selbstbewusste kurdinnen und eine stadt ganz ohne toiletten

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Ein freund rafiks warnt uns noch vor den menschen in el-hasakeh. Sie seien schlecht und durchtrieben, von liederlichen beweggründen geleitet und habsüchtig. Er müsse es schließlch wissen: seine frau sei aus dieser stadt. Dennoch verläuft unser besuch ohne größere komplikationen. Ahmad, den wir in seinem dorf, ca. eine microbusstunde von el-hasakeh entfernt besuchen, hat am busbahnhof der nächstgelegenen stadt el-darbassiyah einen freund mit wagen organisiert, der uns ins heimatliche dorf (eine ansammlung staubiger lehmhütten ohne wasseranschluss (der wasserwagen kommt alle paar tage und dann füllen die bewohner allemöglichen gefäße mit wasser wieder auf) und nur unregelmäßiger stromversorgung (während unseres besuches fließt er jedenfalls nicht). Seine eltern sind zu trauerfeierlichkeiten ausgeflogen, so trinken wir zusammen mit seinem cousin einen tee und plaudern. Die landschaft um die staubigen behausungen herum allerdings ist äußerst fruchtbar und grün. Es handelt sich hier um den arabischen halbmond, die gegend der welt, in der die menschen vor ca. 11000 jahren sesshaft geworden sind, also uralten kulturboden (in syrien al-jasira – die insel – genannt, da er zwischen euphrat und tigris quasi auf einer von zwei flüssen umschlossenen insel liegt). Die grabungsstätte des tell halaf, über das agatha christie so anschauliche berichtet, liegt nur wenige kilometer entfernt.

Dass die gegend nicht ganz arm ist, erkannt man auch an den gut ausgebauten straßen. Noch um deir-elzor herum wurden sie immer schmaler und schlechter. Hier sind sie manchmal wieder autobahnartig ausgebaut. Vielleicht fließen ja auch schon kurdisch-irakische ölmilliarden hierher. Wer weiß? Die kurdinnen jedenfalls, lassen sich den schneid nicht abkaufen, wie man so sagt. Sie treten ausgesprochen selbstbewusst auf und man kann sich kaum vorstellen, dass sie sich von ihren männern das bieten lassen würden, was sich manche araberin gefallen lassen muss (dass der mann nie zuhause ist, weil er sich lieber mit seinen freunden im teehaus herumtreibt ist dabei sicher noch einer der angenehmeren aspekte). Ich überlege kurz, ob das was damit zu tun haben kann, dass die kurdischen gebiete diejenigen sind, in denen ackerbau und viehzucht entstanden sind. Vielleicht hat diese wirtschaftsform die gleichberechtigung befördert, weil sie (wenngleich mit klarer arbeitsteilung) den frauen einen entscheidenden prozess in der wertschöpfungskette zugedacht hat. Es ist ja zumindest auch augenscheinlich, dass in den kurdischen organisationen, wie zum beispiel der pkk, frauen eine entscheidende rolle spielen und als gelichberechtigte kampfgefährtinnen anerkannt sind. Die durch das leben in der wüste geprägten nomadischen kulturen der araber sind was geschlechterspezifische arbeitsteilung angeht vielleicht ganz anders strukturiert (ich weiß aber nicht wie). Meine kulturantropologischen, bzw. ethnologischen überlegungen gestalten sich aber, ob der bedingungen unter denen ich sie anstelle, schweirig. Ich finde mich nämlich in einen microbus gefärcht auf dem rückweg nach el-hasakeh. Wo in damaskus in einem solchen bus 13 passagiere platz finden und schon so manchmal gedrängt sitzen müssen, haben sich hier 24 zahlende fahrgäste in den bus gestopft. Ich sitze also halb auf einem kleinen ca. dreizehnjährigen jungen, während rafik es sich auf mir bequem gemacht hat.

Dennoch finden meine umherschweifenden gedanken ein weiteres sujet: brave kinder im microbus. Gerade wo hier so viele zusammengefercht sind, fallen sie mir wieder auf. In deutschland wäre eine ansammlung von so vielen kindern der reinste terror! Erste zweifel über meine loblieder, brave kinder betreffend, aber mischen sich in meine gedanken. Kann es sein, dass eine moderne gesellschaft, die noch dazu so wenige kinder hat und die diese wenigen möglichst gut ausbilden will, ihnen damit also von klein auf an bildungsanreize verschaffen will, eben wegen der auf diese kinder wirkenden erziehungseinflüsse aber auch wegen der auf sie wirkenden geselschaftlichen einflüsse, so brave kinder nie hervorbringen kann? Eben weil diese braven und stillen kinder vielleicht auch so brav und still sind, weil sie eben keine anreize bekommen, weil ihnen eben keine fragen kommen, bzw. diese nicht beantwortet werden? Sie mögen brav und still sein, aber sie wären dann eben am ende ihres bildungs- bzw. sozialisationsprozesses auch nicht in der lage, in einer modernen, diversifizierten gesellschaft erfüllt zu leben. Eben weil die anforderungen an menschen bei uns andere sind (kreativität, flexibilität, und all der schmonz). Und weil eine sozialisation darauf gerichtet ist, die erwünschten resultate hervorzubringen. Um einen job bei der staatssicherheit zu machen, wo man am maiskolbenstand sitzt und abends dem informanten bericht erstattet, reicht das brav sein und ruhig dasitzen doch allemal.

Zurück in el-hasakeh fällt mir auf: El-hasakeh scheint eine stadt, ganz ohne toiletten zu sein. Dass sich in einer stadt mit inzwischen über hundertausend einwohnern keine öffentlichen toiletten befinden, mag man noch verzeihlich finden. Allerdings haben wir nicht ein restaurant, nicht ein cafe oder teehaus mit toilette gefunden. Die nachvollziehbare, doch für europäische ohren erstaunliche erklärung dafür war, dass die stadtverwaltung bei toiletten (offenbar anders als bei küchen!) auf eine ordnungsgemäße abluft achten würde. Diese zu installieren sei aber doch recht aufwändig, so dass man lieber ganz auf toiletten verzichte. Dem gast, der mal dringend muss, hilft diese erklärung allerdings nur in ansätzen weiter. Mir wurde glücklicherweise (mit der begründug, weil ich ausländer sei – positive diskriminierung?) zwei mal eintritt in die hinter den küchen, bzw. wirtschaftsräumen liegenden personaltoiletten gewährt. Die einblicke, die ich dabei gewinnen durfte, waren allerdings mehr als erschütternd. Vielleicht sollte die stadtverwaltung mal ein auge auf die hygienischen zutände in den küchen werfen, bevor sie sich um toilettenabluft kümmert.

17:19 28.05.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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