischen durch heftigsten gifteinsatz zum verstummen, bzw. zum verscheiden gebracht. Aber die nachbarn kriegen wir mit dem giftspray nicht tot!

Total übermüdet werfen wir uns am nächsten morgen nochmals in die fluten. Das wetter ist klasse, der wind angenehm, das wasser schön frisch. Dann, nach einem weiteren kurzen kaffee mit einem freund alis, zurück zu den eltern. Dort bin ich so müde, dass ich mich (ein guter gast zu sein ist so schwer!) erstmal zwei stunden ins bett, bzw. auf die strohmatte lege. Danach kriegen wir noch etwas zu essen, einen tee und ab die post zurück nach damaskus. Eine romantische, fast nächtliche rückfahrt mit vollmond! Froh, wieder im eigenen (europäischen) bett in damaskus schlafen zu können und vor allem leise nachbarn zu haben! Auch, wenn es nur noch wenige nächte hier sind, bevor ich wieder gen „heimat“ (was ist das eigentlich inzwischen für mich?), bzw. nach deutschland muss.

Meine küche wurde unterdessen von einer ameisenkolonie okkupiert und besiedelt, die vermutlich darüber informiert ist, dass ich in bälde abreise und sich hoffnungen auf die nachmieterschaft macht. Im prinzip habe ich ja nichts gegen diese niedlichen und nützlichen tierchen. Aber wenn sie durch mein frühstücksmüsli krabbeln und alles in sekunden in beschlag nehmen ist schluss! Daher habe ich heute versucht (nachdem ich mehrere gescheiterte versuche unternommen hatte, mit dem kakerlaken-bekämpfungsmittel der ameisen herr zu werden), mit forciertem gifteinsatz wieder den alten ameisenfreien zustand herzustellen. Ich weiß, dass mir das sicher nicht den ersten preis im „save our world“-umwelt-award einbringen wird, mag aber beim essen auch nicht immer daran denken, ob das, was ich da gerade zerkaue nun wirklich ein leinsam-korn oder nicht doch eine ameise ist.

Ich lese mal wieder die syria today: der pina-bausch-film wurde verboten. Der grund: zuviel nacktheit! Dann macht die syria today noch eine kleine straßenumfrage: „wird es diesen sommer krieg zwischen syrien und israel geben?“ die überwiegende mehrheit der befragten geht nicht davon aus, da sie meinen, israel habe angst, dass ein weiterer krieg ausgehe, wie der libanon-krieg 2006 oder der gaza-krieg, da der „arabische widerstand“ sich inzwischen nicht nur auf die nationalen armeen (die ja zumindest hier in damaskus mit konzentriertem eckenstehen befasst sind), sondern vor allem auf „die straße“ stütze. Dennoch würde ein krieg „zur befreiung unserer okkupierten gebiete“ teil befürwortet da israel nur die sprache der gewalt verstehe. Vielleicht eine gute idee für die boulevardpresse: „wird es diesen sommer krieg gegen frankreich geben?“ im anzeigenteil werben fluggesellschaften mit: drei flüge von damaskus – die woche! Ein weiterer artikel äußert verständnis für die verlängerung der us-saktionen. Es sei nicht so gemeint, aber die usa habe keine andere wahl und auch kleine schritte seien ja schon zu verzeichnen. Soweit meine lektüre. Mein freund michel berichtet, dass es kaum noch funktionstüchtige syrische flugzeuge gebe, da eben wegen der us-sanktionen keine ersatzteile mehr ins land kommen und es keine anderen fluggeräte-hersteller als europäische oder amerikanische gebe.

Nun, mir wird es wohl dennoch gelingen, außer landes zu kommen, ich reise nicht mit syran-air. Aber ich reise. Und damit ist der aufenthalt hier vorbei und die damaszener scharaden an ihrem (vorläufigen) ende angelangt.

11:43 24.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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