zwielichtige kinos, schmutzige filme und männer wie frau vonderleyen

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Freitag. Und während viele wohl lange schlafen oder den tag in der familie oder mit freunden im cafe oder park verbringen (denn die läden sind heute nun wirklich mal geschlossen und zum shoppen keine gelegenheit) und andere mittags in die moscheen gehen, gehe ich ins kino. Die kinos sind am Freitag Mittag schon erstaunlich voll. In damaskus gibt es zwei kinos, in die Mann eher nicht wegen der filme geht, sondern weil es dort dunkel ist und es dort andere männer gibt. Überhaupt gilt kino hier ja noch als äußerst anrüchiges vergnügen und nur wenige kinos genießen einen so makellosen ruf, dass sich dort auch familien oder frauen hinbegeben um dann wirklich filme zu sehen. Fast alle anderen kinos der innenstadt wären für ambitionierte cineasten eher eine enttäuschung. Was mich erstaunt ist, dass es italienische semi-pornos gibt. Das habe ich aus früheren jahren anders in erinnerung. Da gab es immer ägyptische komödien oder amerikanische action-film-verschnitte (auf die szenen reduziert, in denen möglichst viel explodiert oder sich besonders böse gehauen wurde). Meine theorie, dass Mann diese kinos nicht aufsucht, um die filme zu sehen, wird wegen der nun laufenden semi-pornos daher wohl eher eine theorie mittlerer reichweite sein. Noch erstaunlicher: der balcon (immer schon im hotspot des geschehens am rande des filmes) ist nun zweigeteilt. Ein schild weist wie ehedem auf den balcon, der andere aufgang ist mit „familienabteilung“ bezeichnet. Was dort aber um himmels willen nicht hochgehen sollte, ist eine familie. Oh nein! Das schild „familienabteilung“ deutet darauf hin, dass sich dort heterosexuelle pärchen (ungestört vom homosexuellen treiben diesseits der spanplattenabsperrung) vergnügen können. „schweinkram“ denke ich! Was ist nur aus syrien geworden? Wohin sind all die schönen traditionen? Immerhin: die bisquits und tee verkaufende tunte ist noch da und immer noch so charmant wie seinerzeit. so verbringe ich dort eine gute stunde, die meiste zeit im staunen über den film, der wirklich nicht schlecht ist. ein erschütternder film, der mit psychedelischer musik und wunderschönen bildern die traurige geschichte von leichten mädchen im unbarmherzigen strudel von party, prostitution und drogen erzählt. Ach die italiener!

Danach versuche ich erfolglos, eine karte für eines der wenigen anständigen kinos zu bekommen, in dem heute im rahmen eines der vielen internationalen filmfestivals dieser stadt angeblich ein deutscher film laufen soll. Aber es gibt keine tickets, da alles frei ist. man muss einfach ins kino gehen. Kein eintritt, gratis, umsonst! Ja, das ist ja fast sozialismus. So gehen wir also am abend noch mal ins kino – diemal mit gänzlich anderer intention und bei einem vollkommen anderen publikum. Der film startet auf die sekunde genau. Keine werbung, kein vorfilm und es ist auch nur ungefähr ein drittel des publikums zu spät, so dass man der handlung schon nach etwa zwanzig minuten ungestört folgen kann. Zu diesem filmfestival gibt es auch (wie ich jetzt feststellen muss) ein programm. Das liegt aber nur in dem kino aus, in dem die filme gezeigt werden. Leider ist das kino nur geöffnet, wenn die filme gezeigt werden, so dass es unmöglich ist, ein solches programm zu bekommen um sich im voraus zu informieren. Aber gochglanz-vierfarbdruck! Schade, dass das programm niemand kennt. Man hätte es ja z.b. an einschlägigen orten (cafes, buchläden, anderen kinos) auslegen können. Nun ist das festival fast vorbei und hunderte dieser schönen programme liegen sich hier platt.

Der heutige hamambesuch gestaltete sich zur hunde-haarmoden-schau. Die angestellten des hamams werden an ort und stelle von einem friseur frisiert. Und das, wo ich schon seit geraumer zeit sage: gehen sie nie in damakus zum frisör! Man schnippelt an allenmöglichen stellen herum und hinterher sehen sie so aus, dass sie unmöglich auf die straße gehen können. Und so passiert es. Als ich den nassbereich des hamams wieder verlasse und den friseur noch immer am selben kopf wie bei meinem eintritt ins dampfbad herumschnippeln und -fönen sehe und dann das erschütternde ergebnis betrachte, ereilt mich ein lachkrampf. Der angestellte sieht nun auf dem kopfe aus, wie ursula von der leyen (vor ihrem styling-relaunch). Der neuste schrei: langhaar-fönfrisuren für den herrn! Wer’s mag...

12:03 27.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

isam almatlub

isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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