sylvester findet gar nicht statt!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sylvester findet in damaskus eigentlich gar nicht statt. Also zumindest nicht auf der straße und auch für unsereins nicht sichtbar. Ich hatte mich vorher erkundigt, ob es denn auch partys geben würde und natürlich hat man mir bestätigt, dass es welche gäbe. Aber fehlanzeige! Vermutlich war es allen schlicht zu peinlich zu gestehen, dass man das neue jahr (welches hier ja im prinzip nur eine der beiden zeitrechnungen markiert) gar nicht wirklich feiert (außer in modernen und teuren discotheken europäischen stils, weit außerhalb der stadt gelegen, so dass man nur mit einem auto hinkommt, wo die jeunesse doree unter sich bleibt). Außer ein paar mehr polizisten auf den straßen keine besonderheiten zu vermerken. Kein einziger böller (geknallt wird eh lieber am fest zum ende des ramadan, manchmal auch beim schlachtfest, aber eben wohl nicht wirklich zum neuen jahr). Mir kommt das ganz gelegen, denn ich habe diese sylvester-hysterie (mit den dazugehörigen depressionen und brandverletzungen) nie gemocht. Jetzt also 2010. Auch gut. Der kalender in meinem schlafzimmer (der noch von den vormietern dort hängt) zeigt gleich mehrere zeitrechnungen an. Den europäischen (gregorianischen?) und den islamischen kalender, darunter den, dessen namen ich nicht weiß (julianischen?) und den sie in russland haben (also der, bei dem oktober ist, wenn wir november haben und so) und den jüdischen (ja, den jüdischen kalender in einem arabischen haus!). die meisten hier käuflich zu erwerbenden wandkalender (die, bei denen man eine seite am tag abreißt) haben diese vier kalender drauf. Das mit dem jüdischen hat mich anfangs auch erstaunt, aber welcher soll es sonst sein bei dem wir im jahr 5000soundso sind? Eben der, der bei moses anfängt, oder?

Mit rafik auf der suche nach schuhen für ihn gestern noch im cham-city-center gelandet (einem grässlichen neuen einkaufszentrum mit dem charme, den einkaufszentren eben haben – aber ich wollte das hier auch mal sehen, denn es ist eben nicht alles nur romantischer souk mit feilschenden händlern!). davor hatten wir schon festgestellt, dass die hier angebotenen schuhe für die in syrien vorherrschenden dicken füße allesamt ungeeignet sind, denn sie sind viel zu filigran geschnitten (daher wohl auch die angewohnheit, halbschuhe unten runterzutreten und wie puschen zu tragen). So sollte es denn ein sportschuh sein, größe 43. Was eine unmöglichkeit darstellt, denn im ganzen einkaufszentrum lässt sich ein schuh dieser größe nicht auftreiben. Begründung: alle haben eben größe 43. Man könnte diese größe ja daher im angebot haben – aber weit gefehlt. Man hat sie eben daher nicht. So kann der neue kapitalismus hier aber nicht funkionieren! Nochetwas: die ausschilderung, welches geschäft wo auf den fünf etagen ist, gibt es immer nur auf der jeweiligen etage für die jeweilige etage. Sehr praktisch, wenn man reinkommt und eben so gar nicht weiß, ob nach unten oder nach oben, nach links oder nach rechts. Ja, da ist noch einiges zu verbessern. Ich sollte eine eingabe an den präsidenten verfassen.

Heute am mittag war bei goethe im rahmen eines kleinen empfanges die verabschiedung einer mitarbeiterin. Dazu kommt die creme de la creme der deutschen gemeinde in damaskus zusammen – also bin ich auch eingeladen in den großen saal des goethe-instituts. Zu schnittchen und non-alkoholischen kaltgetränken, die gereicht werden, gibt es einige mittelmäßige abschiedsreden. Danach wird ein kleiner dicklicher arabischer herr aufgefordert zu singen, was er auch sogleich tut. Ohne musikbegleitung und aus vollem herzen und schön und so mitreißend, dass der saal gleich in stimmung kommt und einige sogar beginnen zu tanzen. Danach wird das mikro weitergereicht und alte abschiedweisen werden zum besten gegeben, alles was das arabische liedgut zum thema abschied (viel!) hergibt, wird dargeboten. Eine dann doch lustige und so ganz andere art, als wir in deutschland uns von kollegen verabschieden würden, wo wir ja so gar nicht mehr singen. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich ein kleines lied singen könnte, ich würde man gerade noch „alle meine entchen“ zustande bringen und es wäre mir arg peinlich! Aber hier wird immerzu und gern gesungen!


21:00 01.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
Schreiber 0 Leser 1
Avatar

Kommentare 12

Avatar
rahab | Community
Avatar
Avatar
meisterfalk | Community
Avatar
Avatar