Meilickes Missgriff

Angst vor Emotionen? Ärgerlicher Verriss des Films 'Murer-Anatomie eines Prozesses', Regie Christian Frosch, preisgekrönt im Grazer Festival Diagonale '18,
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Elena Meilicke (der Freitag 12/22.3.2018, S. 19) geht Christian Froschs im Grazer Festival 'Diagonale '18' mit dem Großen Preis gekrönte Film Murer-Anatomie eines Prozesses "gegen den Strich". Der Film handelt vom Schlächter von Wilna, Franz Murer und dem skandalösen Freispruch durch ein Geschworenengericht in Graz 1963. Meilicke kritisiert die realistische, emotional glaubhafte Darstellung von Zeugen, die von der bestialischen Ermordung ihres Kindes oder ihres Vaters vor ihren Augen berichten, als ärgerliche "brachiale Schauspielführung", und ist kaltschnäuzig genug, im von ihr gewählten Titel "Zittert, Münder" diesen Realismus mit einem Anklang an die Erlösungsmetaphorik von alten protestantischen Gesangbüchern zu verhöhnen. Es geht nicht darum, jede Auseinandersetzung mit dem Holokaust unter einen ästhetizistischen Glassturz zu stellen (ich las gerade Roman Fristers Die Mütze oder der Preis des Lebens). Der Film Murer mag ja nicht die Eleganz von Ruth Beckermanns in Berlin preisgekrönten Film Waldheims Walzer haben. Aber: Dass der Film gerade an jenem Ort, an dem der Schlächter von 80000 Juden in Vilnius/Ponar freigesprochen wurde, nun durch die Jury öffentliche Würdigung als "ein wirklich großer Gerichtsfilm ... voller Porträts der Condition humana" erhielt, zeigt eine politische Sensibilität, die angesichts der aktuellen politischen Situation in Österreich mit Rechtsradikalen in der Regierung wacher scheint als jene der Rezensentin, die das Votum der Jury als "etwas altbacken" punziert. Christian Froschs Film beschränkt sich auf das Reenactment des Prozesses, er zeigt aber viele Facetten, und ist durchaus rasant, man kann ihn sogar spannend nennen. Die Zeugenaussagen der victims (ich mag das Wort Opfer nicht gebrauchen) sind so eindrücklich, dass sie für einen empathischen Menschen schwer erträglich sind, um so mehr, als der Hohn, die Dummheit und Verlogenheit der Täter und ihrer Volksgenossen in- und außerhalb des Gerichtssaals dieses Leiden noch intensiver erlebbar macht. Der Film mag formal nicht besonders originell sein, aber ihn als konventionelle Inszenierung, als "Aneinanderreihung theatral deklamierter Monologe" abzukanzeln, hat er nicht verdient, die Rezensentin verkennt seine politsche Brisanz und hat offenbar Angst vor Empathie.

11:43 01.04.2018
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Geschrieben von

ivohammer

Konservator/Restaurator von Wandmalerei/Architekturoberfläche, Kunsthistoriker, Professor i. R. (HAWK Hildesheim)
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