reise in ein absurdes land - mein libanon-reisebericht

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Nun sind wir zurück. Vor zwei wochen ging es los. wir sind zuerst nach baalbeck in den libanon gefahren. Die fahrt in einem alten mercedes ist recht angenehm und geht schneller als gedacht. Vorne neben dem fahrer sitzt (es ist eine bank, keine einzelsitze) eine mutter mit ihrer kleinen tochter. Unangeschnallt und dauerrauchend aber vollverschleiert. Die kriterien sind hier eben andere. An der grenze müssen wir (anders als noch vor drei jahren) ein visum bezahlen, obwohl wir nur 2 tage bleiben wollen. Nicht, dass die gebührentafel das hergeben würde (transit bis 48 stunden gratis) aber der diensthabende offizier der libanesischen grenztruppen besteht auf einem vierzehntage-visum. Auf dem weg ins beka-tal werden die fahnen der hisbulla und der amal (einer anderen schiitischen miliz) immer zahlreicher. Entlang der landstraße hat man dekorativ die bilder der märtyrer der hisbullah auf plakatwände an den lichtmasten angebracht. So fährt man sozusagen die märtyrer-ahnengalerie des libanonkrieges von 2006 entlang. Dazwischen grinsen einen nasrallah oder khomeni an. Eine besonders schöne installation zeigt nasrallah in siegerpose auf einem panzer.

Die checkpoints der libanesischen armee, die sich hinter sandsäcken und auf panzern verschanzen und den verkehr kontrollieren, versuchen den eindruck zu erwecken, dieses gebiet nicht ganz aufgegeben zu haben, de facto aber ist es in hisbullah-hand. Das hotel in dem wir nächtigen (das altehrwürdige Palmyra) beherbergte schon kaiser wilhelm II. seit dem ist auch kaum noch etwas renoviert worden. Charmant und sauber aber verfallen. Neben uns sind noch eine französische und eine amerikanische familie mit kleinen kindern dort. Und ein männerpaar unbekannter nationalität. Im foyer hängt die galerie der besucher: attatürk, charles de gaule, pierre loti, andre gide und so weiter. Unser bild fehlt noch, aber es war noch etwas platz an den wänden. Baalbeck selbst, die stadt in der wir morgen römische ruinen ansehen werden, ist verschlafen.

Im libanon ist das öffentliche leben in der provinz eh eine simple angelegenheit: man setzt sich mit seinem zu dicken bauch in ein zu großes auto (mit vorliebe amerikanische geländewagen oder hummer, 7er-bmw oder mercedes s-klasse) und fährt mit sehr lauter, schlechter musik zu schnell (am besten viel zu schnell, damit die reifen quietschen) auf den verfallenen, schlaglochübersäten straßen immer im kreis (denn der ort ist ja nun mal recht klein – einige kommen in der zeit, in der wir unseren kaffee trinken, 20 mal an der selben stelle vorbei!). Da das alle tun, geht niemand zu fuß (eben außer thomas und mir und ein paar syrischen wanderarbeitern – was sollen die auch tun, als wandern?). es fällt uns wieder einmal auf, was für ein absurdes land der libanon ist: keine funktionierende stromversorgung, kein trinkbares leitungswasser, ein vollkommen unbewirtschafteter, vermüllter öffentlicher raum, schlaglochpisten als straßen auf der einen seite, die neuesten mittel- und oberklassewagen, schicke neue villen der reichen und eine rausgeputzte und aufgedonnerte bevölkerung auf der anderen seite.

Was für eine absurde gesellschaft, die es zwanzig jahre nach dem bürgerkrieg nicht schafft, sich für den neu angelegten fuhrpark entsprechende straßen zu bauen. Aber dazu müsste man ja auch zu einer gemeinschaftsleistung in der lage sein. Der kauf eines neuen wagens ist eine individuell zu bewerkstelligende aufgabe. An einem haus entdecken wir neben den hisbullah und amal-emblemen noch das an ein abgewandeltes hakenkreuz erinnernde zeichen einer faschistischen (in syrien verbotenen, aber im libanon erlaubten) partei, deren gruß der erhobene rechte arm ist (kommt einem irgendwie bekannt vor). Nicht ganz so sympatisch. Ich habe nicht erst seit heute das gefühl, dass der charme des landes nicht unbedingt durch den bürgerkrieg zerstört wurde, denn bei meinem besuch 1998 war der libanon noch ein sehr charmantes land. Es ist vielmehr so, dass die libanesen gleichsam mit der fortschreitenden motorisierung immer „blöder“ geworden sind. Aber eventuell sind das ja auch spät aufgearbeitete kriegstraumata, die zum rückzug ins privatistische führen. Am abend gegen 20 uhr ist man auf der straße auf jeden fall der einzige – mit einer ausnahme: dreiergruppen mittelalter männer in alten mercedesen: die straßenwachen der hisbullah. Die armee fährt – um ihrerseits präsenz zu zeigen – schwerbewaffnet patrouille.

nach einigen tagen und rundgang durch stadt und ruinen (leckere süßigkeiten aber kaffee immer nur mit gezuckerter dosenmilch – auch daran zeigt sich ja kulturverfall), geht es von baalbek über beirut (wo es regnet!) und saida (durch das wir mit einem rasanten fahrer nur durchdüsen) nach sur (thyre) im südlibanon. Zu den luxusvillen einiger reicher gesellen sich die zeltlager der armen (solidarität à la westerwelle? – die armen können im müll der reichen nach essbarem suchen). In beirut vor allem immer noch die zerstörungen aus dem bürgerkrieg. Die kaputten brücken und straßen aus dem libanonkrieg 2006 werden gerade alle repariert und führen zwar zu endlosen staus und umleitungen, das stadtbild prägen aber eher die alten zerstörungen und eben die neubauten (wobei die scheußlicher sind als die ruinen – leider!). Und die wunderbaren autobahnartigen straßen, die man so ganz ohne fußwege und ohne die möglichkeit, sie als fußgänger zu überqueeren geschaffen hat. Total modern!

Auf der fahrt in den süden werden die kontrollen der libanesischen armee genauer. Erst fahren wir durch christliches gebiet (hariri-bilder, sogar einige des korrupten regierungschefs signora sind zu sehen), dann wieder (im süden – von dem aus immer so praktisch israel beschossen werden kann) hisbullah-gebiet. Bei einer kontrolle wird unser pass gar nicht wirklich erkannt. Der soldat fragt: ist das ein ausländischer pass? Und welcher? Wir hätten ihm alles erzählen können. Vielleicht sollten sie anstatt alles geld in neue jeeps und panzer zu stecken mal etwas in die schulung ihrer soldaten investieren? In sur ist es warm und dennoch regnet es ab und zu. Aber es ist auszuhalten. Ein milder wind weht vom meer her. Menschen sind kaum in der stadt (wie wir das schon kennen), viele wohnungen scheinen ferienappartements von auslandslibanesen zu sein und die sind nur in den sommerferien hier.

Auch hier das gleiche bild: wichtige öffentliche güter wie strom sind nur teils vorhanden. Überall dröhnen die generatoren, der strom fällt ständig aus. Die müllabfuhr scheint nur sporadisch zu arbeiten (die leute schleppen ihre mülltonnen mit dem motorroller zur nächst größeren straße, wo sie sie selbst in große tonnen entleeren müssen). Aber das dröhnen der generatoren hört man ja nicht, da man mit vollaufgedrehter musik im amerikanischen geländewagen die strandpromenade entlangheizt (geschwindigkeitsbegrenzungen werden offenbar als vorstufe zur diktatur gesehen). Das hotel, in dem wir absteigen ist gut, sauber, etwas zu teuer und hat ein anständiges frühstück. Allerdings hat man es so gebaut, dass es keinen meerblick, sondern blick auf die benachbarten baustellen hat, was ja auch ganz charmant ist.

Die stadt selbst erinnert etwas an südeuropa. Ein kleiner noch genutzter fischereihafen, eine pittoreske altstadt mit kleinen kirchen (der libanon war ja ursprünglich gegründet worden, um der in dieser region zahlreich vorhandenen christlichen bevölkerung ein land zu geben), überall reste historischer bauten der kreuzritter und der römer. Die stadt liegt malerisch auf einer landzunge im meer (die wohl mal eine insel war bis alexander der große oder werauchimmer sie aufschütten und mit dem land verbinden lies). Es gibt funktionierende souks und wirklich hübsche häuser. Die zerstörungen des bürgerkrieges sind (von der infrastruktur mal abgesehen) an den gebäuden kaum noch zu sehen.

In der stadt begegnet sich in gestalt der un-soldaten die ganze welt. Ghanaische, thailändische und andere soldaten geben sich in der stadt ein stelldichein. Auffallend viele money-transfer-läden zeigen, dass die stadt (wie der ganze libanon) am tropf der auslandslibanesen hängt. So viele money-transfers, da muss wirklich viel money transferiert werden! Am ende, nach nun fast zwei wochen gehen wir an den allgegenwärtig knatternden generatoren vorbei zum busbahnhof und nehmen einen zuckelbus nach saida. Die straßen sind schlecht, die fahrweise der libanesen schlechter. Zum glück kriegen wir in saida einen bus, der uns ohne durchs stadtzentrum von beirut zu müssen (zwei stunden stau), nach damaskus bringt. Im bus unter anderem ein libanesischer student, der in damaskus studiert, da es im libanon zu teuer ist. er kann sich ein studium in seinem land nicht leisten, da alle universitäten privat sind (bildungssystem à la westerwelle?) und viel geld kosten. In damaskus hingegen kann er auf kosten des syrischen staates ausgebildet werden.

Da syrien alle araber als eine nation sieht, können sie visumsfrei einreisen und im prinzip auch dort bleiben. Allerdings wurde diese regelung durch die zwei millionen kriegsflüchtlinge aus dem irak verschärft. Ich frage mich manchmal, woher die libanesen ihre überheblichkeit den syrern gegenüber nehmen. Sie kriegen im öffentlichen leben (wasser, wege, strom, müll, bildung, etc.) wenig geregelt, fahren mit dem neuesten handy in der hand mit tempo 120 durch ihre zerstörten ortschaften und glauben, sie seien modern. Aber die syrer, die ein funktionierendes gemeinwesen haben (die unter anderem strom an den libanon liefern) halten sie für halbe wilde, weil die sich die neuesten handymodelle und die s-klasse meistens eben nicht leisten können. Man muss dem libanon zu gute halten, dass er es nicht leicht hat. Die explosive zusammensetzung der bevölkerung und der ja auch daraus folgende bürgerkrieg haben vermutlich mehr zerstört, als man auf den ersten blick sieht. die ständigen angriffe israels machen einen aufbau sicher nicht einfacher. Und dass syrien das land bis vor kurzem wie ein protektorat (oder vielmehr eine eigene freihandelszone) gesehen hat, bis es nach dem mord an hariri gezwungen wurde, seine soldaten abzuziehen, haben dem land sicher auch nicht gutgetan.

21:40 16.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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chrisamar | Community
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