zumindest eine damaszener depeche...

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Die damaszener scharaden haben ja durch das ende meines syrien-aufenthaltes ein jähes ende gefunden. Nun bin ich für einige tage zurückgekehrt, in die syrische metropole um meine freunde wieder zu sehen und irgendwie auch noch mal abschied zu nehmen und sende nun von hier zumindest eine damaszener depesche...

Letzten sonnabend nach schlimmer flugreise angekommen. Wegen eines kaputten flugzeugs drei stunden in unklarheit auf dem flughafen budapest gewartet, im halbstundentakt vertröstet worden und dann aber doch irgendwann in damaskus gelandet. Ali und Rafik, die meine mitteilungen aus budapest missverstanden hatten und dachten, wir würden deswegen erst einen tag später kommen, waren nicht da, kamen dann aber sofort in die stadt, von wo wir zusammen ins apartment sind.

Dieses – im zentralen stadtteil sahiyye gelegen – ist completement neu renoviert (es riecht betörend nach ölfarben), hell, ruhig, gut geschnitten, modern und ein absolutes design-desaster! Plasteblumen und plüschsofas aus einer kombination von schwarz-rot und zebramuster, dazu röhrende-hirsche-schinken an den wänden, möbel in presspappe-spanplatten-optik und eine wandgestaltung, die zwischen kackbrauner wischoptik und roter lackfarbe sich nicht zu entscheiden vermochte. Man braucht, wenn man die augen offen halten möchte mindestens eine großpackung aspirin am tag um keine kopfschmerzen zu bekommen, zumal das ganze durch zehn neonröhren in jedem zimmer in ein gleißend helles licht gehüllt ist. der einmeterfünfzig-bilddiagonale-flachbildfernseher verkomplettiert den schrecken. Auch hier gibt es die üblichen 600 programme, von denen nicht ein einziges erträglich ist. im prinzip ist es kein wunder, dass bei 600 fernsehprogrammen das intellektuelle leben und die geistige entwicklung dieser region der welt zum erliegen gekommen ist.

Den ersten tag verbringe ich wie in trance. Einerseits durch die strapazen der reise geschwächt, andererseits durch den plötzlichen klima-umschwung geschockt (von 10 auf 30 grad). Einerseits kommt mir alles verdammt vertraut vor, ich habe das gefühl, wieder zuhause zu sein. Die zwei monate in deutschland waren im verhältnis zu der langen zeit, die ich davor hier war ja auch eher eine kurze und an eindrücken arme zeit. Andereseits überkommt mich eine melancholische traurigkeit, nicht mehr hier zu leben, hier nicht mehr alle zeit der welt zu haben, sondern nur ein zaungast zu sein, quasi nur ein schnupperpraktikum zu absolvieren und nach vierzehn tagen wieder weg zu müssen. Als ich das letzte mal abgefahren bin, war ich gar nicht so traurig, da ich mich mit dem gedanken habe trösten können, in zwei monaten wieder hier zu sein. Nun bin ich wieder hier und mir wird klar, was ich hinter mir habe lassen müssen, was ich verloren habe oder auch, wie schön es war, wirklich hier zu leben und nicht nur ein tourist zu sein.

Das fängt bei meiner wohnung an, die ich ja nun nicht mehr habe. Auch wenn die neue wunderbar ist, so ist es doch nicht meine und ich muss mich an die räume und die mit diesen zusammenhängenden abläufe erst gewöhnen. (das bad hat zum beispiel eine sitzbadewanne! Nicht alles, was dem araber modern erscheint ist auch wirklich praktisch. Der gute bodenabfluss in meiner alten wohnung, der unbändiges herumplätschern erlaubte war um längen comfortabler! Auch ist das presspappeoptikbett, in welchem erotische stimmung kaum aufkommen kann für eben denjenigen zweck deutlich schlechter geeignet, als mein matrazenlager auf dem boden in der alten wohnung.) Wenn ich mich in den letzten zwei monaten im oktober in damaskus gesehen habe, habe ich mich wie selbstverständlich immer in meiner alten wohnung gewähnt. Ich habe die räume, den ausblick, die verrichtungen des alltages, wie sie dort mein leben prägten vor mir gesehen. Hier nun bin ich – obschon in damaskus – mit einem anderen alltag, der noch nicht meiner, sondern nur der eines besuchers ist, konfrontiert. Aber auch was die kontakte zu den freunden angeht, die ich hier inzwischen habe, sind zwei wochen eine schrecklich limitierte zeit. Ich kann die meisten nur ein oder zwei mal sehen, dann bin ich schon wieder – und diesmal für längere zeit – weg.

Ali und Rafik sind rührend um unser wohl besorgt. Rafik kocht und umsorgt uns, Ali fährt und mit dem angemieteten wagen, wohin wir wollen. Die ersten tage schlendern wir etwas umher, sitzen in cafes, kaufen allerdings auch schon stoffe und suchen den schneider auf, um uns hemden nähen zu lassen. Ich werde meine schwarze-hemden-sammlung also demnächst - so gott will - durch vier dunkelblaue und je drei braune und dunkelgraue ergänzen können. Einen anzug müssen wir uns nicht besorgen, denn Claire, meine alte Freundin konnte mir leider dieses jahr keine einladung zum german national day mit einem männlichen namen besorgen, zu dem ich hätte einen tragen müssen. Die möglichkeit, als „natascha“ dort zu erscheinen schien mir ob der dazu notwendig werdenden scharade zu aufwendig, wenngleich es sicher eine interessante erfahrung hätte werden können. Ich kann daher nur meinen bericht von german national day des letzten jahres zum besten geben, denn anlässlich des 19. Jahrestages der wiedervereinigung war ich gast bei den dazu in damaskus stattfindenden feierlichkeiten.

Dieser folgt:

Heute ist nun das großartige fest im großen ballsaal des berühmten four seasons zum sich das neunzehnte mal jährenden ereignis des deutschen nationalfeiertags (habe ich da richtig gezählt?), wo auch ich erstaunlicherweise eingeladen bin, daher gehe ich mit Rafik los, einen billigen anzug kaufen. Es soll schon für ca. 50 euro einen geben. Da bin ich mal gespannt. Er soll schön luftig sein, damit ich nicht so schwitze – also am besten aus atmungsaktivem polyester, wie es hier jetzt modern ist. und ich will darin nicht aussehen wie ein zigeunerbaron. Na, das sind vermutlich schon mal zwei kriterien, die den preis auf das doppelte hochtreiben. – später – erstaunlich! Für nur 75 euro habe ich einen wunderschönen, leichten, mittelbraunen anzug incl. blauem hemd, krawatte und (!) neuen schuhen bekommen, denn passendes schuhwerk hatte ich ja auch nicht. Rafik hat noch heftig gehandelt, aber der preis ging nur etwas runter, da er schon reduziert war. Beim augenlicht seiner großmutter hat der verkäufer geschworen, dass für ihn ein weiterer preisnachlass den unmittelbaren ruin bedeuten würde. Um schlimme hautausschläge zu verhindern, habe ich das hemd eben noch schnell gewaschen und hoffe, dass es – tropfnass, wie es dort hängt, denn ich habe ja kein bügeleisen – in zwei stunden trocken ist, denn dann muss ich ja los.

Gegen sieben mache ich mich erst schön und dann auf den weg. Der anzug steht mir wirklich gut und das erste mal trage ich einen anzug auch einigermaßen gern, er ist irgendwie bequem geschnitten und leicht und ich fühle mich weder eingezwängt noch verkleidet, sondern sehr elegant. Dabei war es eine gute wahl keinen grauen anzug zu nehmen, denn alle werden graue anzüge tragen, wie sich zeigt. Da aber auch einige ohne anzüge, in gewändern, uniformen oder jeans dort sein werden, falle ich mit meinem anzug eher positiv auf. Mit dem taxi dort angekommen merke ich schon durch die vollkommene straßensperrung, dass es wohl ein großereignis ist. den letzten weg lege ich zu fuß zurück. Dort angekommen reihe ich mich (im foyer, wo mehrere stände aufgebaut waren: daad, kfw, ded, gtz und mehrere andere internationale oder deutsche organisationen, die einen zum abschluss noch mit infomaterial zugeschmissen haben) erstmal in die enorme begrüßungsschlange ein, während ich die gäste bewundere. Die patriarchen, pröbste, bischhöfe oder scheichs aller fünfundzwanzig christlichen und soundsovielen muslimischen oder anderen religionsgemeinschaften fallen am meisten auf. Sie haben erstaunliche kleider an und vor allem sagenhafte kopfbedeckungen. Einige enganliegende wollhäkelmützen mit trotteln, andere weit ausladende hutkonstruktionen mit tüchern dran, die bis auf den boden hängen. Hinsichtlich der kopfbedeckung ist religiöse vielfalt ja eine schöne sache. Dann sind viele uniformierte offenbar aus aller herren länder da. Daneben minister der regierung, die botschafter anderer länder und allerlei anderes gesocks. Erstaunlich wenige in traditionellen arabischen gewändern. Ein scheick aus qarmishli, der mit seinen leibwächtern (?) dort rumsteht und ein lustiges ausladendes braunes gewand und eine sehr dicke goldene uhr anhat, will sich mit mir fotografieren lassen. Wir passen zumindest farblich auch gut zusammen. Dann gibt er mir noch seine karte, Rafik meint aber später, es sei wohl der hüter einer religiösen oder archäologischen stätte eben in qarmishli und er habe nicht viel geld. andererseits meint er, wenn er eingeladen worden sei, sei er vielleicht doch wichtig oder habe geld – woran ich zweifel anmelde, denn schließlich bin ja auch ich irgendwie hier rein gekommen... Der große ballsaal ist wirklich groß. Ich weiß nicht wie viele dort sind, aber ich schätze drei bis vierhundert leute. Es gibt mehrere buffets mit deutschen spezialitäten (sauerbraten mit rotkohl, einen wursteintopf mit sauerkraut, currywurst (!) und spätzle) allerdings alles ohne schweinefleisch und wirklich sehr lecker (ich greife mehrere male zu). Daneben mehrere buffets mit süßen köstlichkeiten: warmem kischstrudel, apfelkuchen, diversen schoko-mousse-tartes, und pralinen aus atemberaubenden schokoladenkonstruktionen. Daneben gehen zusätzlch noch kellner mit tabletts mit schnittchen, gebäck, fischhäppchen und diversen anderen dingen rum. An der bar gibt es sogar hochprozentiges und natürlich das übliche.

Das rahmenprogram besteht in hintergründigem klaviergeklimper. Gegen acht betritt der botschafter die bühne, mit zwei sängern (einer arabischen frau und einem schwarzen mann). Erst singt die Frau die syrische nationalhymne, die schätzungsweise sieben strophen hat, gefühlte zwanzig minuten dauert und die ich danach noch den ganzen abend vor mich hinsumme. Danach singt der schwarze mann die deutsche hymne (eine strophe – zum glück mit starkem ausländischem akzent gesungen – so gebrochen geht es dann gerade noch). Ich muss sagen, dass sie auch musikalisch gegen die syrische deutlich abfällt. Zudem ist sie ja recht kurz und hat den nachteil, dass ich den text verstehe (dabei wünsche ich mir keinesfalls, dass die nichtgesungenen strophen auch intoniert würden). Alle beide haben sagenhafte stimmen, die auch ohne jede musikbegleitung den saal wirklich füllen. Dann hält der botschafter eine kurze, wenig beachtete rede, während der die gespräche wieder beginnen. Niemand hört zu. Ich kriege nur nebenbei mit, dass auch mercedes den abend mitgestaltet. Daher steht also dieser neue dicke mercedes in der einen ecke des saales. Daneben syrische promoterinnen, die sie aufgebretzelt haben, als sollte nicht der mercedes, sondern etwas anderes verkauft werden. Überhaupt haben sich einige damen sehr übertrieben zurechtgemacht. Viele sind aber auch dezent-normal gekleidet. Ich kenne etwa 5 leute, die ich auch irgendwann finde. Wir plaudern etwas, essen viel, trinken was und machen mehrere runden um uns die leute anzusehen. Gegen neun verlasse ich den laden dann auch. Beim rausgehen bekommt man noch eine jute(!)tasche mit infomaterial und eine rose geschenkt – wie damals beim weihnachtsmärchen, nur dass da schokolade in der tüte war. Vor der tür ist schon limousinen-stau. Ich nehme ein taxi und bin zuhause dann doch froh, dass ich nicht immer solche anzüge tragen und solche leute treffen muss. Also meine bewerbung für den diplomatischen dienst muss ich morgen nicht fertigmachen.

So weit vom letzten jahr.

Gestern abend auf dem berg mit dem wagen, den wir morgen zurückgeben müssen. Ali hatte noch eben den außenspiegel abgefahren. Bei dem fahrstil wird er jeden wagen innerhalb kürzester zeit ruinieren, aber er ist jung und stürmisch und sein fahrstil ist dies um so mehr. Wir unterhalten uns lange über dies uns das, die rente mit 67 und die individualisierung der lebensweisen – natürlich auf einem einfach niveau – meiner sprachlichen ausdrucksfähigkeit geschuldet. Die nächsten tage werden wir nach tadmur reisen. Dazu haben wir schon ein hotel reserviert. Heute nun müssen wir noch die fahrkarten kaufen, damit wir diesmal bequemer reisen als letztes mal, wo wir bei 60 grad auf dem motorblock gegrillt worden sind. So long...

13:18 10.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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