Unbekannte Lieblinge am Telefon und Nordkorea im TV

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Rafik bekommt einen Anruf. „Ah, wie geht es dir?“ – „Was gibt es Neues?“ – „Liebling meines Herzens!“ – „Du meine Seele!“ – „Ich vermisse dich!“ – bis hierhin denkt man, es handle sich zumindest um einen guten Bekannten, wenn nicht gar um eine heiß flammende Liebe. Für den Start eines Telefongespräches kommt es einem Europäer zwar ziemlich schwülstig und langatmig vor (denn bei uns würde man sagen: „Zur Sache Schätzchen!“), zumal auf der Gegenseite ja noch mindestens ebenso viele Nettigkeiten geäußert wurden, aber ok. Nun aber die Ernüchterung: „Mit wem spreche ich denn da?“ – „Wer? - Ah, und Wie heißt du?“. Rafik spricht mit einem ihm bis dahin Unbekannten, der die Nummer von einem Freund hat, der gehört hatte, dass Rafik Maler ist und der nun etwas zu malen hat. All’ die zuvor geäußerten Freundlichkeiten galten einem Unbekannten! Man stelle sich geschäftliche Telefonate bei uns in der Art vor! Die syrische Wirtschaft kann ja zu nichts kommen, schon allein wegen des aufwändigen Telekommunikationsverhaltens zu Anbahnung von Geschäftskontakten. Handelseinig wurde man sich übrigens bis dato nicht.

Während ich im Internetcafe die Heimat beruhige, dass die angeblich in Damaskus stattgefunden habenden Schießereien (von denen ich natürlich auch nur aus dem Fernsehen erfahre) mich nicht tangiert hatten, wartet Rafik wieder einmal auf einen Handwerker, der diesmal nun den antiken Kühlschrank reparieren soll. Abends gegen halb zehn kommt er. Immerhin machen Handwerker hier nicht um 16 Uhr Feierabend. Allerdings kann er nicht viel ausrichten. Er kommt morgen wieder. Zumindest war zwischenzeitig jemand da, der unsere Fernsehanlage auf Vordermann gebracht hat. Bis dato konnten wir ja nur fünf Programme sehen (Nordkorea -!-, einen philippinischen Kochsender und drei arabischsprachige Sender, auf denen den ganzen Tag der Koran rezitiert wird). So wird man wenigstens nicht fernsehsüchtig. Da wir nicht mal die regierungsamtlichen Verlautbarungssender der Arabischen Republik Syrien empfangen konnten, handelte es sich mit Sicherheit nicht um Zensur, sondern eher um eine Attacke bewaffneter salafistischer Banden auf unsere Sattelitenschüssel. Für nur 500 Lira (8 Euro) haben wir nun also den vollen Empfang aller 888 Sattelitenschrottprogramme incl. BBC World und DW-Schnarch. Ich habe immerhin 15 Minuten benötigt um festzustellen, dass ich außer Nordkorea eigentlich keinen weiteren Sender benötige.

Auf unsrem Weg nach Qabun habe ich aus dem Taxi heraus sehr viele Parolen gesehen, die übermalt waren. Bis auf das Allah-u-Akbar – Gott ist größer – waren die Schriftzüge unkenntlich gemacht, übersprüht oder übermalt. Suse meint, es komme auch inzwischen bei denjenigen, die das System vage unterstützten wegen der permanenten Jubelparaden zu ersten Abwehrreaktionen. In der Tat hat die Regierung in Damaskus jeden Tag zu einer Jubelparade eingeladen und alle (ja, alle!) Plakatwände der Stadt mit Syrien-Werbung zugepflastert. Man wünscht sich so sehnlich mal eine ganz normale Persil-Werbung!

Andererseits werden die Treffen der Regierung mit Oppositionellen hier (anders als im Westen) mit großem Erstaunen wahrgenommen. Rafik, Michel, auch der Mann von Suse meinten, so etwas habe es noch nie gegeben. Es seien viele namhafte Oppositionelle dagewesen (Michael Kilo, die Kurden, die Kommunisten, gemäßigte Islamisten, etc.), es seien Dinge geäußert worden, wegen derer man noch vor Kurzem verfolgt worden wäre (Forderungen nach einem Ende der Alleinherrschaft der Baath-Partei, die Morde der Sicherheitsorgane an friedlichen Demonstranten, etc.) und eshabe insgesamt eine sehr offene Berichterstattung darüber gegeben. Man kann sch nicht erklären, warum der Westen berichtet habe, es seien keine Oppositionellen gekommen, denn die einzigen, die nicht da waren (was vorher klar war), waren die konservativen Islamisten. Obwohl sogar Vertreter der gemäßigten Muslimbrüder da waren (!). Warum der Westen nun auf einmal auf den islamistischsten Teil der Auslandsopposition, auf die konservativsten Kräfte innerhalb der Muslimbruderschaft setzt, bleibt vielen hier schleierhaft. Vielleicht soll an eine gute alte Tradition angeknüpft werden, Extremisten – siehe Taliban in Afghanistan – gegen andere Regime zu unterstützen?

Am Tag darauf kommt selbstredend mit deutlicher Verspätung der wie ein IT-Lauch aussehende Kühlschrankreparaturfachmann. Er stellt gleich fachmännisch fest, dass der Kühlschrank wohl kaputt sei. Angeblich der Motor. Nun wenn’s denn sein soll. Es gibt einen malaysischen für ca. 35.- Euro, einen chinesischen für 28.- und einen ägyptischen unbekannten Preises. Nach langem Hin und Her (an dem ich mich aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnisse nur marginal beteiligen kann, ist die Diskussion an einem Punkt, der mein Einschreiten notwendig macht: Um die Kosten zu drücken, sollten wir uns doch umschauen, ob wir auf dem Diebesmarkt an der Straße der Revolution nicht einen kompletten, gebrauchten Kühlschrank erstehen, den wir dann gegen dieses Exemplar austauschen könnten. Da ich weiß, das ein solches Unterfangen uns nicht nur den letzten Nerv, sondern mindestens drei weitere Tage kosten würde, wobei die Kosten dann unvorhergesehener weise (Transport, wasauchimmer, undsoweiter Gebühren) an anderer Stelle explodieren und ich die Kosten von ca 30.- Euro nun auch wieder nicht so hoch finde, zumal uns der Vermieter diese ja wird erstatten müssen, insistiere ich auf einer sofortigen Reparatur. Nun, sofort heißt, dass der Fachmann erstmal abreist, um einen Motor zu erstehen, was drei Stunden in Anspruch nimmt, so dass er erst wieder gegen halb zehn abends bei uns auftaucht (diese Arbeitszeiten halten auch keiner Arbeitszeitverordnung stand!). Erstmal müssen dann Gasflaschen und diverses Gerät in die Wohnung geschafft werden, dann beginnt der Herr sein Werk. Er schweißt und lötet, schraubt und schneidet was das Zeug hält. Stundenlang! Gegen Mitternacht fehlt noch ein Teil. Er geht wieder, um es zu besorgen, was jetzt wundersamer Weise ganz schnell geht. Dann müssen nur noch diverse Röhrchen miteinander verbunden werden, Schläuche luftleer gepumpt, alles aneinander gesteckt und mit Gas gefüllt werden. Ich hatte mir nicht in meinen schlimmsten Vorstellungen ausgemalt, wie kompliziert es sein würde, diesen alten Kühlschrank wieder zum Laufen zu kriegen. Vermutlich wäre der Kauf eines gebrauchten anderen Gerätes doch leichter gewesen. Gegen ein Uhr nachts wird er dann ausprobiert, mit der Ansage, dass, wenn alles gut gegangen sei, es nun nur noch eine halbe Stunde dauern würde. Eine syrische halbe Stunde! Um halb drei nachts stellen wir fest, dass Brecht („Alles Neue ist besser als alles Alte“) irrte. Der neue Motor ist lauter als der alte. Aber er kühlt wenigstens wieder. Immerhin!


07:57 08.08.2011
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Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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