Verzicht üben

Fasten Alljährliche zu Aschermittwoch ist es wieder soweit: die Fastenzeit beginnt. Einige persönliche Gedanken
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn es auch an dem größeren Teil der Bevölkerung spurlos vorübergeht, vieler Orten wird gefasten. Beim Fasten verzichtet man auf etwas liebgewordenes, um sich auf das Wesentliche zu besinnen, bei Kirchens heißt das "Fastenopfer".

Wenn ich ehrlich bin, reicht es mir persönlich schon, den politischen Aschermittwoch in Funk oder Fernsehen zu verfolgen. Da habe ich für meinen Teil Fastenopfer genug gebracht – allerdings, ich gebe zu: auf diese Opfer verzichte ich gern mal.

Da der Verzicht ein echtes Opfer sein soll, finden die Vorschläge der Kinder „Dieses Jahr machen wir mal Gemüsefasten“ kein Gehör. Wir verzichten traditionell auf Süßigkeiten und Alkohol und das zeitigt nach einer Woche noch keine Entzugserscheinungen.

Andere verzichten gleich ganz auf’s Essen. Beim Heilfasten, das man natürlich nicht 40 Tage lang macht, gibt’s nur Wasser, Tee und Gemüsebrühe (die allerdings für meinen Geschmack kaum genießbar ist, da völlig ohne Salz zubereitet, aber das ist Geschmacksache). Ich habe aber auch schon von Menschen gehört, die auf’s Lesen verzichtet haben…

An den Sonntagen ist Fastenbrechen, da muss man natürlich nicht fasten – sonst kommt man ja auch nicht auf 40 Tage von Aschermittwoch bis Ostern…

Grundsätzlich ist es ja ganz in Ordnung, mal eine Weile Verzicht zu üben, aber von Jahr zu Jahr kommt es mir komischer vor, fast unanständig. Wir verzichten auf Süßigkeiten, vielleicht Kaffee oder Alkohol – was für ein Luxus! Es gibt noch viele Dinge, auf die wir verzichten können (ich wäre verschärft für’s Fernsehen, aber das ist politisch nicht durchsetzbar), ohne dass es kritisch würde, aber Millionen Menschen sterben echt an Hunger...

Fasten fängt an, sich zynisch anzufühlen.

Und was ist das Wesentliche?

Am Entzug von Kaffee leidend machen wir uns ja doch nicht wirklich bewusst, wie gut und auf wessen Kosten wir so gut leben.

Wer z.B. ein T-Shirt kauft, das weniger als 10,- € kostet, beteiligt sich an Ausbeutung. Um das zu kapieren, muss ich mich nicht groß anstrengen, das kann ich an den Fingern einer Hand ausrechnen – ohne rauf- und runter zu zählen. Der Umkehrschluss ist natürlich nicht erlaubt. Kann ich überhaupt etwas kaufen, ohne mich an Unrecht zu beteiligen? Also, ohne große Mühe natürlich…

Wir profitieren alle vom Unrecht in der Welt. Egal, was Du tust, wenn Du hier lebst, machst Du Dich schuldig. Das klingt sehr hehr und ein bisschen religiös, so wie fasten eben. Falsch ist es deswegen aber nicht.

Sich einmal im Jahr zu besinnen – zu Sinnen zu kommen - und sich einer Realität zu stellen, bei der wir nicht die Guten sind – das wäre schon ein Anfang, vielleicht sogar besser als der politische Aschermittwoch.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ismene

Kein Mensch ist freiwillig schlecht.Aber es sind schon viele ganz komisch unterwegs.antigone@weibsvolk.org
Ismene

Kommentare 18