Wissen, was wir wollen oder was wir sollen?

Lernen Einfach mal schauen, was für Literatur es gibt. Nicht mehr so einfach wie ich es in Erinnerung hatte.
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Ich gebe es zu, das letzte mal, dass ich etwas einigermaßen „Wissenschaftliches“ geschrieben habe, ist schon ein Weilchen her. Ja, ich habe schon mal das ein oder andere verfasst, aber immer auf der Grundlage vorgegebener Literatur („Nun sagen sie es doch mal mit meinen Worten!“) - ich will ja meine Prüfung bestehen. Dass dass selten wirklich ausgewogen ist, liegt auf der Hand, aber – auch das will ich nicht verhehlen – diese Art des Lernens ist die bequemere. Allerdings hab ich auch immer die „Gegenpositionen“ gekannt.

Jetzt aber, jetzt soll ich nachweisen, dass ich wirklich wissenschaftlich arbeiten kann, und mir ein Thema „selbständig“ erarbeiten (kritische Würdigung wird nicht verlangt). Ich hab mir darüber nicht wirklich große Sorgen gemacht. Ich habe ja Zugang zur Uni-Bibliothek, da wird sich schon was finden lassen.

Nun gehöre ich zu denen, die nicht einfach nur ihre Literaturliste abarbeiten. Ich schau im Regal, in dem die Literatur steht, was es denn noch so zu Thema gibt. Eigentlich bin ich dabei immer auf interessante Bücher gestoßen, die nicht auf meiner Liste standen und habe dadurch auch andere Meinungen oder Aspekte aufnehmen können. Im Vertrauen auf diese Art der Recherche mache ich mich auf in den Tempel des Wissens. Nagelneu thront die UB zentral in der Nähe des Bahnhofs.

Aber es hat sich was geändert und zwar entscheidend. Ich finde spontan nur ein Buch aus meiner Liste und zwar das Neueste. Nur: was daneben steht, passt nicht dazu. Völlig anderes Thema. Die anderen Signaturen finde ich gar nicht. Gut, ich hätte auch erst fragen und dann suchen können, hab ich aber nicht. Dafür frage ich jetzt eben.

Ja, heißt es, das Buch sei da, ich müsse es bestellen. Das leuchtet mir spontan nicht ein und so erklärt mir ein junger Mann geduldig, man könne die vielen Bücher ja nicht jedem Nutzer zugänglich machen. Sie befänden sich im Keller und mehrmals am Tag würden die bestellten Bücher von dort bereitgestellt.

Infolge dessen brauche ich ziemlich lange, bis ich brauchbare Literatur zusammen habe. Ob sie vollständig ist, kann ich auf Anhieb natürlich nicht beurteilen, aber ich habe auch keinen Überblick über das, was es dazu überhaupt gibt.

Ich werde meine Arbeit schreiben, aber ich frage mich, wie und was Studierende lernen. Klar, die wollen auch Prüfungen bestehen, aber mit dem System haben sie ja fast gar keine Chance, mal rechts und links vom Thema auf was Interessantes zu stoßen. Mir ist schon klar, dass es auch bisher schwer war, abweichende Meinungen und Ergebnisse zu veröffentlichen, aber man konnte diese Meinungen – na gut, einige dieser Meinungen, aber immerhin – jedenfalls lesen. Mit diesem System geht das nur, wenn man ganz genau weiß, was man sucht.

Neulich habe ich jemanden kennen gelernt, der in der UB arbeitet. Der hat mir erzählt, die Bücher würden nach Autor und Erscheinungsdatum geordnet. Eine Verschlagwortung gibt es nicht mehr. Das sei wirtschaftlicher. Aber man lernt eben auch nur, was der Dozent will.

Da fallen mir jetzt schon wieder nur die ganz alten Parolen von Herrschaftswissen usw. ein und das will ja jetzt auch keiner mehr hören.

21:51 22.11.2015
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Geschrieben von

Ismene

Kein Mensch ist freiwillig schlecht. Aber es sind schon viele ganz komisch unterwegs.
Ismene

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