müllentsorgung, umfallende pfosten und schrummelige einkaufszentren

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Auf der fahrt zu einem laden in fahami, in dem es angeblich tolle klamotten geben soll, ist mir dann nochmal bewusst geworden, was ich schon länger ahnte, nämlich dass hier einerseits dinge, die wir als rücksichtslos bezeichnen würden nicht als solche wahrgenommen werden und gleichzeitig in anderen dingen deutlich mehr rücksicht genommen wird. Über das verhalten im straßenverkehr hatte ich schon ausführlich berichtet. Dort gibt es ja viele aspekte, die bei uns als rücksichtslos wahrgenommen werden würden. andere sind zum beispiel laute musik (gerne aus den im stau stehenden autos) oder die entsorgung von müll auf der straße. Auch wenn es genügend mülleimer überall gibt und diese auch regelmäßig entleert werden, werden im prinzip alle leute all ihren müll dorthin, wo sie gerade gehen und stehen. Da die mülleimerdichte deutlich höher ist als in deutschland, trifft der müll dann und wann mal einen mülleimer, was aber im prinzip eher zufall als berechnung ist. dennoch wird das nicht als schlimm wahrgenommen. Auch rauchen gilt hier nicht als belästigung anderer. Die idee, dass der rauch einen am nebentisch speisenden stört, kommt dem syrer nicht.

Gleichzeitig wird in anderen dingen mehr rücksicht aufeinander genommen. Über das platzmachen im bus und das geldweiterreichen im micro hatte ich schon geschrieben. Dies sind ja aspekte der rücksichtnahme. Vorhin zum beispiel habe ich beobachtet, wie ein frühpubertierender knabe im übermut mit seiner tasche gegen ein bäumchen schlug, das an einem pfosten festgebunden war. Vielmehr war es andersrum, der pfosten lehnte am dem bäumchen, aber das stellte sich nun erst heraus, als der pfosten eben umfiel. In deutschland wäre der blöde junge einfach weitergegangen. Hier jedoch hat er sich geschlagene 10 minuten bemüht, den pfosten wieder, und zwar diesmal richtig, an den baum zu befestigen. Überhaupt scheint es vandalismus hier nicht zu geben, viele dinge sind sehr viel verletzlicher (stromversorgung: sicherungskästen unten, draußen am haus) oder offener (stände der verkäufer nachts nur mit laken abgedeckt). Auch sind die haustüren eigentlich immer offen, so dass man in jedes treppenhaus reinkommt ohne zu klingeln. Die gegenseitige rücksichtnahme hat dabei sicher auch viele elemente einer sozialkontrolle.

Was hier oft nicht funktioniert, ist das internet. Ich wollte gestern etwas downloaden und es hat in drei internetcafes nicht geklappt. Da ich ja ein computer-analphabetist bin (was sich darin zeigt, dass ich immer schnell schlechtgelaunt bin, wenn etwas nicht klappt und keine lust habe, nach den ursachen zu forschen, sondern ich will, dass es verdammt noch mal funktioniert). Aber das tat es eben hier nun gerade nicht. Wenn es kein internet gibt in der stadt (wieder einzentrales serverproblem – dann kann die telefonrechnung sicher auch nicht bezahlt werden), fahren rafik und ich mal ins town-center, ein weit außerhalb liegendes (der name täuscht) sehr großes aber sehr viel schrummeligeres einkaufszentrum als das cham-city-center. Es sieht aus wie ein 6-stöckiger aldi mit allem. Also lohnt sich der weg. Und es lohnt sich sowieso, das zu sehen. Charakterlos, teuer, schlecht. Zum glück wird dieses center damit getraft, dass dort niemand hingeht, wir sind fast die einzigen kunden. Frage mich natürlich, wie die ca. 250 angestellten bezahlt werden, aber das soll nicht mein problem sein. Vermutlich musste ein saudischer scheich noch etwas geld loswerden und hat gedacht, er investiert mal in die zukunft.

10:16 04.03.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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