Die causa Sarrazin in der Auslandspresse

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Bemerkenswert ist es schon, daß das jüngste Opus des Thilo Sarrazin nicht nur in Deutschland so hohe Wellen schlägt, immerhin handelt es sich bei »Deutschland schafft sich ab« nicht um ein Buch, das die internationale Diskussion mit neuen Ansätzen befruchten soll, sondern sowohl in Analyse als auch Argumentation nur auf deutsche Befindlichkeiten und, entsprechend, nationale Maßnahmen zielt.

Beginnen wir unsere tour d'horizon zunächst bei unseren Nachbarn.

Le Figaro spricht schon im Titel von einem Skandal und rollt anschließend, ebenso knapp wie auf den Punkt gebracht, die Genese der Sache auf: Wie der 65-jährige Sozialdemokrat Sarrazin — der, auch darauf weist Le Figaro explizit hin, von hugenottischen Einwanderern abstammt — schon im Jahr 2008 die Grundlinien ausgebreitet habe, an der sich auch seine aktuelle Polemik entlanghangelt, daß er zunächst Finanzsenator in Berlin war und anschließend auf einen »komfortablen Posten« bei der Bundesbank entsorgt wurde, wo er sogleich seinen Vorgesetzten Axel Weber in peinliche Erklärungsnot brachte.

Losgetreten wurde die Affäre lange vor dem gestrigen Erscheinen des Buchs durch den Medienrummel in der BILD und im »respektablen« SPIEGEL, wo Sarrazin »kontroverse« Interviews gegeben habe. Also nichts als ein Marketingtrick?

Laut Figaro steckt noch etwas anderes dahinter: Fast anerkennend wird nämlich notiert, daß Thilo Sarrazin einer ist, der den »Kunstgriff« beherrsche, das, was er zu sagen habe, nicht nur an das richtige Publikum zu richten, sondern dazu auch auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Während sich die deutsche Wirtschaft auf dem Wege der Erholung befinde und die Regierung sich mit Haushaltsdisziplin und unpopulären Etatkürzungen herumschlagen müsse, präsentiere Sarrazin breitenwirksam eine Gruppe von Menschen, an der sich die Zukunftsängste der Bevölkerung schadlos halten könne, die Einwanderer, insbesondere die Muslime.

Am Ende vermerkt Le Figaro aber auch, daß Sarrazin jenseits aller Polemik eine »beunruhigende Frage« über Deutschlands Zukunft aufwerfe — und dabei »unerwartete Unterstützung« durch Necla Kelek erfahre.

Le Monde wird ebenfalls gleich am Anfang deutlich: Da ist ein Haudrauf, Sarrazin, der das gesamte politische Establishment der Republik in Verlegenheit bringe mit seiner galligen Theorie über das »jüdische Gen« und den »bitteren« Angriffen auf muslimische Einwanderer. Daß jemand, der zum Führungspersonal des Landes gehöre, so eine weithin als antisemitisch wahrgenommene Hetzschrift gerade in diesem Land, das bei dem Thema ansonsten »höchst sensibel« sei, vorlege, sei schon ein starkes Stück, und entsprechend auch der Widerstand gegen seine Thesen. Zitiert werden dazu Angela Merkel (»völlig inakzeptabel«), Cem Özdemir (»barbarischer Krieger, den nur Bin Laden sich wünschen könnte«), Necla Kelek (»bittere Wahrheiten«, »keiner der Kritiker hat bisher zum Inhalt [des Buchs, Anm.] Stellung genommen«), erwähnt wird auch die Protestdemonstration bei der gestrigen Buchvorstellung.

Erstaunlich sei, daß all dies in einem Land vor sich gehe, das bisher und im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Ländern von populistischen Extremisten verschont geblieben sei, die nationalistische NPD kein einziges Mandat im Bundestag habe und Extremistenparteien lediglich hier und da, vorwiegend in manchen Regionen der »ehemaligen DDR«, Unterstützung genieße. Es könne aber durchaus sein, so Le Monde, daß Sarrazin nur ein Ventil für Probleme sei, die bisher unter den Teppich gekehrt worden seien. Thilo Sarrazin also ein deutscher Geert Wilders? Der Frage danach sei Sarrazin bisher »ausgewichen«.

Gleich mit der Tür ins Haus fällt die konservative spanische El Mundo und fragt: »Sagt Sarrazin, was viele Leute denken?« Während das ganze Land von einem Sturm der Entrüstung ergriffen sei und Sarrazin aus allen Parteien Kritik entgegenschlage, gehe sein Buch, vielleicht gerade deswegen, weg wie »warme Semmeln«, denn, »machen wir uns nichts vor: Sarrazin hat sein Publikum«.

Dabei biete sein Buch nichts Neues verglichen mit dem, was Sarrazin schon vor einem Jahr von sich gab, aber immerhin sei es nun »wesentlich schlauer« in der Argumentation. Vielleicht liege das ja daran, daß »seine Frau das Originalmanuskript umfassend korrigiert« habe, wie El Mundo launig bemerkt.

Ansonsten ist der Artikel betont sachlich gehalten. Er beschäftigt sich mit der Situation an deutschen Schulen, besonders in Berlin, wo es Klassen gebe, in denen 70% der Schüler Deutsch nur im Unterricht sprechen, während sie »auf dem Schulhof, auf der Straße und zu Hause nur Türkisch« reden. Daß diese Generation mitunter Schwierigkeiten mit der Integration habe, sei offensichtlich. Trotzdem sei der »alarmistische« Angriff von Sarrazin, reichlich übertrieben, findet El Mundo-Korrespondentin Rosalía Sánchez.

Die relativ kurzen Bemerkungen von El País sind dagegen eindeutig und in der Richtung sonnenklar. Thilo Sarrazin, der einflußreiche Bundesbankvorstand, greift »Einwanderer, Türken und Juden« an und bekommt dafür nun ordentlich auf die Haube, und zwar von allen Seiten, vom Außenminister angefangen über den Verteidigungsminister (zu Guttenberg ist in der spanischen Presse immer ein Smash-Hit, weil die Presse auf der iberischen Halbinsel aus mir unerfindlichen Gründen einen Narren an ihm gefressen zu haben scheint) bis hin zu Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden und Michel Friedman. Das Buch von Sarrazin sei einseitig und polemisch. Der Gescholtene bestehe zwar darauf, daß seine Thesen nicht rassistisch seien, wie seine Kritiker ihm vorwerfen, aber diese Erklärung sei letzlich »nicht überzeugend«, so jedenfalls El País.

Recht dürr ist's, was The Daily Telegraph zu berichten hat. Im Grunde ist es lediglich eine AP-Meldung, die um die immerhin aufschlußreiche Statistik aufgemöbelt wurde, der zufolge die von Sarrazin so explizit angegriffenen Muslime nach Schätzungen nur 4,6 bis 5,2% der Gesamtbevölkerung ausmachen, was wohl den (allerdings unausgesprochenen) Schluß nahelegen soll, daß es mit dem von Sarrazin herbeigeredeten Untergang Deutschlands nicht sonderlich weit her sein kann.

Im »Guardian« habe ich nicht Umschau gehalten, den dürfte sich der »Freitag« schon noch eigenhändig zur Brust nehmen. Im »Observer« steht ohnehin meistens dasselbe wie im »Guardian«, da man ihn aber meistens in Cambridge unterm Arm hat, werde ich ihn auch so schnell nicht anfassen.

Interessant dagegen, was die an sich rechtslastige Daily Mail schreibt: Deutschland habe zwar sehr strikte Regelungen die freie Meinungsäußerung betreffend (»These include denying the Holocaust, using the Heil Hitler salute and displaying a Swastika«), Sarrazin habe aber wohl kein Strafverfahren zu befürchten, auch wenn seinen »geschmacklosen Äußerungen« weiträumige Entrüstung entgegenschlage und man ihn deshalb sogar aus seiner Partei ausschließen wolle. Aber immerhin habe Sarrazin Großbritannien als leuchtendes Beispiel für gelungene Integration besonders hervorgehoben: »And he singled out Britain as an example of success in racial integration. ‘The reason is not ethnic but lies probably in the culture of Islam. One should compare (Germany) to the successful integration of Pakistanis and Indians in Great Britain,’ he said

Die in Dublin erscheinende linksliberale Irish Times nimmt zur Kenntnis, daß Sarrazins Polemik, noch bevor das erste Buch über die Ladentheke ging, schon in die dritte Auflage gehe. Das liege wohl daran, daß Sarrazin — jemand, der »die Provokation genauso liebt wie ein Bär den Honig« — die pikanteste und neuralgischste Stelle der deutschen Gesellschaft punktiere, nämlich die Folgen der türkischen Masseneinwanderung vor 40 Jahren. Der Rummel um Sarrazins Thesen sei vor allem der durchgehaltenen Polemik geschuldet, obwohl namhafte Experten die Argumentation, vor allem in Hinblick auf die genetischen Grundlagen der Intelligenz, längst als nicht mehr auf der Höhe der Zeit zurückgewiesen haben.

Das Wall Street Journal nimmt sich sehr erfrischenderweise einen ganz anderen Aspekt der Angelegenheit vor, nämlich die Schwierigkeiten von Bundesbankpräsident Axel Weber, die ihm Sarrazins Äußerungen und vor allem deren Rezeption nun einbrocken. Als Chef der Bundesbank ist er einerseits dazu verpflichtet, Behördenangehörige — und so einer ist Thilo Sarrazin — gegen unhaltbare öffentliche Anschuldigungen in Schutz zu nehmen. Sich mit kontroversen Ansichten weithin unbeliebt zu machen ist weder strafbar noch dienstrechtlich relevant und zudem, entgegen landläufiger Meinung, kein Grund, einen Beamten zu entlassen. Andererseits drängen aber weite Teile von Politik und Öffentlichkeit darauf, Sarrazin vor die Tür zu setzen. Als Sarrazin zum ersten Mal in dieser Hinsicht »auffällig« wurde, konnte man das noch einigermaßen glimpflich über die Bühne bringen, indem man die Geschäftsverteilung zu seinen Ungunsten änderte.

Dieser Weg scheint nun nicht mehr gangbar, denn erstens ist bei Sarrazin schlicht zuwenig Zuständigkeitsbereich übrig, den man ihm noch entziehen könnte, ohne daß es es einem Rauswurf gleichkäme, und zweitens gibt das das wie erwähnt das Dienstrecht nicht her. Andererseits ist zwar rein rechtlich nichts gegen Sarrazin auszurichten, aber im politischen Gefüge ist ein namhafter Vorstand wie er schon deshalb langfristig nicht mehr tragbar, weil er das wichtigste Kapital der Bundesbank aufs Spiel setzt, nämlich die Unabhängigkeit der Institution, die im Innenverhältnis zweifellos Zurückhaltung im persönlichen Gebahren verlangt, besonders in so brisanten Fragen wie der, die Sarrazin nun anpackt.

Was also soll Axel Weber tun? Er will und soll ja in Bälde Nachfolger von EZB-Chef Jean-Claude Trichet werden. Ob er es wird, dürfte zu einem nicht geringen Teil davon abhängen, wie Weber die causa Sarrazin ins Reine bringt.

Einen Rausschmeißer habe ich noch, er kommt diesmal ungewöhnlicherweise von der kanadischen The Globe and Mail. Die wird von mir immer gerne gelesen, weil sie stets vornehm, zurückhaltend, gediegen, immer und überall auf Ausgleich und Moderation bedacht ist. So liest sich auch der Artikel zum Thema Sarrazin, der ohne jeden Anflug von Meinung nichts als die reinen Fakten meldet. Bemerkenswert ist indes die Kommentarsektion unter dem Artikel — da ging's nämlich richtig heftig zur Sache, weshalb die Redaktion auch zum Kehraus aufspielte: »Editor's Note: We have closed comments on this story for legal reasons. We appreciate your understanding.« Wer sich manche der Kommentare zu Gemüte führt, weiß auch, warum.

-- Aktualisierung 01.09.10 11.48h:

[von ed2murrow:]

In Italien titelt der konservative Corriere della SeraDas anti-islamische Buch des linken Bänkers, das Merkel wutschnauben läßt“. Sein Berlinkorrespondent leitet den Artikel ein: “Frauen mit Schleier oder mindestens einem Tuch auf dem Kopf. Islamische Schulen von München bis Hamburg. Muezzin statt Kirchenglocken. Verbot von Nacktheit an Stränden. Wissenschaft und Technik im Ausverkauf. Reichtum im Absturz. Geruch von Kebab. Das ist das Deutschland in ein paar Jahrzehnten in der Vorstellung eines gewichtigen deutschen Sozialdemokraten, Mitglied des Vorstandes der Bundesbank, was den Baum der nationalen Einwanderungspolitik heftig durchschüttelt. Thilo Sarrazin, 65, ist ein typischer Unbelehrbarer: Am Ende wird nach Meinung der politischen Parteien und der Sozialpartner aller Wahrscheinlichkeit nach er es sein, der für seine politisch völlig unkorrekten, sprachlich zündelnden und hart an die Grenze des Rassismus gehenden Ausfälle die Konsequenzen tragen wird“. Der Korrespondent zitiert sodann die Reaktionen aus Deutschland sowie einige der vorgestellten Zahlen zur demographischen Entwicklung. „Ich will nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel überwiegend muslimisch ist oder dass Türkisch und Arabisch in großen Teilen gesprochen wird, dass die Frauen Kopftücher tragen und dass der Rhythmus des Tages vom Muezzin diktiert wird“ stellt der Corriere das Resümee Sarrazins vor. Er weigere sich, als Rassist definiert zu werden, weil seinen Angaben zufolge er sich auf kulturelle Unterschiede berufe und nicht auf ethnische.


Die linksliberale La Repubblica greift online („Juden genetisch anders“) das Interview in der WaS mit dem Eingangssatz auf: „In Berlin spricht man wieder vom genetischen Gut der Juden als Unterscheidungsmerkmal, und das Establishment, die Medien und die Gesellschaft stehen auf“. Trotz aller Widerstände gebe Sarrazin nicht auf und zähle auf wachsende Sympathie. „Laut der Wochenzeitschrift Focus hoffe ein Deutscher von fünf auf die Geburt einer nationalkonservativen Partei, nicht rechtsradikal, aber rechts von der CDU, die fähig sei, von deutscher Normalität zu sprechen und von Nationalstolz“. Zusammen mit anderen Neocons werde Sarrazin als einer ihrer Richtungsgeber gehandelt. Seine Äußerungen seien eine „Eskalation, die die Qualität der Debatte verändert. In einem Land, das heute die stabilste Demokratie der EU ist, aber zwischen 1933 und 1945 von Hitler, Goebbels, Himmler und Goering regiert wurde, von Juden zu sprechen, indem man ihr genetisches Gut zum Gegenstand macht, lässt die Alarmglocken schrillen.“ „Intolerante Stimmung gegen Muslime, aber auch gegenüber schwachen Deutschen (die Armen und die Arbeitslosen, Bezieher von öffentlichen Hilfen, die in der Vergangenheit von Sarrazin als faul beschrieben wurden und denen er empfahl, an Gewicht abzunehmen), Lust auf Stolz, Auspizien einer harten Linie. Das ist die Musik aller europäischen Populismen“.

Il Fatto Quotidiano, dessen Artikel nur gegen Bezahlung zu haben ist, titelt: „Antisemit, xenophob oder verrückt?“

Ähnlich wie der Corriere, allerdings ausdrücklich beschränkt auf die Lektüre des Spiegel, beschreibt Il Giornale der Familie Berlusconi online „den Sturm nach dem Schock eines künftig islamischen Deutschland“. Dem Verfasser des Artikels erscheint eine andere Stelle zitierwürdig: „Jede Gesellschaft hat das Recht darüber zu entscheiden, wen sie aufnehmen will, und jedes Land hat das Recht, die eigene Kultur und seine Traditionen zu schützen. Solche Überlegungen sind auch in Deutschland wie in Europa legitim“. Die Kernthese des Buches sei, „dass es nur weniger Generationen bedarf, um uns zu einer Minderheit im eigenen Land werden zu lassen. Das ist nicht nur ein Problem in Deutschland, sondern aller europäischen Völker“.

[von Gustlik:]

Deutsche antimuslimische Partei
Ob Thilo Sarrazin, Mitglied der Bundesbank und Autor des Buches... eine antiislamistische Partei gründet? Eine solche ultrakonservative Partei könnte bis 20% Zustimmung bekommen. (wyborcza.pl)

[von Rahab:]

»'Jewish gene' theories make waves in Germany, go unnoticed in Israel« (Haaretz, 31.08.10)

-- Aktualisierung 02.09.10 11.50h:

[von Gold Star For Robot Boy:]

    »Thilo Sarrazin, German Banker, Under Fire For 'Racist' Jewish Remark« (The Huffington Post, 29.08.10)

    »Comments by German on Minorities Are Criticized« (The New York Times, 29.08.10)

[von derDonnerstag:]

22:45 31.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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