staubige, alte steine, stasi-stadtbilderklärer und waschmittelmessen

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Am morgen fahren wir zur autovermietung, wo wir – wie letztes mal – sehr unkompliziert unseren vorbestellten wagen erhalten. Dabei ist er diesmal nicht ganz so gut in schuss, was mir allerdings besser gefällt, da man im straßenverkehr hier ja gerne mal auf tuchfühlung geht. Manchmal steigen die menschen nichtmal aus, wenn es einen kleinen auffahrunfall gegeben hat um zu sehen, ob etwas kaputt ist, solange der motor noch arbeitet und alle räder dran sind, geht es weiter durch den munteren verkehr. Da kann ein wagen, der schon die ein oder andere schramme aufweist nur von vorteil sein. Unsere erste station ist qadna, eine alte stadt, die vor vielen tausend jahren wohl mal so was wie eine blüte erlebt haben muss, nun aber unter einem haufen sand etwas nord-östlich von homs begraben liegt und gerade ausgegraben wird. Einerseits ein erstaunlicher ort und beeindruckend, dass dort und wie dort menschen gelebt haben. Andererseits ist es so wie mit ausgrabungsorten immer: viel staub, sand, alte steine und da hier so wenig touristen unterwegs sind und es sich nicht zu lohnen scheint, nichtmal ein cafe, in dem man den sand aus der staubigen kehle spülen könnte.

Beeindruckend, wie gut überwacht alles ist. schon auf der straße werden wir von freundlichen, uniformierten herren ausgefragt, woher wir kommen, wer wir seien und wohin wir wollten. In qadna selbst dann sofort von einem motorradfahrenden geheimpolizisten, der sich schlecht als führer tarnt (nicht der führer, nein! Stadtbilderklärer meine ich) beschattet und ausgefragt. Die datensammelwut macht nichtmal vor der handynummer der mitarbeiterin des büros in dem wir unseren wagen gemietet haben halt. Unnötig zu erwähnen, dass zuvor noch in etwa hundert andere daten erhoben werden (incl. Nummernschild, mietwagenfirma, fabrikat und baureihe unseres wagens – eines nissan sunnys – unserer passnummer, handynummern, zimmernummern im hotel, hoteltelefonnummern, unserer handynummern und so weiter). Danach haben wir uns noch eine in der landschaft stehende araberburg angesehen (ja, nicht nur die kreuzritter haben hier burgen gebaut, aber man muss schon sagen, dass die kreuzritterburgen bei weitem beeindruckender sind) und sind nach hama weitergefahren. Hama ist bekannt wegen der wasserräder, welche wasser mit schaufelrädern auf ein höheres niveau heben. Damit haben die menschen hier schon vor urzeiten (als sich in europa alle gerade noch mit keulen die schädel plattgeschlagen haben) nicht nur ein höheres wasserniveau, sondern eben auch ein höheres zivilisatorisches niveau erreicht. Schöne bauten, brunnen und hamams zeugen davon.

Allerdings machen diese wasserräder einen schrecklichen lärm. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass sich drehende räder einen solchen verursachen, aber es hört sich an, als ob in nachbars garten permanent mit einer motorsäge gearbeitet würde. Und das tag und nacht. Was die menschen nicht alles ertragen! Allerdings eben nur dann, wenn gerade wasser in der stadt ist, was eben jetzt der fall ist. ich war schon mehrmals zuvor in der stadt und immer war dort, wo jetzt wasser ist und eben auch die sich drehenden räder sind, nur eine unerträglich stinkende und modernde kloake. Da war nix mit drehen, kein lärm aber dann eben auch keine luft, die man hätte atmen können. Hama (nicht nur wegen der wasserräder bekannt, sondern auch wegen der moslembrüder, die hier in den 80er-jahren stark waren und gegen die der vater des jetzigen präsidenten mit aller gewalt vorgegangen ist) ist eine wirklich schöne stadt. Zumal, wenn dort gerade das frühlingsfestival und eine blumenausstellung stattfinden. Überall fleuriert es, man singt, tanzt und spektakelt so vor sich hin. Bis spät in die nacht treten sängerinnen und sänger auf und führen zu partystimmung allerorten. Besonders beeindruckend fand ich einen markt, der sich anscheinend ganz dem thema waschmittel gewidmet hatte (wohl so eine art konsumentenmesse). An die einhundert marktstände, die alle nichts anderes als reinigungs- und waschmittel feilboten. Allerdings in den unterschiedlichesten varianten und verschiedenster fabrikate. Ja reinigungsmittel scheinen ein schier endloses thema zu sein, und geradezu eine obzession der syrer.

10:02 15.06.2010
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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