nullanfänger und das krankenhausgefängnis

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Heute der erste tag beim arabischkurs. Eine nette gruppe. Allerdings fast alles studenten, und da ich inzwischen auf meinen umgang achte, halte ich mich an die anderen drei oder vier nichtstudenten: eine pensionierte ärztin aus hamburg, eine politikwissenschaftlerin aus münchen (sehr nett!!) und einen was auch immer aus berlin, der bald zur arbeit nach dibai gehen muss. Die anderen 33 sind studenten, vorwiegend studentinnen der islamwissenschaften, viele türkische oder bosnische mädchen mit kopftuch aus heidelberg oder der schweiz, die neben türkisch (was sie ja nun schon meistens können) noch arabisch lernen müssen, was sie jetzt versuchen wollen. Die gruppe wird wohl in drei gruppen geteilt. Nullanfänger, etwas vorkenntnisse und fortgeschrittene. Ich werde vermutlich in die mittlere gruppe kommen, denn ich kann die buchstaben und einige wörter schon. Heute war nur die einführung, die kennlernrunde, das organisatorische, also alles nicht so anstrengend.

Die meisten, ich glaube fast alle, sind das erste mal hier und wurden auch von der sprachschule untergebracht (am bab touma) und es gibt dementsprechend auch ein rahmenprogramm, das aus stadtrundgängen (wie komme ich zum bab touma?, wo kriege ich geld? Wo ist ein nettes cafe? Etc.) besteht, die ich nicht mitmachen werde. Daneben sind ausflüge geplant und zwei vorträge über politische themen von spezialisten (mittwochs abends – da werde ich hingehen). Zwei mal haben wir tandemsitzungen mit arabischen studenten, die deutsch lernen, so dass man mal ausprobieren kann, was schon geht. Die räume sind deutlich weniger schick und schlechter ausgestattet als ich gedacht hätte, aber ok. Alles in allem macht das einen guten eindruck und scheint auch – obschon ich natürlich noch keine stunde arabisch hatte – besser zu sein als erwartet und besser als der türkischkurs den ich mal in istanbul gemacht habe. Es soll sprachpraktischer orientiert sein und hoffentlich ist es das auch.

Rafik hat heute eine unglaubliche geschichte zu erzählen: er war am gestrigen abend von einem bekannten auf dem motorrad mitgenommen worden, der ihn zufällig auf der straße auf dem nachhauseweg getroffen hatte. Rafik fuhr also mit (natürlich ohne helm, wie hier alle) und der fahrer hat ein missglücktes überholmanöver versucht, bei dem ein schlimmer unfall passierte. Ein auto prallte gegen einen brückenpfosten, der fahrer schwer verletzt, der motoradfahrer auch verletzt (kopf, schulter und so weiter) und rafik einfach nur vom motorrad gefallen und – unverletzt! Er muss eine ganze heerschaar von schutzengeln beschäftigen. Allerdings wurden alle ins krankenhaus gebracht, da auch rafik schwindelig war und sich allein schon wegen des schocks nicht gut fühlte. Da der motorradfahrer beim geheimdienst arbeitet, musste die vernehmung über den unfallhergang nicht von der normalen verkehrspolizei, sondern von einer speziellen polizei durchgeführt werden und da personen zu schaden gekommen sind, durften alle das krankenhaus (oder das krankenhausgefängnis wie rafik sagte) nicht verlassen.

Bis am abend 18 uhr war rafik im krankenhaus, seine familie natürlich auch, im unklaren darüber, was rafik hat (sie dachten etwas wegen seines herzen oder was auch immer), denn sie durften wegen der vernehmungen zum unfallhergang nicht mit rafik sprechen (es hätte ja was verschleiert werden können!). Rafik hatte totale angst, dass der fahrer ihm einen teil der schuld in die schuhe schieben wollte, das hätte für ihn wirkliche probleme bedeutet, aber der war wohl total korrekt, hat alle schuld auf sich genommen und so durfte rafik dann gehen. Er hat etwas schmerzen in der hüfte von dem sturz, aber es ist alles geröncht worden und da ist nix, also vermutlich wird das ein blauer fleck. Nur hemd und hose – keine lederschutzbekleidung versteht sich – sind kaputt. Wie gesagt: schutzengel. Und rafik wusste noch etwas positives zu berichten: der doktor sei sehr hübsch gewesen!

19:15 02.01.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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chrisamar | Community
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