wilde mullahs, undichte dächer und das geheimnis der verkehrslenkung

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Man sieht gar nicht, wenn ein brief geöffnet wurde. Also ein brief, den mir ein freund aus rom mit einer dvd geschickt hat, ist angekommen und sieht (neben den üblichen zerknitterungen) unversehrt aus, dabei meinten alle, dass briefe mit cd oder dvd immer geöffnet werden. Nun denn, dann haben die geheimdienstbeamten eben mal etwas gute musik zu hören bekommen, allerdings teils mit expliziten texten wie es so schön heißt. Nun kann auch ich gleich mal wieder etwas musik hören, wobei mir ein problem gewahr wird:

Ich bin ja nicht wirklich untolerant in religiösen dingen, aber da man neben dem ruf zum gebet keine musik hören kann, es sei denn man stellt sie extrem laut (was sicher als gotteslästerung gilt) und es ja auch eine sitte ist, die musik auszustellen wenn der ruf des muhezzin ertönt, kann ich an bestimmten tagen und zu vielen zeiten keine musik mehr hören. am freitag (meinem sonntag) wo ich gerne lange frühstücke, beten sie von 11.45 uhr (wenn ich mich an den frühstückstisch setze) bis 14 uhr! (da ist auch mein frühstück vorbei). und nicht nur schöner gesang, nein, die ganze predigt wird per lautsprecher übertragen. der mullah oder wer auch immer, redet sich dabei richtig in rage und schreit irgendwann rum (vielleicht haben wir hier in der gegend auch einen besonders cholerischen mullah). gut, dass ich das zumindest noch nicht verstehe, aber es lenkt beim lesen furchtbar ab... ansonsten, außer mich über religiöse dinge aufzuregen (womit ich keinerlei religiöse gefühle verletzen wollte oder ähnliches), schwänze ich heute den arabischkurs und habe mal so richtig zeit auszuschlafen, lange zu frühstücken, zu lesen und shoppen zu gehen.

In damaskus hat es heute geregnet! Nicht nur das, es fielen sogar hagelkörner vom himmel! Wer noch andere beweise für den klimawandel benötigt ist ein ignorant. Es geschah am späten Nachmittag und dauerte in etwa eine halbe stunde. Ich war gerade schwerbepackt aus dem cham-city-center mit frischem baguette und altem gouda in der tüte zuhause angekommen, der himmel hatte sich schon 15 minuten vorher erstaunlich verdunkelt, da donnerte es. Kurz darauf fielen die ersten hagelkörner, die auf den wellblechdächern rings um meine wohnung einen höllenlärm machten. Dann schüttete es. Natürlich regenete es durch, da ich ja unter dem dach wohne. Nachdem ich schüsseln an den entsprechenden orten aufgestellt hatte, genoss ich den wunderbaren geruch von frischem regen und da kam auch schon wieder die sonne durch. In deutschland würde ich mich erstens nie über regen freuen und zweitens in panik geraten, wenn es an mehreren stellen meiner wohnung reinregnet. Hier weiß man, dass dies so selten der fall ist, dass es einfach zu viel aufwand bedeuten würde, das dach dicht zu machen und dass das wasser schnell verdunstet ist. man nennt es glaube ich arides klima. Oder auch arabisches laisser faire?

Und noch eine erstaunliche sache ist mir heute aufgefallen: Hier „regeln“ polizisten den verkehr ja häufig, man muss sagen, in opposition zu den ampeln. Also wenn die ampel rot zeigt, winken die polizisten durch, wenn sie grün zeigt stoppen sie den verkehr (manchmal winken sie aber auch weiter). Da gute international gültige regeln der verkehrslenkung den polizisten vermutlich abgehen (siehst du schutzmanns bauch und rücken musst du auf die bremse drücken und so), winken, fuchteln und pfeifen sie wild herum, so dass ich immer denke, dass sie nach drei monaten dienst einen herzanfall und einen tennisarm haben müssten. Allerdings hat nun das ganztägige fuchteln, winken und pfeifen zur folge, dass auch diese polizisten nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein scheinen. ich habe heute zweimal beobachtet, dass sie (jeweils an großen kreuzungen) unkoordiniert allen richtungen gleichzeitig bedeutet haben, dass sie zügig (wichtig!) los-, bzw. weiterfahren sollen, so dass erst auf der kreuzungsmitte, als sie wagen aufeinanderprallten klar wurde, welchen vorteil diese bunten gelb-rot-grünen dekorationslampen haben können.

14:54 16.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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