Armand du Plessis, duc de Richelieu

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Der große Staatsmann der Epoche des Dreißigjährigen Krieges ist Richelieu (1585-1642): Er hat die Vorherrschaft des Hauses Habsburg gebrochen und den Aufstieg Frankreichs, den Heinrich IV. vorbereitet hatte, entschieden. Der Eroberungswille Ludwigs XIV. steckt bereits in dem Kardinal, aber ungleich beherrschter und kritischer. Die »natürliche« Rheingrenze — ein Schlagwort, das in Frankreich durch klassische Studien volkstümlich gemacht wurde —, diese cäsaristische Idee wurde von dem Herzog aus dem Phraseologischen ins Nahe, ganz Praktische umgestimmt. Über seine eigentlichsten ernstesten Absichten pflegte er sich freilich nur vage auszusprechen; alle Einbildungskraft wußte er zu zügeln und mit den Launen des Glücks rechnete der große Mißtrauische immer. Ja, seine Größe besteht genau darin, daß er gewaltig klingende Programme verschmähte, daß er sich jeder neuen Lage geschmeidig anpaßte und das sachlich Notwendige des Tages vollbrachte.

I.

Als armer jüngerer Sohn eines Adligen und einer bürgerlichen Mutter hatte Richelieu sich schwer durchkämpfen müssen. Das seit zwei Generationen in der Familie wie ein Pachtgut vererbte Bistum Luçon übernahm er als Versorgung von seinem älteren Bruder. Der junge, in Rom europäisch geschulte Bischof zeigte im Wortgefecht außergewöhnliche Verschlagenheit und ein nie versagendes Gedächtnis. Ds eigentlich Religiöse lag ihm völlig fern, genauso fern wie souveräne Skepsis oder geistige Unbefangenheit, er stand gleich vielen seiner Zeitgenossen im Strom des restaurierten, so sehr lebendig und farbig gewordenen katholischen Gedankens — er schrieb einen Katechismus (die »Instruction du chrétien«, 1618, die in vielen Sprachen und Ausgaben erschien), bekehrte Ketzer, wenn auch nicht mit Gewalt, und mißtraute, echt gallikanisch gedacht, dem päpstlichen Universalanspruch.

Wirklich wichtig war ihm indes das andere: der Hof, die königliche Gunst, die Politik, die Herrschaft. Eisern und berechnend, verstellt und energisch, ein Ehrgeiziger mit kaltem Herzen, weich allenfalls in der Verehrung seiner Mutter, verschwiegen und verwegen: so machte er schnell den großen Weg. Die Regentin Maria de Medici (1573-1642, Gemahlin Heinrichs IV., die nach seiner Ermordung 1610 bis 1617 die Regentschaft übernahm) und ihren italienischen Günstling Concini, den späteren Marschall d' Ancre (der die Regierungsgeschäfte leitete), gewann er durch Schmeicheleien. Auf der Tagung der États généraux, der letzten vor der großen Revolution, trat er als gewandter Redner auf; sein erstes Amt, das Staatssekretariat für das Kriegswesen, bot ihm Gelegenheit zu überragender Bewährung. Schon wagte sich sein kühner Geist an das Höchste, Letzte: den französischen Kampf gegen die habsburgisch-spanische Weltmacht.

Aber er mußte noch warten. Denn so fein er auch rechnete — noch machte er Fehler, er mußte lernen, seine natürliche Heftigkeit zu meistern, denn beinahe hätte ihn der Sturz des Marschalls d'Ancre (der 1617 einer Konspiration zum Opfer fiel, seine Gemahlin wurde als Hexe hingerichtet) mitgerissen. Zähe, verhalten arbeitete er sich wieder hoch, verbunden auf Gedeih und Verderb mit der Regentin und genötigt, deren haltlose Unberechenbarkeit zu zähmen, zu verwerten, zu überwinden.

Seit 1624 war er endlich Chef des Conseil d'Etat und damit Herr über alle Staatsgeschäfte — der geborene Regent nahm sich die Fülle der Macht, hochfahrend an Geist und Willen, gedämpft in der Sprache, demütig in der Haltung, ein geschmeidiger Fechter, stets von nervösen Übeln geplagt, aber nie wirklich müde, sondern immer wach und bereit, gleichsam federnd in der Gefahr höchsten Kampfesspiels:

Auf magerem Leib saß da vogelartig und bleich das lange Gesicht, die Stirn wölbte sich hoch und bedeutend, die energische Nase senkte sich über den Zynikermund, der überlegenes Wollen lächelte, die Augen rundeten sich groß und in wachsem Staunen, der Schnurrbart wirbelte soldatisch, der Spitzbart verfeinerte und verlängerte noch den Adlerkopf, aus dem der Blick die Welt suchte und einen Menschen verkündigte. Es war ein tiefer, harter, spöttischer, aber merkwürdig aufrichtiger Blick. Vierzehn Jahre war nun unter Ludwig XIII. armselig und wetterwenderisch regiert worden, die achtzehn folgenden Jahre erhielten ihre Einheitlichkeit und Größe durch Richelieu.

II.

Noch immer Standen ja die Provinzen der Krone feindlich gegenüber. Ihr ständischer Eigenwille, ihre Feudalität, ihr Sonderrecht nutzte jede Schwäche des Königtums zu Aufruhr und selbstsüchtigem Gewinn. Die privilegierten Stände, Adel und Klerus, taten dabei eifrig mit. Der dritte Stand, schon jetzt der lebendigste und produktivste, wartete nur auf Hilfe zum Aufstieg.

Ein Problem zugleich der inneren und der auswärtigen Politik war die Hugenottenfrage. Frankreich war die einzige Staatsherrschaft, die neben den Katholiken die die Protestanten duldete als anerkannte religiös-politische Minderheit. Es war ein erster Versuch nicht ethisch-religiöser, aber praktisch-politischer Toleranz, ruhmreich, aber gewagt. Die katholische Mehrheit verhielt sich dauerhaft feindlich ggenüber den Hugenotten, sie behandelte sie, wie man auch Zauber und Hexen behandelte, beleidigte ihre Leichenzüge, zerstörte ihre Gotteshäuser. Die französische Sprache hat in bezeichnender Unduldsamkeit den Namen église den katholischen Kirchen vorbehalten und die protestantischen Gotteshäuder mit dem heidnischen Wort temple gebrandmarkt. Die Hugenotten ihrerseits vergalten das mit voller Wucht: Papst, Messe und Priester wurden als Antichrist, Farre, Betrüger beschimpft. Die Privilegien Heinrichs IV. wollten der jüngeren protestantischen Generation nicht mehr genügen, die älteren patrizischen Familien wären zufrieden gewesen mit Erhaltung und friedlicher Fortentwicklung, ein neuer Geist aber strebte nach Erweiterung, noch Vorteilen, nach Unruhe.

Die schwankende Staatsautorität zur Zeit der Regentschaft ließ allerhand Bünde und Parteiungen in der Art des Faustrechts aufkommen; was dahinterstand als letzte Idee, das lief auf die Zersplitterung Frankreichs, auf politisch-juristische Kräftigung der Provinzialstände, auf protestantische Autonomie, auf Beschlagnahme der geitlichen Güter, endlich wohl auch auf eine republikanische Verfassung nach dem Vorbild der Niederlande hinaus. Richelieu bekämpfte in den Hugenotten die schwerste Gefahr für sein Lebenswerk: den Dualismus, den Staat im Staate — das Sondertum also, das sich hochverräterisch mit auswärtigen Mächten verbündete. Er trat die Hugenotten nieder als eine aufständische Fraktion, duldete sie aber weiter, wenn sie loyale Untertanten sein wollten. Das war im Sinn der Zeit echt staatsmännisch gehandelt. Der Klerus indes zeigte sich sehr unzufrieden, daß man die Ketzer schonte.

Nur die Sicherheitsplätze wurden den Hugenotten genommen und damit die allzu leichte Möglichkeit erneuter politischer Rebellion: Der 10. Hugenottenkrieg beraubte 1628 mit der Einnahme von La Rochelle die Hugenotten aller im Edikt von Nantes 1598 zugestandenen Burgen und Festungen. Freie Religionspflege erhielten sie weiter. Richelieu hat hier also die Weisheit Heinrichs IV. fortgesetzt, nicht die blinde Brutalität Ludwigs XIV. vorbereitet.

Das politische und nicht das klerikale Interesse wirkte in dem Kardinal, kämpfte er doch denselben Kampf gegen das universale Papsttum. Der Traum seines Lebens war, Vikar des Papstes für das Land jenseits der Alpen zu werden, so hätte er seinen politischen Machtbereich losgelöst von der gestrengen römischen Autorität. Aber nicht einmal Patriarch von Frankreich ist er geworden, der Heilige Vater vertraute seinem größten Kardinal. Rom hielt kein feierliches Totenamt nach Richelieus Hinscheiden, wie es einem Mann seines Ranges zugekommen wäre — und doch hat der Kardinal in seinem »Testament politique« (das erst 1688 in Amsterdam erschien) für die Geistlichkeit die erste Stellung im Staate gefordert. Prälaten bekamen die besten Ämter in der Verwaltung, aber auch in der Armee. Persönlich blieb er immer der hohe Geistliche, er tat Gelübde und ließ sich einmal die Heiligenreliquie bringen, deren Berührung die Hämorrhoiden heilt.

III.

Der Ehrgeiz und die Ansprüche der großen Damen bestimmten damals das Schicksal des französischen Königshofes: Mutter und Gattin des Monarchen, die Geschwister und Vettern, dazu die zahlreichen Bastarde Heinrichs IV. mit ihren Damen — Montpensier, Montmorency, Condé, Vendôme sind die berühmtesten. Die grande dame stammte aus der Renaissance, subjektive Geistesbildung, ein Leben in Ideen und Gefühlen ließ die Beschäftigung mit dem eigenen Ich entstehen, die in Verbindung mit der religiösen Krise ein neues Selbstbewußtsein der Frau entwickelte. Das äußerst derbe Diesseits wurde zunehmend unwichtig, der aus Italien kommende Platonismus hat zwar manche verschwitzte Verstiegenheit erzeugt, aber dann doch ihrer Sublimierung aufgeholfen und die Frau als den höheren Menschentypus in den Mittelpunkt des Daseins gerückt. Die Frauen verlangten an Stelle bisheriger Unterdrückung Rechte. L'Astree von Honoré d'Urfé (1567-1625), der zehnbändige Moderoman der Zeit, feierte die dem Mann ebenbürtige, eigentlich sogar, kraft der Lebendigkeit ihres Geistes, ihm überlegene Frau, selbst die priesterlichen Funktionen sind damals schon für die Frau gefordert worden.

Die Marquise Catherine de Rambouillet (1588-1665) veranstaltete in ihrem Pariser Palais als erste Dame Empfänge, bei denen sich Aristokraten und Schriftsteller ebenbürtig trafen. Dies ist der erste der berühmten Pariser Salons, er wurde eine wirkliche Macht, fünfundzwanzig Jahre hindurch: ein Jahrmarkt für Neuigkeiten, ja mehr noch — eine Stätte, wo die Sprache verfeinert, der Geschmack gebildet, das Neueste der Literatur beurteilt, das Dezente und Distinguierte entwickelt, wo Liebe und Politik als die beiden größten Stoffe unerschöpflich behandelt wurden. Der Salon entschied persönliche Schicksale, machte Hofgeschichte und wurde Weltgeschichte.

Dieser französische Salon nahm das alte Erbe einer Überlieferung auf, die man zurückverfolgen kann bis zu den provenzalischen Liebeshöfen der Minnesängerzeit. Von da geht die Linie zu dem Lebensstil des Rittertums der Hohenstaufenzeit, zu dem Cortegiano-Ideal der Renaissance. Das Gemeinsame aller dieser Gruppenbildungen ist ist die Überwindung des herkömmlichen Gemeinschaftsstils. Sonst saßen ja in auffälliger Ödnis immer die Männer zusammen mit den Männern, die Frauen mit den Frauen, es saßen die Jungen zusammen unter sich und die Alten nichts anders, es hielten sich die Angehörigen der verschiedenen Berufe zueinander und waren sich einig über die Mißachtung aller anderen. Der neue Geselligkeitsstil der Salons brachte es fertig, alle diese Sonerungen wenigstens hie und da zur Auflösung zu bringen. Statt plumper Sexualannäherung entstand die verfeinerte, in Geste und Andeutung sich vollziehende Erotik, es entstand statt akademischen Disputes das elegante Wortgefecht und anstelle tyrannischer Pädagogik ein scherzhaft gespannter Meinungsaustausch zwischen Älteren und Jüngeren, es entstand statt animalischer Genußsucht und kriegerischer Rauflust Mäßigkeit im Materiellen und Selbstbeherrschung in der Äußerung von Meinungen und Gefühlen.

IV.

Immer wieder haben schreckliche Kabalen den großen Kardinal bedroht. Das gefährlichste Komplott war jenes, das mit dem Untergang Henris II. von Montmorency verbunden ist. Der Verblendete paktierte zusammen mit dem Grafen Olivárez, den Herzogen Gaston d'Orléans und Karl von Lothringen und stürzte so Richelieu in die schwerste Krise seiner Laufbahn. Die Armee des Königs mußte das aufständische Languedoc erobern. Das Parlement der Stadt Toulouse verurteilte den Herzog von Montmorency, den vornehmsten Rebellen, zum Tode — in seinem Testament hat er dem siegreichen Rivalen Richelieu eines der schönsten Gemälde seiner Galerie vermacht.

Richelieus Absolutismus schuf gar keine neuen Formen, gab aber den hergebrachten Formen des Staatslebens einen neuen Sinn in ihrem Verhältnis zur Zentrale. Alle Schichten, Stände, Gruppen, Beamten hatten sich einzuordnen, selbst der Hochadel wurde nicht geschont, ihm gesellte sich der neue Amtsadel, die noblesse de robe bei: sie war das neue Patriziat großbürgerlicher Prägung, die hohe respektheischende Magistratur, die durch ihre Parlamente das ganze Staatswesen durchorganisierte, verwaltend, rechtsprechend, gesetzgebend zu gleicher Zeit. Noch gab es ja unendlich viel Zersplitterung in den Provinzen, dagegen arbeitete die Beamtenschaft, am allerwirksamsten auf dem Gebiet der Finanzen. Die hoheitlich betriebene Geldwirtschaft war das erste moderne Element im Staat. Zweck der kameralistischen Kapitalanhäufung und -erfassung, Ziel der unerbittlich eingesetzten Staatsautorität war die Schöpfung einer schlagkräftigen Armee. Richelieu ist der Begründer des französischen Kriegsministeriums und der Vater der Kriegsflotte.

Wirtschaftlich war Frankreich damals noch ein recht bescheidener Flecken im Vergleich etwa zu Holland oder Spanien, seine Bevölkerung wuchs aber stark. Förderung der Manufakturen, besonders der Seiden- und Leinenindustrie, um möglichst wenig dem Ausland abzukaufen, Ausschaltung der ZWischenhändler, Abwehrzölle gegenüber dem fremden Wettbewerb: das sind die Grundsätze, die bald ganz Europa bestimmen sollten und es auf ihre Weise bis heute tun. Hier sind sie aber zuerst in zäher, vorsichtiger Arbeit ausprobiert worden. Die Anwendung geschah immer mit lockerer Hand, wie sich etwa bei der Behandlung des Orienthandels mit der Levante, Persien und Rußland zeigte. Richelieu unterscheidet sich mit seinem weitherzigen Verständnis für die Interessen des Handelsemporiums Marseille wesentlich von seinem gestrengeren Nachfolger Colbert.

V.

Das Morgenrot der aufsteigenden klassischen Epoche des französischen Geistes färbte schon diese Jahre. Triumphierender Katholizismus erneuerte mit seiner Wärme und Farbigkeit das religiöse Leben und drängte den herben Calvinismus erfolgreich beiseite. Der neue Zug sozialer Hilfsbereitschaft stärkte in einer sich wandelnden Ökonomie die Stellung der Kirche. Franz von Sales (1567-1622), der Heilige, wurde zum Hort aller frommen Seelen, väterlich brachte er die Suchenden zu süßer Erbauung in einem blumigen Stil, der Schule machte. Schon gab es aber manche, die sich nun gerade von er Kirchlichkeit lossagten: Libertiner, Atheisten erregten Aufsehen und Unbehagen. Nach Richelieus Tod philosophierten die Freigeister mit wachsender Respektlosigkeit, tapfer und galant, als Künstler, Kavaliere, Abenteurer — ein buntes Volk sie alle, das den Genuß zum raffinierten Lebensinhalt machte und in Epikur den Allmeister verehrte. Ninon de Lanclos (1620-1705), die wegen ihrer Bildung nicht weniger berühmt war als wegen ihrer Schönheit, wurde die Heldin dieses Kreises, die, wenn auch Kurtisane, sich doch eine Stellung in der großen Welt machte und drei Generationen von Männern beschäftigte.

In der Literatur wirkten noch ganz stark Einflüsse aus anderen Gegenden: Es war die bewegte Empfängniszeit, die immer jeder großen schöpferischen Periode voraufgeht. Spanische und italienische Vorbilder halfen der Erweckung des lateinischen Geistes in Frankreich, während die Griechen merklich zurücktraten. Während in Deutschland die Humanisierung eine Abkehr von eigenen Traditionen bedeutete, vollzog sich in Frankreich eine Rückkehr zu den eigenen Ahnen, denn das Lateinische war hier eine viel selbstverständlichere Form des gehobenen Ausdrucks geblieben. Natur- gleich wie Geisteswissenschaften bereicherten daran ihren Wortschatz, die Größen Roms galten bald schon als nationale Helden. Regel, Ordnung und Maß bildeten einen gravitätischen, manchmal steifen Geschmack aus, Vernunft verdrängte Enthusiasmus, Beredsamkeit dichterische Urkraft. Die derbe Stimmung der alten Provinzsprache, wie sie etwa in der Touraine geredet wurde, ging freilich zunehmend verloren, Paris begann seine abschleifende Wirkung auszuüben. Der Hof verließ die berühmten Loire-Schlösser, das alte Zentrum des mittelalterlichen Frankreich wurde zu beschaulicher Provinz, die Verschwörung des Marquis de Cinq-Mars (die 1642 mit dessen Enthauptung endete) war noch ihr letztes politisches Aufzucken.

Was nun folgt ist die große Zeit von Fontainebleau und Versailles. Paris wird die vielgeliebte, schönste Stadt, der Ruhm Frankreichs, eines der edelsten Schmuckstücke der Welt, wie Montaigne schreibt. Noch wehrte sich der alte gallische Geist gegen soviel Feinheit. Das Grobianische, Ungebärdige fand einen späten, dafür umso preisgesandwürdigeren Vertreter in Cyrano de Bergerac (1619-1655), und Paul Scarron (1610-1660) verulkte mit erfrischender, hinreißender Respektlosigkeit den ganzen feierlichen Olymp Vergils als ein echter Vorläufer Blumauers und Offenbachs.

VI.

Gegen 1635 gab es in Paris eine Reihe von kultivierten Bürgern, Schriftstellern, Liebhabern, die als Leute von verfeinertem Geschmack sich alle Wochen trafen und, wie auf Besuch beieinander, alle Ereignisse des Tages Literatur, Kunst und Neuigkeiten besprachen. Richelieu hörte davon und bot ihnen an, eine öffentliche Körperschaft zu werden. Etwas unwillig folgte man dem Wunsch des allmächtigen Ministers, der König erteilte seinen Patentbrief — so entstand die Académie française. Der Kardinal wurde ihr Protektor, die Zahl der Mitglieder auf vierzig festgesetzt, sie erhielt eine eigene Gerichtsbarkeit, ihre Aufgabe wurde es, Reinheit und Bestand der französischen Sprache zu sichern, das maßgebende Wörterbuch dazu erschien erstmals 1694.

Es war eine Zeit beglückenden Beginnens, noch voll von Frische, sehr kühn im Ziel und manchmal brüsk bei den Mitteln dazu. Die abgekühlte Majestät und die steife, stets etwas aufgesetzte Harmonie der Zeit Ludwigs XIV. sollte erst daraus entstehen. Richelieu liebte die Bühne so sehr, daß er selbst dramatische Entwürfe fertigte. Was er an Intrigen, Charakteren, Situationen skizzierte, gab er dann jungen Dramatikern zur Ausarbeitung. Einer davon, der sich nicht recht gefügig zeigen wollte, war ein junger Advokat aus der Normandie. Sein Name: Pierre Corneille (1606-1684), der zum Schöpfer des klassischen französischen Dramas werden sollte.

Der Reiz in diesem ersten Großen und vielleicht doch dem Größten des französischen Theaters ist gerade das Unfertige: da ist viel Übertreibung, viel Überraschung, mancherlei Gewaltsames in der Lösung, daneben Sinn für Komisches, Grobes und Rührendes, vor dessen Hintergrund sich aber stets Heroisches abzeichnet, verfeinert, gespannt, menschlich, ungeformt, quellend vor Kraft. Dem untergehenden Spaniertum hat Corneille im "Cid" den mitfühlenden Nachruf geschrieben wie einst Aischylos dem persischen Gegner in den "Persern". Eine ganz ähnliche unbelastete Frische lebt auch in den Memoiren der Zeit. Die berühmtesten Memoirenschreiber dieser Tage waren der Herzog von Rohan, der Marschall de Bassompierre — und Richelieu selbst, der die seinigen klar, rigoros und herzlich voreingenommen zusammenstellte. In den Büchern kleinerer Zeitgenossen geht es viel bunter, toller, skandalöser und boshafter zur Sache.

Der große René Descartes (1596-1650) ist ein neuer Typus des Gedankenarchitekten. Dieser Abkömmling Tourainer Adels war nun wirklich kein Stubenhocker, sondern liebte es, weltläufig Menschen und Dinge auf Reisen und in Gesellschaft zu sehen. Ganz frei, ganz unabhängig von Ämtern und Überlieferungen schenkte dieser starke, strenge, wenn auch persönlich vorsichtige Mann dem wissenschaftlichen Denken die erste klare Universalmethode nach der Scholastik, die diesen Namen verdient. Neben ihm, dem scharfäugigen und unerbittlich exakten Systematiker der ratio, steht aber bereits der reine, der edle Blaise Pascal (1623-1662), der als ein Genie des Scharfsinns die Vernunftgläubigkeit bis zu ihrer Selbstaufhebung durchdachte und so aus einer neuen Form der Skepsis heraus wieder zurückweist zum Urreligiösen des Christentums, ein logiker des Feingefühls durch und durch, ein Kenner des menschlichen Wahns, dazu noch ein genauer und hinreißender Stilist, der beredteste Meister der neuen Prosa, persönlich immer unerschöpflich und unergründlich, ruhelos, apokalyptisch.

VII.

Flämische und italienische Meister brachten nach Frankreich ihre Abwandlungen des klassischen Stils, Nachahmungen der Kunst des kaiserlichen Rom, die dem augusteischen Grundgeschmack der Epoche im tiefsten entsprachen. Der akademische Geist Frankreichs entstand: sein Schwelgen in Säulenordnungen und Kuppeln, die unermüdliche Darstellung der schönen Geste, der edlen Haltung wundervoller Leiber, des majestätischen Ausdrucks hoher Leidenschaft. Das Persönliche und Spontane mußte dabei zugrundegehen, der Reiz der Linie und der Farbfeinheit entschädigte dafür nur wenig. Gewiß gab es noch ein echtes Gefühl, das sich wehrte gegen soviel Leere des Prunks: Da war Jacques Callot (1592-1635), der sein Lumpengesindel von Soldaten und Huren so malte und radierte, wie er es sah, und er sah es in voller menschlicher Wahrheit. Es gab noch immer Portraitisten, die den Geist und die erhabene Natürlichkeit der Schule von Clouet fortsetzten. Die Landschafter Nicholas Poussin (1594-1665) und Claude Lorrain (1600-1682) suchten aber ihre idealen Motive in Italien, selbstverständlich.

Die Gotik starb aus, ihr letztes Wort in Paris war die reizende kleine Kirche hinter dem Pantheon, St.-Etienne-du-Mont. Die Renaissance hatte sich im Schloß von Blois, in den Häusern von Bourges, Toulouse und Orléans bezaubernde Denkmäler geschaffen. Jetzt triumphierte die Gravität des Barock, seine kluge Eleganz in der französischen Abwandlung paßte doch zu gut zu dem Wesen der emporgekommenen noblesse de robe, die sich selbst so sehr ernst nahm.

Am meisten mit Richelieu verknüpft ist die alte Doktorenvereinigung, die Stiftung Roberts de Sorbon — die Sorbonne, zu deren Provisor der Kardinal 1622 gewählt wurde. Er ließ das große neue Gebäude errichten, von dem heute nur mehr die Kuppelkirche steht. Das berühmte Palais du Luxembourg, der Witwensitz der Maria von Medici mit hufeisenförmigem Grundriß und hohem Dach nach Art der Rustikfassade, vergegenwärtigt am besten die Auseinandersetzung zwischen italienischem und französischem Geschmack.

Neben die königlichen Wohnsitze tritt das hôtel, das Stadthaus der alten noblesse d'epée, die es an den Hof nach Paris zog — und die eifernde noblesse de robe konnte da nicht zurückstehen. Die Straßenfront des hôtel ist meist abweisend, zurückhaltend, es ist ja nicht für die Öffentlichkeit da und nicht für jedermann, sondern für die Gesellschaft, die darin aus- und eingeht. Betont ist nur das große Tor der Einfahrt für die Kutschen der Besucher. Ganz anders dagegen die Hof- und Gartenseite, wo sich Luxus und Dekoration zu einem wunderlichen Ganzen verschwenden. Im innern ist vor allem die Treppe entwickelt, die die Gäste zu den Empfangsgemächern führt. Da ist alles auf die Besucher eingerichtet, nur wenig Mobiliar schmiegt sich da an die verputzten Wände, um Platz zu lassen zum Gehen, Stehen und Gruppenbilden. Wände und Decken sind durch Stuck, Gold, Fresken und Stoffe kunstvoll gestaltet, ganz vom Standpunkt und mit den Mitteln des Architekten.

Keine Bilder, noch kein Nippes, keine Bücher, kein Prunkgeschirr: Bilder gehören in die Galerie, Bücher in die Bibliothek, der Schreibtisch steht nur im Kabinett, alles hat seinen Platz und seine Stunde.

VIII.

Dem hôtel in der Stadt entspricht das château auf dem Lande. Hier zeigten sich die neuen Beamtenpatrizier an Ehrgeiz, Geschmack und Vermögen dem alten Adel ebenbürtig. Am Schloß zu Blois arbeitete der berühmte François Mansart (1598-1666), der dem neuen charakteristischen Kniestock seinen Namen gab. Bald hatte sich der herrschende Typus entwickelt: die Auffahrt, der Hof, der Garten, der Park.

Im Ort Richelieu hat der Baumeister für seinen Brotherrn, den Herzog, Stadt und Kirche wohlgemessen aufgebaut als Folie für das Schloß, auf dessen Hauptbau zwei Höfe vorbereiten. Massiv, ernst und schwer erhebt sich dann dies herrschende Zentrum, in den Gärten aber durfte sich die Anmut spielend entfalten: Springbrunnen, Grotten, Tempelchen, mythologische Figuren, Kolonnaden, Laubengänge, hinter dem einladenden Porticus ein entfernter, Ordnung schaffender point de vue — das alles war schon die Idee von Versailles, und so geht von dem Kardinal-Herzog, seinem Schloß und seinem Park ein neuer Geist und Stil aus, beispielgebend für die Herrscher Europas.

Äußerlich lebte dieser Staatsmann durchaus wie ein König. Man zitterte vor ihm, überreichte ihm ehrfurchtsvoll Bittschriften und küßte dabei sein Kleid, auf dem berühmten Portrait von Champaigne ist er stehend abgebildet wie ein Monarch, nicht sitzend wie ein Kardinal. Junge Edelleute versahen seinen persönlichen Dienst, er sorgte für sie und richtete ihn eine eigene Schule ein. Der Kardinal fuhr, aß und wohnte glänzender als sein König, auf dessen Namen man sich erst besinnen muß. In Paris baute sich Richelieu das Palais-Cardinal, das erst später zum Palais Royal wurde. Lieber war ihm wohl sein kleines Stadthaus, das Hôtel Richelieu, dessen goldene Kapelle berühmt war: alle kirchlichen Gegenstände funkelten von Edelsteinen.

Nach Richelieus Tod sagte Ludwig XIII., da sei ein großer Politiker gestorben. In dem dummen Wort des Schattenkönigs liegt tiefste Weisheit: Die Zukunft war gesichert, ein kleinerer Nachfolger, Kardinal Mazarin, konnte ernten. Was man gewöhnlich die Epoche des Dreißigjährigen Krieges nennt, war die Zeit zweier großer Staatsmänner, den Häuptern der aufsteigenden Westmächte: Richelieu — und Cromwell.

14:39 13.01.2010
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Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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