späte kinobesucher, skandalöse sexszenen und mutige kulturminister

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Am abend gehen wir mal ins kino. Der neue almodovar! Der neue (naja, so neu ist er ja nicht mehr – aber es ist der letzte von ihm)! In damaskus! Ich war reichlich erstaunt. Zerrissene umarmungen – los ambrossos rotos oder so. Auf spanisch. Mit englischen untertiteln (sonst hätte ich das auch nicht gemacht). Also man MUSS almodovar ja im spanischen original sehen. Der kinobesuch hier ist ja ein ganz anderes soziales ereignis als in deutschland. Nicht nur, dass es einige gibt, die sich an das rauchverbot nicht halten und das wichtige telefonate gerne nebenbei geführt werden, auch kommt man hier tatsächlich gern zu spät. Das ist sonst in syrien ja nicht üblich. Man ist hier normalerweise oberpünktlich. Bei verabredungen zum beispiel wird man schon nach zwei minuten verspätung angerufen, wo man denn bleibe. Ich glaube, dass das ein erbe der diktatur ist, wo es eben eher gefährlich ist, wenn man zu lange an ecken rumsteht, da man sich damit verdächtig macht. So sind also normalerweise immer alle pünktlicher als in deutschland. Nur nicht beim kinobesuch. Da kommt man gerne mal etwas später. Das wäre ja auch nicht so schlimm, wenn es einen werbeblock gäbe, aber den gibt es nicht. Der film fängt sofort an. Auch vorfilme sind offenbar unbekannt. Der film aber startet auf die sekunde genau. So bekommt die hälfte der gäste den anfang des filmes nicht mit und die andere hälfte auch nicht, da durch das kommen eine gewisse unruhe entsteht. Der film aber kam prächtig an!

Ganz anders als ein anderer film, den ich mal im rahmen eines filmfestivals in damaskus gesehen hatte (bei meinem letzten aufenthalt). Der film war der schocker! Der festivalleitung musste man wirklich respekt vor ihrem mut zollen. Moderner film, also keine handlung, keine höhepunkte, viele ergebnislose und verworrene dialoge, keine filmmusik, lineare erzählform ohne jede spannung – eher anstrengend zu sehen (www.alle-anderen.de). Aber eben sehr (post-)modern. Es ging um ein (unverheiratetes! – hier schon mal undenkbar) paar, das in sardinien im haus der mutter urlaub macht, dabei die ganze zeit über freiberufler-projekte lamentiert und mit dem leben so richtig unzufrieden scheint, das ständig nackt durch die gegend rennt und das die ausgeprägten beziehungsprobleme vor allem durch sex „löst“. die hälfte des publikums ist gegangen! Es waren auch jugendliche anwesend! ich meine ich hätte den film vielleicht ab 16 freigegeben aber auch nicht in schulklassen mit pubertierenden gezeigt, denn die sex-szenen waren recht explizit. In europa sieht man so was schon mal, aber hier geht ja eine nackte frauenschulter noch als porno durch, wenn dann sexszenen auf der leinwand zu sehen sind, das war DER skandal! Daran merkt man mal WIE koservativ das hier ist. die leute waren wirklich schockiert. Ein film wie shortbus oder ähnliches wäre hier undenkbar. ich habe die ganze zeit in mich reingestaunt und wie gesagt die festivalleitung für ihren mut bewundert, sich für diesen film entschieden zu haben, zumal diesen in dem größten saal zu zeigen, den damaskus zu bieten hat. Das cham-cinema 1 ist bestimmt größer als das größte cinemaxx. Es waren sicher nicht nur die sexszenen, auch die fast schon demonstrativ zur schau gestellte bindungslosigkeit, die sehr egalitären geschlechterrollen, etc, die diesen film dann auch wieder zu einer wirklich guten wahl machten. Er zeigte eben sehr eindringlich, dass in letzter konsequenz sexuelle befreiung ohne den preis der ödnis nicht zu haben ist. Und er kam dann wohl beim verbliebenen publikum (moderne junge menschen und wie rafik sagte viele drusen) auch recht gut an. Vor dem film habe ich noch einen freund getroffen, der sich einen anderen film angesehen hatte, der wohl auch recht gut und kontrovers war. Und man kann vermuten, da eben der kulturminister syriens die schirmherrschaft über dieses festival hatte, dass damit auch irgendwie ein zeichen gesetzt werden sollte. Wenn ich doch bloß wüsste, welches.

14:15 29.03.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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