tutende züge, serviceorientierte bahnbeamte und keine entgleisung

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Nach meiner nunmehr ersten zugfahrt mit der staatsbahn cfs muss ich feststellen, dass das bahnreisen in syrien nicht implementiert ist. der bahnhof ist – für eine 6-millionen-metropole – provinziell und es ist wenig los. Viele junge männer, einige auch recht gutaussehend. Pünktlich um fünfzehn uhr zehn fährt der zug mit durchgehendem getute ab. Recht viele leute bleiben am bahnhof sitzen, obschon der zug nun fährt. Da der nächste zug erst sechs stunden später geht, kann ich mir kaum vorstellen, dass sie auf den warten werden. Handelt es sich um trainspotter? Die sitze sind äußerst bequem! bei der innengestaltung wurde viel wert auf kleine details gelegt. Jeder sitz hat eine holzverschalung, ein tablett, ist aufwendig geformt und kann in eine liegeposition gebracht werden. Überhaupt wurde ungemein viel material verbaut. Es scheint nur erster klasse wagons zu geben (wohl eine Remineszenz an die sozialistische vergangenheit). Die wagons sind zu etwa einem drittel gefüllt. Schon kurz nach der abfahrt kommen drei kontrolleure! Einer kontrolliert. Ein weiterer steht daneben und könnte im falle, dass ein fahrschein an bord gekauft werden müsste, diesen ausstellen. Ein dritter hat dann die verantwortungsvolle aufgabe, die kontrollierten fahrkarten zu entwerten, indem er sie mit der hand zerreißt. Das bordrestaurant, in dem einige hasen arbeiten, verdient strenggenommen seinen namen nicht, denn es gibt nur tee und kaffee. Immerhin denken wir, wir sind ja im schnellen zug und werden pünktlich zum abendessen in aleppo sein. Aber da hatten wir die rechnung ohne die syrische staatsbahn gemacht. Denn kurz darauf bricht unklarheit darüber aus, in welchem zug wir nun eigentlich sitzen. Auch das anwesende personal kann dazu nur unklare angaben machen. Der zug sei schnell, aber nicht sehr schnell, aber eben auch nicht langsam. Er brauche – heißt es vier, nein fünf, nein doch eher sechs stunden. Einen fahrplan scheint es nicht zu geben und wenn, dann ist er den bahnangestellten nicht bekannt. Zum glück entschädigt die aussicht. Die Landschaft ist wunderbar grün hier, herrlich orientalisch-wüstig dort. Kinder und jugendlich winken dem zug zu (wo sieht man das in deutschland schon mal?). die Serviceorientierung der staatsbahn ist ungeschlagen. Nicht nur, dass permanent angestellte durch den zug gehen, die nächsten stationen ansagen, einem wasser holen, kaffee bringen oder taschentücher reichen, nein, sie sind auch für gemeinsame fotosessions zu haben und schakern mit einem herum, halten die gäste bei laune. Die stimmung ist gut. Man plaudert, teilt getränke und lernt sich kennen. Ziemlich direkt macht uns einer der arbeiter an. Wir tauschen nummern, machen fotos, schakern so herum. Da vergehen die stunden wie im fluge! Wenn die bahn fährt, ist sie tatsächlich schnell. So schnell, dass man hofft, dass die entgleisungen zu ehren von karl marx um fünfzig prozent gesenkt werden konnten, denn die gleise sind furchtbar ruckelig und man wird hin und her geschaukelt. Aber man fährt eben oft gar nicht, sondern wartet, dass ein entgegenkommender zug an einem vorbei gefahren ist. die strecke ist eben leider nur eingleisig.

Angekommen wird versucht, gleich eine rückfahrkarte zu erwerben, was nicht so einfach ist, denn der aleppoer, alepper oder aleppiner ist gut organisiert, was sich vor allem daran zeigt, dass die tickets in verschiedene destinationen an den jeweils unterschiedlichen schaltern in jeweils anderen räumen verkauft werden. So muss man sich an einem schalter erkundigen, wann ein zug fährt, an einem weiteren seinen pass (mit namen der eltern!) registrieren lassen, um die berechtigung zum erwerb einer bahnfahrkarte zu bekommen. Dann kann man zum fahrkartenschalter (aber bitte dem richtigen!) gehen, wo man erstaunlich günstig die rückfahrkarte erwerben kann. Aus dem bahnhof herausgetreten nimmt einen die anmut der stadt sofort in den bann. Wir fahren zum baron hotel, wo wir standesgemäß logieren. Rafik bekommt als syrer das zimmer für nur ein viertel des normalen touristenpreises, den unsereins berappen muss. Das restaurant, in dem wir sogleich unseren hunger stillen, hat alkoholausschank, was auch heißt, dass sich dort allerlei halbweltgestalten treffen. Aber das essen ist hervorragend! Danach schleichen wir noch ein stündchen durch den menschnleeren park und einige straßen. Viele cafes, hotels und restaurants. Zur burg werden wir die nächsten tage gehen. Und inscha’allah ins hamam!

11:25 18.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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hibou | Community