satelitenschüsseln, wirelesslan-cafes und früher war alles besser

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Es ist Freitag, und seit ca. einer stunde klingen gesänge von allen (schätzungsweise zwanzig) mich umgebenden moscheen. Sonst wird heute nicht viel passieren. Freitags ist hier wirklich alles dicht. Fast so wie in deutschland in den 80er jahren vor der liberalisierung der ladenschlusszeiten. rafik erzählt beim frühstück wilde geschichten aus seinem leben. Aus den siebzigern im süd-libanon und aus den sechzigern, als er kind war aus damaskus. Wir haben genug zeit, denn wir müssen warten. Auf den satelitenmann. Das ist der, von dem wir hoffe, dass er sich damit auskennt, unser problem mit dem tv-empfang per satelit zu lösen. Bisher ist es nämlich so: im salon steht ein fernseher. Dieser wird über das sateliten-empfangs-gerät im schlafzimmer gesteuert. Die signale werden durch zahlreiche kabel, vermutlich auf umwegen irgendwie in den salon geleitet. Der fernseher im schlafzimmer funktioniert selbstredend nicht. Wenn man nun ein anderes der 478 programme sehen möchte, muss man mit der fernbedienung durch die ganze wohnung ins schlafzimmer, um das dort zu verstellen. Da man sich die belegung der 478 kanäle aber schlecht merken kann, ist das ein so freudloses unterfangen, dass ich bisher nie ferngesehen habe.

Wir wollen – oho! – dass das sateliten-empfangs-gerät auf dem fernseher steht, wie man es millionenfach schon gesehen hat. Das ist die anspruchsvolle aufgabe. Sie ist – nach 4 stunden ist der satelitenmann da – nur zu lösen, indem man 36 (in worten sechsunddreißig) meter kabel neu verlegt. Unsere wohung ist unterm dach, direkt darüber stehen die satelitenschüsseln, aber er verlegt 36 meter kabel (das meiste davon bei uns im salon), in großen schlangenlinien. Das kabel (es ist neuer, viel dicker und wahnsinnig stabil, heißt auch, lässt sich schlecht verlegen) wellt sich jetzt also den salon entlang, kommt durch ein loch, das mal eben in den fensterrahmen gebohrt wird, und füllt den salon gut aus. Immerhin kann man jetzt fernsehen. Und ich habe auch schon herausgefunden, wie ich die wichtigsten programme so lege, dass ich nicht zwischendrin die 164 religiösen jaulsender ansehen muss, um von bbc zu aljazeera zu kommen.

Das wirelesslan-cafe, in dem ich versuche ins internet zu kommen, ist schlimm. Alle 2 minuten schwänzelt jemand um einen herum und fragt, ob man noch was wolle. Man will nur seine ruhe, hat noch zu trinken und dennoch immer wieder. Wir haben auch bier. Ja herrgott! Wenn ich eins wollte, würde ich es doch sagen, oder? Fast wie bei loriot – und teuer! Man kann also auch hier für einen o-saft 3 euro bezahlen. Ich werde mir wohl doch einen internetanschluss legen lassen. Denn im internetcafe ist es nun verboten die eigenen laptops anzuschließen, es gibt überhaupt bei mir in der nähe keine internetcafes und das in scha’alan ist immer überfüllt. Dabei sind die adsl-anschlüsse wohl inzwischen für ca 15 euro zu haben und es soll angeblich nur 2 oder 3 tage dauern. Das wäre doch rekord, oder? Dann besorge ich mir auch einen, dann hat die leidige rennerei ins internetcafe ein ende.

Habe danach versucht, mich zur gebuchten arabisch-sprachschule durchzuschlagen, es aber nicht geschafft, denn ich habe sie schlicht nicht gefunden. Ich habe die us-botschaft gefunden und die moschee, die angeblich daneben sein soll, aber kein moen-institut. Hoffe, dass ich nicht einem betrüger aufgesessen bin. Die us-botschaft ist von einem 20 meter hohen zaun mit stacheldraht umgeben. Direkt gegenüber die irakische botschaft, dahinter der sitz der „saudi-bin laden-group“! ja, alles beieinander. Das ganze viertel ist aber langweilig. Keine menschen auf der straße, außer diesem sicherheitspersonal mit reichlich maschinengewehren und der polizei.

Rafik erzählte auf unserem abendlichen spaziergang, dass früher – wie sollte es anders sein – natürlich alles besser war. Wer nach 22 uhr noch auf der straße gewesen sei, habe sex mit männern gesucht. Frauen waren selbstredend nicht auf den straßen. Heute seien ja alle so modern, da seien sie eben lange draußen und überhaupt. Ich finde es immer noch erstaunlich, wie offen hier auf den straßen am abend gecruist wird, glaube aber gerne, dass es früher „besser“ war, diese erfahrung machen wir ja in deutschland auch. Hatte einen heißen flirt mit einem kleinlastwagen-fahrer im souk. Leider keine telefonnummern ausgetauscht, aber manchmal ist es ja auch die situation und die flüchtigkeit derselben, die den reiz ausmacht. Alles festzuzurren ist dann ja auch anstrengend.

00:38 26.12.2009
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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