kryptische sprichwörter, schicke präsidentenbilder und neue offenheit

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Ein guter tag um am warmen ofen zu lesen, das schami-buch ist durch und ich fange an, mich durch den schinken von michael roes zu kämpfen. Das beginnt mit einem nichtübersetzten arabischen sprichwort, das ich (mir fehlt nur ein wort) wortwörtlich so übersetze: „wenn war gerede nicht sein schöner als schweigen unterbrechungen.“ Entweder muss ich doch noch mal das wörterbuch bemühen, oder diese araber haben komische sprichwörter. Immerhin denke ich mir – vielleicht ist das auch ein postmodernes sprichwort. Und zumindest konnte ich etwas übersetzen! Später, beim arabischunterricht bügeln wir meinen missglückten versuch ein sprichwort zu übersetzen aus. Aus meiner übersetzung „wenn war gerede nicht sein schöner als schweigen unterbrechungen“ machen wir: „wenn das, was du zu sagen hast nicht schöner ist als ruhe, dann schweige“. Das hört sich doch gleich viel gelungener an.

Für morgen bin ich mit einem nachbarn verabredet. Er hatte mich vor einigen tagen auf der straße vor meinem haus angesprochen, ob ich hier wohne. Er arbeitet in halbouni im englischen buchladen und möchte glaube ich mal einfach etwas englisch sprechen. Da habe ich ja nix gegen. Wenn alles gut geht, treffen wir uns morgen auf einen kaffee. Das ansprechen ist hier einfach viel einfacher als in deutschland. Niemand würde einen doof anmachen, nur weil man jemanden unter einem dusseligen vorwand (wie spät ist es? Wohnst du auch hier in der nähe? – ich meine plumper geht es kaum) anspricht und dann im nächsten schritt die nummer austauscht. Ich habe hier inzwischen in den vier monaten so viele nummern in meinem telefon, dass ich bei einigen beim besten willen nicht mehr weiß, wer das ist, woher ich die nummer habe und warum wir die getauscht haben. Aber so kommunikativ ist es immer noch besser, als dieses miesepetrige deutsche.

Überall in der stadt sind neue präsidentenbilder plakatiert und zwar auf den freiwerdenden werbeflächen. Das wäre doch auch mal ne idee für die werbebranche in deutschland. Anstatt so dusselige eigenwerbung zu schalten (hier könnte ihre anzeige stehen oder nichts fällt auf wie ein plakat oder so’n dummsinn) immer merkelbilder kleben. Dabei muss natürlich dann auch die symbolik aus dem arabischen übernommen werden: merkel mit dem politischen ziehvater kohl und ihrem nachfolger (tja, wer bloß?) auf einem bild, wobei kohl ein heiligenschein gemalt wird. Oder: merkel in militäruniform mit sonnenbrille auf. Auch gut: mit zwei gekreuzten mg’s (wahlweise schwertern) unter ihrem konterfei. In allerlei albernen ordensbehängten phantasieuniformen mit sonnenstrahlen um ihren kopf in erlöserpose oder zusammen mit ahmadinedjad und nasrallah (wahlweise mit obama und sarkosi) als närrisches dreigestirn (oder dreigespann?). nun, ich werde diese ideen dem bundeskanzleramt mal antragen. Ne image-kampagne könnte der neuen bundesregierung doch nicht schaden.

Im cafe, in dem ich heute war lag die syria-today, eine von der regierung herausgebrachte englischsprachige zeitschrift, bei der man sich echt wundert, wie offen da tabus und probleme angesprochen werden. Die eine ausgabe über homosexualität, uneheliche kinder und unverheiratete paare lag noch da. Die neue habe ich mir mitgenommen und eine ältere ist mir noch in erinnerung, wo über korruption und andere politische probleme geschrieben wird. mein arabischlehrer meint, die können das nur so offen schreiben, weil das auf englisch ist und weil ein großteil der bevölkerung das eh nicht lesen kann. Diejenigen, die englisch können, und die ausländer, die das dann lesen, sind eh so gebildet und haben den background, dass sie die probleme wahrnehmen und dann mitkriegen, dass sich im hintergrund etwas ändert, ohne dass die reformen an die große glocke gehängt werden. Erstaunlich ist aber schon, dass die zeitschrift z.b. auch über in syrien festgenommene menschenrechtsaktivisten berichtet und artikel abdruckt, in denen die usa syrien auffordern, menschenrechtsaktivisten freizulassen.

16:38 06.03.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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