Ethik und Autonomie

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Im Rahmen einer Diskussion hier habe ich behauptet, die Ethik sei als (1) wissenschaftliche und (2) autonome Disziplin anzusehen.

Stimmt das?

Seit dem Positivismus begegnet manzunehmend der gegenteiligen Ansicht, die heute besonders im Naturalismus präsent ist, nämlich: daß es eine als normative und autonome wissenschaftliche Disziplin konstituierte Ethik nicht geben könne, sondern die Ethik in der Hauptsache durch reduktive Analyse entweder als Teil der Biologie, als Fragment der Soziologie (Auguste Comte: »soziale Physiologie«) usw. usf., also als Nebenprodukt anderer wissenschaftlichen Disziplinen interpretiert werden müsse. Die Ethik soll so verstanden nicht mehr sein als lediglich (a) eine Art Analyse jeweils aktueller Motive, die von streng definierten biologischen Mechanismen ausgelöst werden, welche sodann emotional Reaktionen veranlassen (etwa: Lust/Unlust), oder (b) eine Art von Analyse der sozialen und psychologischen Dimension des menschlichen Lebens, ergo eine Untersuchung der dieses Leben beherrschenden Gesetzmäßigkeiten.

Dabei wird stets vorausgesetzt, daß das faktische Verhalten sowie die faktischen Bestrebungen und Neigungen sowie die ihnen zugrundeliegenden biologischen Mechanismen gewißermaßen automatisch in sittliche Verhaltensregeln übersetzt würden. Man ist der Meinung, jeder Versuch einer rationalen Erklärung und Begründung der Aufgaben der Ethik (der faktisch formulierten Urteile und Normen) sei nur »von außen her« möglich, i.e. infolge der Anwendung von aus anderen Disziplinen (Biologie, Soziologie, Psychologie etc.) übernommenen Prozeduren und Kriterien, andernfalls die Ethik ein ungeordnetes und unkoordiniertes Ensemble arbiträrer Direktiven und Beobachtungen bliebe, denen höchstens eine übergeordnete Losung oder, noch schlimmer, der bloße Name eines Autors eine gemeinsame Farbe verleihen könne.

Diese Ansicht ist manchmal von der Überzeugung genährt, die sittlichen Wertungen und das sittliche Handeln im praktischen Leben seien eine Sache persönlichen Dafürhaltens oder willkürlicher Entscheidungen bzw. eine Frage der kulturellen Herkunft. Die Bedeutung solcher Begriffe wie »Wahrheit« und »Güte« soll ausschließlich biologisch bedingt oder sozial und kulturell erzeugt sein, nicht aber epistemologisch entdeckt werden können.

Diese Ansicht ist, alles in allem, nicht überzeugend und nach meiner Überzeugung kein zutreffendes Verständnis von Ethik.

Selbstverständlich erfordert die Konstruktion einer logisch korrekten und von willkürlichen Entscheidungen weit entfernten, sachlich triftigen ethischen Theorie eingehende Studien sowie ein umfassendes Wissen über die psychischen Geschehnisse, die sozialen Phänomene und die Struktur des menschlichen Organismus'. Dies alles sind schließlich Schichten ein und desselben menschlichen Wesens, derselben menschlichen Existenz, die wechselseitig miteinander verzahnt sind und oft nicht unbeträchtlichen Einfluß auf die Richtung unserer Unternehmungen ausüben. Die schlichte Nützlichkeit dieser Theorien, die außer Zweifel steht, kann allerdings nicht bedeuten, daß alles, was wir in der causa Ethik zu sagen haben, sich im Rahmen dieser Wissenschaften erschöpft.

Erstens verfügen wir über kein allgemeines biologisches oder soziologisch-psychologisches Wissen, das imstande wäre, die Gesamtheit menschlichen Denkens zu erklären. Ich bin sogar überzeugt davon, daß die Entwicklung dieser Disziplinen eher die prinzipiellen Unterschiede aufzeigt, durch die sich die den sittlichen Handlungen eigenen Bedingtheiten voneinander unterscheiden, als ihren Scheincharakter zu entlarven, wie seinerzeit noch Spinoza meinte. Deshalb bin ich der Ansicht, daß aus den gleichen Gründen, wie die Versuche, mathematische Theorien unter Berufung auf die Biologie oder die Psychologie zu erklären, (zurecht) als sinnlos gelten, auch eine biologische, soziologische oder psychologische Interpretation der Ethik verworfen werden muß.

Zweitens geht es in der ethischen Theorie ja nicht ausschließlich um eine genaue Beschreibung, Erklärung oder Voraussicht, daß sich die Menschen so und nicht anders verhalten und urteilen bzw. sich so und nicht anders verhalten werden und urteilen werden. Die Ethik ist unabhängig davon, was die öffentliche Meinung von den Normen und der Moral hält. Sie ist eben nicht die unmittelbare Folge dieser Tatsachen, und man kann sie nicht vermittels statistischer Techniken untersuchen. Darüber hinaus erschöpft sich die Aufgabe der Ethik nicht im Konstruieren eines rationalen Verhaltensprogramms unter dem Gesichtspunkt der Befriedigung (Lust/Unlust) oder der Effektivität (Erfolg/Niederlage). Die Ethik ist wesentlich mit der Beantwortung der Frage verbunden, wie ich mich verhalten soll, wie ich leben soll, um mein Leben sittlich gut und würdig zu leben. Die Hauptaufgabe der Ethik in ihrer Kernbedeutung besteht somit im Definieren und Begründen eines ethischen Kriteriums, auf dessen Grundlage wir entscheiden können, welche Art von Verhalten und welche Art von Dingen geboten (gesollt) oder verboten (nicht gesollt) sind. Oder, anders formuliert: das Ziel der Ethik ist die Konstruktion von individuellen Handlungsanweisungen in bezug auf erwünschtes (gesolltes) oder unerwünschtes (verbotenes) Verhalten.

Für eine solche Fassung der Aufgaben der Ethik sprechen auch sehr praktische Gründe.

Der Mensch trifft nämlich ständig sittliche Wahlentscheidungen. Das Vermeiden solche Entscheidungen ist de facto unmöglich, denn der Mensch kann nicht nicht-handeln und keine Wahl ist auch eine Wahl. Wenn wir aber wählen müssen, dann müssen wir auch mindestens ein Kriterium besitzen, anhand dessen wir entscheiden können, was gesollt und was nicht gesollt ist bzw. was unter den gegebenen Umständen weniger gut oder besser ist. Gewählt wird nicht nur zwischen den extremen Polen Gut und Böse, oft oszilliert die Wahl zwischen dem Guten und dem Besseren. Wenn das aber so ist, dann müssen diesbezüglich rationale Wege gesucht werden können.

Wenn die bisherigen Darlegungen den Kern dessen betreffen, was Ethik ist, dann müssen wir nun zu der Frage übergehen, ob eine solche Theorie überhaupt möglich ist. Ich will mich hier darauf beschränken, drei Prämissen zu nennen, die, die wie ich meine, die Möglichkeit einer solchen Ethik begründen. Die erste dieser Prämissen hat epistemologischen, die zweite methodologischen und die dritte ontischen Charakter.

(1.) Die unser Handeln bestimmenden Motive können genauso wie die Thesen der empirischen Wissenschaften revidiert, kritisiert, begründet und systematisiert werden. Weshalb? Der menschliche Verstand ist keine von vornherein festgelegte und abgeschlossene Menge von Angewohnheiten, die unser Denken und Handeln regeln und kontrollieren, sondern er verfügt über solche Fähigkeiten wie Reflexion, Selbstbewußtsein und Spontaneität, die uns helfen, uns von den uns durch die Außenwelt aufgezwungenen Inhalten sowie von unseren natürlichen Impulsen zu distanzieren und deren Einfluß als ein unser Handeln letztendlich bestimmendes Motiv bis zu einem gewissen Grade zu neutralisieren. Es gibt also, wie Kant formulierte, eine praktische Vernunft, also die Fähigkeit, sein Verhalten selbst zu wählen, unabhängig von den eigenen Trieben, Bedürfnissen und Emotionen. Das bedeutet, daß die sittlichen Wertungen und das sittliche Handeln Gegenstand einer zwar besonderen, aber dennoch rationalen Argumentation sein können. Wir können dann nicht nur die Frage ergründen, was wir für uns selbst wollen sollen, sondern auch, was wir sowohl für uns wie für andere wollen.

(2.) Es besteht eine weitgehende Analogie zwischen der Struktur naturwissenschaftlicher Theorien und der Struktur ethischer Theorien, zwischen aus der Wahrnehmung stammenden individuellen Überzeugungen, die Ausdruck unmittelbarer sinnlicher Erfahrung sind und in denen die Existenz des Objekts konstatiert wird, und den individuellen ethischen Urteilen, die eine Verbalisierung der axiologischen Erfahrung darstellen, in denen der Wert des Objekts festgestellt wird. Ähnlich wie die Wahrnehmungsüberzeugungen bei der Entstehung naturwissenschaftlicher Theorien die Rolle grundlegender Prämissen erfüllen, können die ethischen Wertungen den Ausgangspunkt beim Konstruieren der ethischen Theorie bilden. Die Forderung nach einem empirischen Charakter der Ethik muß nicht bedeuten, daß sie dann auch induktiven Charakter besitzen würde und somit nicht imstande wäre, allgemeine und unumstößliche Thesen zu formulieren. Nicht jede empirische Wissenschaft ist induktiv. In den empirischen Untersuchungen können wir auch analytisch-deskriptive Methoden verwenden.

In der analytischen Beschreibung wird das Objekt als Repräsentant einer Allgemeinheit verstanden, was zu allgemeinen Thesen mit apodiktischem Charakter führt. Der in der analytischen Beschreibung enthaltene Akt der Verallgemeinerung bildet zweifellos einen spezifischen Erkenntnisakt. Man kann ihn als den Akt einer besonderen Intuition sehen, so wie Decartes oder Husserl sie verstanden haben. Er ist jedoch als solcher in der Analyse der Eigenschaften des beschriebenen Objekts begründet. Wenn in einer Reihe von typischen Fällen konstatiert wird, daß die Objekte der Beurteilung eine gemeinsame Eigenschaft besitzen, so stellt das die Grundlage für die Feststellung dar, daß jedes diese gemeinsame Eigenschaft besitzende Objekt der gleichen Art von Beurteilung unterliegt. Als Beurteilungskriterium dient immer eine empirische Eigenschaft. Dagegen stammt der apodiktische Charakter der analytischen Beschreibung daher, daß diese eine analytische Definition des beschriebenen Objekts liefert.

(3.) Diese weitreichende Parallelität zwischen naturwissenschaftlicher Theorie und ethischer Theorie ermöglicht es, (a) die ethischen Wertungen als Effekt epistemischer Erlebnisse zu erfassen, i.e. Urteile und Normen werden als wahr oder falsch klassifiziert; (b) den guten oder bösen Charakter eines Objekts in Analogie zur Existenz dieses Objekts in ontologischer Perspektive zu verstehen. Diese Werte (also etwa: gut und böse) sind keine Eigenschaften des Objekts, ähnlich wie die Existenz nicht in der Darstellung des Objekts enthalten ist. In der herkömmlichen Terminologie sind dies lediglich Modifizierungen des Objekts, i.e. sie bezeichnen die Art und Weise des jeweiligen Objekts.

Die Sätze »a existiert« und »a ist gut« besitzen eine andere Struktur als der Satz »a ist rot«.

Der Satz »a ist gut« bedeutet: »gut, daß für ein bestimmtes x: x mit a identisch ist«, dagegen bedeutet der Satz »a ist rot«: »für ein bestimmtes x ist x a, und a ist rot«.

Beide Sätze besitzen, wie man ersieht, eine unterschiedliche Struktur, denn »rot« ist ein Prädikat, während »gut« kein Prädikat, sondern ein Funktor in Analogie zu den Modalfunktoren ist.

So betrachtet wird eine Offenlegung folgender Zusammenhänge ermöglicht: der Satz »a ist gut« schließt den Satz »a ist böse« aus, weil nicht beide Sätze zugleich wahr sein können, in perfekter Analogie dazu, wie im logischen Quadrat der Satz a und der Satz e nicht zugleich wahr sein können. Eine zweite Schlußfolgerung ist, daß sich der Satz »a ist nicht böse« aus dem Satz »a ist gut« ableiten läßt, analog dazu, wie der Satz i auf der Basis des logischen Quadrats aus dem Satz a (einem allgemein feststellenden Satz) hergeleitet werden kann.

Summa:

(1) Die Ethik kann als ein theoretischer Bereich verstanden werden, der von ihm eigenen Regeln und Kriterien regiert wird. Sie ist ein logisch miteinander verbundenes und kohärentes System von Sätzen, im Rahmen derer sich Feststellungen des Gesolltseins oder anders formulierte ethische Normen befinden.

(2) Die Ethik ist sowohl unter dem Gesichtspunkt der für die ihr eigenen Begründungen als auch unter dem objektiven Aspekt eine autonome wissenschaftliche Disziplin, d.h. sie ist eine Theorie, deren Objekt (das sittlich Gute und Böse) von jeder anderen Theorie epistemisch unabhängig ist.

(3) Weil die Ethik auf ein ihr entsprechendes Objekt der Erfahrung gegründet ist, ist sie nicht allein von den Einzelwissenschaften, sondern auch von diesem oder jenen philosophischen oder religiösen System prinzipiell unabhängig.

Für ein solches Verständnis der ethischen Theorie spricht zumal, daß sie erstens von dem von Kant formulierten Irrtum der Heteronomisierung und zweitens vom Irrtum des Naturalismus (Moore) frei ist, das aber nur nebenbei.

00:27 18.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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