Ein Jahrhundert voller Gewalt

Literatur Unaufgeregt erzählt Antonio Ortuño in „Madrid, Mexiko“ von Migration, Mord und Rache. Ihm gelingt das Kunststück, das Leben dreier Generationen auf 200 Seiten abzubilden
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Ein Jahrhundert voller Gewalt
Bild: Ausschnitt Cover

Am Ende steht die ernüchternde Erkenntnis: „Seit Kain hätten die Menschen nur geschafft, sich in einem zu gleichen: Sie seien alle Verbrecher.“ Und so ist nicht weiter überraschend, dass gleich auf den ersten Seiten zwei Menschen erschossen werden. Überhaupt zieht sich die Gewalt wie ein roter Faden durch „Madrid, Mexiko“. Dass der Roman dabei erstaunlich wenig brutal wirkt, liegt an der gelassenen Sprache Antonio Ortuños, bei dem Mord, Vergewaltigung und Rache nicht spektakulär wirken als ein paar Tacos am Straßenstand essen. Die Gewalt ist Teil des mexikanischen Alltags, woran der Autor immer wieder erinnert: „…ihn aufzuspüren, ihm die Haut vom Gesicht zu reißen und zu verschlingen. (In Mexiko war so etwas nicht metaphorisch gemeint…)“ Und gerade weil sie alltäglich ist, ist es möglich, sie so nüchtern zu betrachten.

In vielen kurzen Kapiteln, die zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringen, folgt Antonio Ortuño den Almansas von Europa nach Amerika. In den 1920ern und 1930ern ist der Madrilene Yago aktiver Anarchist. Benjamín, sein Freund aus Kindheitstagen, wird zu Yagos Todfeind, als Benjamín sich nicht nur dem feindlichen Gegenlager, den Kommunisten, anschließt, sondern Yago auch noch mit der hübschen María anbandelt, auf die Benjamín ebenfalls ein Auge geworfen hat. Als der Spanische Bürgerkrieg losbricht, fliehen Yago und María mit ihren Kindern über Umwege nach Mexiko. Ihnen dicht auf den Fersen ist Benjamín, der Rache geschworen hat.

Sechzig, siebzig Jahre später ist es ihr Enkel Omar, der in Mexiko in Problemen steckt und jetzt von einem Killer verfolgt wird – genau wie zuvor seine Großeltern. Omar wählt den umgekehrten Weg und flieht nach Madrid, die Heimatstadt seiner Mutter. Zuhause ist er weder in Mexiko noch in Spanien, denn „weder die einen noch die anderen, weder Mexikaner noch Spanier hatten die inzestuöse Natur dieser Freundschaft vergessen.“ Wer da zur falschen Nationalmannschaft hält, die einheimischen Speisen nicht genug schätzt oder Wörter anders ausspricht, findet sich schnell außerhalb der Gesellschaft wieder. Diese Dualität, die Diskrepanz zwischen beiden Nationen, zeigt sich schon im Titel der spanischen Originalausgabe: Statt die mexikanische und übliche Schreibweise, nämlich „México“, zu wählen, nennt Ortuño seinen Roman „Méjico“ – mit dem „j“ dezidiert auf das kastilische Spanisch bezogen.

Schon in „Die Verbrannten“ beschäftigte sich Antonio Ortuño mit der Gewalt in seinem Heimatland. Während sie in jenem Roman aber spezifisch mexikanisch ist, Gewalt, die mit der Migration von Mittelamerikanern, mit Korruption und dem Drogenkrieg zu tun hat, wird sie hier allgemeiner: Auch in Spanien und in den kurzen Episoden, die in Frankreich und der Dominikanischen Republik spielen, wird das Leben der Almansas von der Gewalt beherrscht, die dabei kein besonderer Fluch der Familie, sondern eben der Menschheit – seit Kain – ist. „Madrid, Mexiko“, ist eine zugleich schnell wie unaufgeregt erzählte Migrationsgeschichte, Thriller und Familienroman in einem. Ortuño gelingt das Kunstwerk, die vielen Elemente und die Geschichte dreier Generationen auf kaum mehr als 200 Seiten zu entfalten; allein die Entwicklung der Figuren kommt durch die Vielzahl der Protagonisten und Ereignisse zu kurz

05:37 04.04.2017
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Geschrieben von

Isabella Caldart

Journalistin. Lektorin. Bloggerin. Flaneur.
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