kirchenglocken, singende pioniere und kampagnen zur volksgesundheit

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Sitze mit rafik am Vormittag im park (nachdem er beim „elektrischen mann“ in erfahrung gebracht hat, dass wir wasser und strom ab mitte des monats zu bezahlen hätten). Neben uns ein junger offenbar etwas verwirrter mann, der komische fragen stellt. Nicht die üblichen nach der schönheit des landes, sondern anscheinend welche, die politisch konnotiert sein könnten. Rafik antwortet, er lese keine zeitung (was nicht wahr ist) und könne dazu nichts sagen. Der gute ist noch diktatur-geschult. Er schärft mir ein, mich zu politischen themen nicht zu äußern, immer zu sagen, dass ich dazu nichts sagen könne, weil ich keine zeitung lese (allein das medium zeitung spricht noch bände darüber, aus welcher zeit diese angst kommt – heute könnte man ja auch fernsehen sehen). Die drei großen tabus der syrischen gesellschaft: sex, politik und religion. Sex kann man machen, darf sich aber nicht erwischen lassen und nie darüber reden (und nie meint nie!). Sich zu politischen themen zu äußern war sowieso gefährlich und religion ist ein tabu, weil die laizistische ordnung die religion klar in den bereich des privaten verweist. Auf die frage nach der eigenen religion (die an sich schon eine unhöfliche ist) ist die korrekte antwort: religion ist privatsache und das land ist für alle da. In der tat ist syrien ja nun ein musterbeispiel religiöser toleranz. All das dumme gelaber in deutschland über angeblich in muslimischen ländern nicht vorhandene kirchen wird hier lügen getraft, wo das staatsfernsehen zwei tage weihnachtslieder ausstrahlt und man mich auf christliche feiertage hinweist, von denen ich in deutschland nie etwas gehört habe, wo nicht nur christen, auch drusen und juden (ja, es gibt juden in syrien) ihre religion frei ausüben können und wo kirchenglocken ebenso zu hören sind, wie der ruf des muhezzin. (und wo ich glücklicherweise auch einfach keine religion haben kann, ohne dass es mir gefährlich wird!)

Gestern Mittag Shakir, mein tandempartner, mit dem ich mich auf dem arnous-platz treffe. Zur zeit des mittagsgebets fallen die geheimdiensler um so mehr auf, die ihre runden um den platz drehen, denn sie sind fast die einzigen menschen auf den straßen. Einer belauscht uns die ganze zeit, so dass ich ihm fast einen platz neben uns auf der bank anbiete, obschon alle anderen bänke auch frei sind. So ungeschichte polizisten! Was er wohl erhofft hatte zu hören? Deutsche vokabeln? Konspirative absprachen mitten auf dem platz zur ungünstigesten zeit? Im prinzip ist es aber mühsam sich in einer sprache, die man so wenig beherrscht zu verständigen. Noch immer denke ich, ich könnte zeichnerisch besser verdeutlichen, was ich sagen will, als auf arabisch. Die schwierigkeiten dabei lieben auf so vielen ebenen: laut-buchstaben-verbindungen, für mich gleich- oder ähnlichklingende laute (،ا ،ع ،ق ء oder auch،س ،ص ز), der unglaubliche reichtum an synonyman (immer wenn ich ein wort für etwas kenne, wird garantiert ein anderes verwendet), sehr vieles, was in der umgangssprache (die ich erlerne) nicht regelhaft sondern „eben so“ ist, oftmals keine für mich klare trennung von wortarten (nomen, adjektiv, verb) sondern eben ein konsonanten-stamm-prinzip (eine art bedeutungswurzel), dass die kurzen vokale nicht geschrieben werden und ich bei mhmd rate muss, ist es mahmud, mohamed oder hamoudi – was vermutlich sogar noch alles das gleiche ist, und so weiter. Außerdem lernt man sprachen wohl doch besser, je jünger man ist. Schade um die vielen arabischstunden!

Auf dem weg zum internetcafe beobachte ich eine gruppe junger pioniere (oder ihres syrischen äquivalents – hier trägt man immerhin noch die schnittigen uniformen und die bunten halstücher!) auf dem platz zwischen der amerikanischen und der iranischen botschaft, wie sie in einer wohl mühsam eingeübten choreografie mit klatschen und singen den weltfrieden ein stück näher bringt. Kleine kinder, die – wenn sie auch sonst noch nichts wissen – immhin gewiss gehen, dass sie historisch auf der richtigen seite stehen, wo hat man das sonst noch? Heile welt! Und der ort ist gut gewählt, bis auf dass der verkehr rücksichtslos weiter tobt und im allgemeinen geknatter und gehupe wohl kaum jemand merkt was da gerade gesungen und beklatscht wird.

Wieder rauchende kinder. Und arbeitende kinder. Und artige, still bei den erwachsenen sitzende kinder. Kindheit scheint hier entweder nicht erfunden zu sein oder eine kurze, möglichst schnell zu überwindende zeitspanne abzugeben. Wie viele kinder hier arbeiten, anstatt in die schule zu gehen, oder eben nach oder vor der schule noch mitarbeiten müssen. Vielleicht verhalten sie sich daher so gut, weil ihnen wirkliche verantwortung übereignet wird. Kein lernen an stationen und kein noch so ausgetüfteltes pädagogisiertes „eigenverantwortliches lernen“ kann das wirkliche leben ersetzen, das in deutschland doch zunehmend nur simuliert wird. Das mit dem rauchen aber müsste noch mal überdacht werden. Ich schlage eine kampagne für volksgesundheit vor: rauchen, zähneputzen (ja, auch um die mundhygiene ist es hier schlecht bestellt, der stark gezuckerte tee und die abwesenheit jeglicher zahnbürste hinterlässt unschöne spuren schon auf den zähnen der jüngeren) und die benutzung von kondomen. Die ersten kampagnen zu hiv/aids sind ja wohl eher nach hinten losgegangen. Die plakate („nein zu unehelichem geschlechtsverkehr“ – wirklich, kein schlechter scherz!) können, wenn es hart auf hart kommt, die verbreitung eines virus sicher nicht stoppen. aber vermutlich ist es einfacher, in einem muslimischen und konservativen land zahnbürsten zu verteilen, als kondome.

09:50 15.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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