Der Progreß, nacherzählt

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

I.

Am 11. Juni vor knapp 300000 Jahren saßen einige Menschen zusammen unter einem Baum in der Savanne. Gehüllt in rohe Felle, die recht unwirsch über den Schultern hingen, einen Speer auf dem Rücken. Sie waren weder besonders fortschrittlich noch rückschrittlich, hielten sich selbst nicht für besonders konservativ, manche vielleicht für recht zeitgemäß. Sie waren nicht dumm oder kurzsichtig unter den Menschen ihrer Zeit, einige sogar ziemlich schlau.

»Habt ihr das gehört? Sie haben jetzt entdeckt wie man Feuer macht. Das gefällt mir gar nicht!« Die anderen nickten zustimmend.

»Ja, Bald kann ein jeder Feuerstellen anlegen, oder sie benutzen es sogar zum Jagen! Das ist gegen jede Tradition!«

Ein anderer wandte ein: »Törichte Anmaßung! Feuer sollten nur die Himmelsgeister spenden. Es selbst zu machen ist gegen das Gesetz, die Geister verwehren uns am Ende noch ihre Gunst!«

Der Nächste: »Ich habe selbst gesehen wie jemand ins Feuer gefallen ist, sein ganzer Körper wurde von den Gluten verzehrt. Diese Macht darf nicht in jedermanns Händen liegen, sonst wird sie mißbraucht!«

»Es ist auch wider die Natur, selbst Feuer zu machen. Wir machen uns davon abhängig, daß jeder Feuer machen kann. Wo kommen wir denn da hin?« »Und überhaupt ist Feuer viel zu kompliziert, um von einfachen Menschen beherrscht zu werden!«

»Stellt euch doch vor«, warnte nun ein besonders Kluger, »wenn schon bald jeder Feuer machen kann... wer soll denn absehen, was mit uns geschieht? Das Feuer verändert alles, es stellt alles auf den Kopf, es könnte unsere Lebensweise zerstören, ja die gesamte Menschheit!«

»Und außerdem, wovon sollen unsere Feuerpriester dann leben?«

Schließlich schritt der Weiseste von allen ein und beruhigte: »Macht euch keine Sorgen. Das ist nur so eine Mode. Diese Feuermacherei — das hält sich nicht lange.«

II.

Am 11. Juni des Jahres 1450 saßen einige Menschen zusammen in einer Taverne am Marktplatz. Sie trugen Roben aus feinem Tuch, Umhänge aus Wolle und Bundhauben, den Stock an der Seite. Sie waren weder besonders fortschrittlich noch rückschrittlich, hielten sich selbst nicht für besonders konservativ, manche vielleicht für recht zeitgemäß. Sie waren nicht dumm oder kurzsichtig unter den Menschen ihrer Zeit, einige sogar ziemlich schlau.

»Habt ihr das gehört? Sie wollen jetzt Bücher drucken. Das gefällt mir gar nicht!« Die anderen nickten zustimmend.

»Ja, bald kann ein jeder eine Bibel besitzen, oder sie benutzen das Bücherdrucken gar, um noch andere Bücher zu drucken! Das ist gegen jede Tradition!«

Ein anderer wandte ein: »Törichte Anmaßung! Bücher müssen von Hand geschrieben werden. Sie in großer Stückzahl für jeden herzustellen ist wider das Gebot. Gott Vater wird das bestrafen!«

Der Nächste: »Ich habe selbst gesehen wie Leute Lügen und Ketzereien verbreitet und damit das einfache Volk sittlich verdorben haben. Diese Macht darf nicht in jedermanns Händen liegen, sonst wird sie mißbraucht!«

»Es ist auch wider die Natur etwas anderes als eine handgeschriebene Bibel zu lesen. Wir machen uns davon abhängig, daß jeder lesen kann. Wo kommen wir denn da hin?«

»Und überhaupt ist der Buchdruck viel zu kompliziert, um von einfachen Menschen beherrscht zu werden.«

»Stellt euch doch vor«, warnte nun ein besonders Kluger, »wenn jetzt jeder Bücher schreiben, lesen und vervielfältigen kann, das verändert alles, es stellt alles auf den Kopf, das könnte unsere Lebensweise zerstören, ja die gesamte Menschheit!«

»Und außerdem, wovon sollen dann unsere Kopisten leben?«

Schließlich schritt der Weiseste von allen ein und beruhigte: »Macht euch keine Sorgen. Das ist nur so eine Mode. Diese Buchdruckerei — das hält sich nicht lange.«

III.

Am 11. Juni des Jahres 1840 saßen einige Menschen zusammen in einem Etablissement. Sie trugen feine Kleider mit hohen Krägen, den Degen in der Scheide. Sie waren weder besonders fortschrittlich noch rückschrittlich, hielten sich selbst nicht für besonders konservativ, manche vielleicht für recht zeitgemäß. Sie waren nicht dumm oder kurzsichtig unter den Menschen ihrer Zeit, einige sogar ziemlich schlau.

»Habt ihr das gehört? Sie wollen jetzt mit Dampfmaschinen sogar Stahlrösser antreiben. Das gefällt mir gar nicht!« Die anderen nickten zustimmend.

»Ja, bald kann jeder Briefe mit dem Zug verschicken, oder sie benutzen es sogar noch, um Menschen zu transportieren! Das ist gegen jede Tradition!«

Ein anderer wandte ein: »Törichte Anmaßung! Menschen müssen sich zu Fuß, zu Pferd oder höchstens in der Kutsche fortbewegen. Noch schneller zu reisen ist ungesund, wenn nicht gar unmöglich!«

Der Nächste: »Ich habe selbst gesehen wie ein gestandener Mann beim Anblick dieser Maschine ohnmächtig wurde. Diese Macht darf nicht in jedermanns Händen liegen, sonst wird sie mißbraucht!«

»Es ist auch wider die Natur so schnell zu reisen. Wir machen uns davon abhängig, daß jeder sich so hurtig fortbewegen kann. Wo kommen wir denn da hin?«

»Und überhaupt ist die Dampfmaschine viel zu kompliziert um von einfachen Menschen beherrscht zu werden.«

»Stellt euch doch vor«, warnte nun ein besonders Kluger, »wenn jetzt jeder in kürzester Zeit zwischen den Städten reisen kann, das verändert alles, es stellt alles auf den Kopf, das könnte unsere Lebensweise zerstören, ja die gesamte Menschheit!«

»Und außerdem, wovon sollen dann unsere Kutscher leben?«

Schließlich schritt der Weiseste von allen ein und beruhigte: »Macht euch keine Sorgen. Das ist nur so eine Mode. Diese Dampfmacherei — das hält sich nicht lange.«

IV.

Am 11. Juni des Jahres 2010 saßen einige Menschen zusammen in einem Club in der Stadt, mit hippen Klamotten und dem Handy in der Tasche. Sie waren weder besonders fortschrittlich noch rückschrittlich, hielten sich selbst nicht für besonders konservativ, manche vielleicht für recht zeitgemäß. Sie waren nicht dumm oder kurzsichtig unter den Menschen ihrer Zeit, einige sogar ziemlich schlau.

»Habt ihr das gehört? Sie wollen jetzt Kernfusion möglich machen, Gene manipulieren und Nanotechnologie erforschen. Das gefällt mir gar nicht!« . . .

15:02 11.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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