Fünf Thesen gegen die Arbeit

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

I.

Bereits die wohltemperierte Normalform der kapitalistischen Produktion bezweckt, den Arbeiter zum bloßen Annex der Maschine zu degradieren. Reelle Subsumtion heißt nicht nur Reduktion der Kosten für das variable Kapital, sondern vielmehr und darüber hinaus letzten Endes: Aneignung der geheimnisvollen Potenz lebendiger Arbeit, Mehrwert überhaupt zu setzen. Doch damit nicht genug: das Kapital, das als »automatisches Subjekt« diese Potenz ausbeutet und als sein eigenes Wesen nach außen darstellt, trachtet danach, eben diese Potenz aus ihrer stofflichen Form herauszulösen, sie rein und unvermindert anzueignen — »schöpferische Zerstörung« (Marx, Sombart, Schumpeter).

Diesem Geheimnis der Produktivität auf den Grund zu gehen ist die Geschichte der kapitalistischen »Rationalisierung«, d. h. die historische Entfaltung des Kapitals in die Gesellschaft hinein genau so und genau zu gleicher Zeit, wie die Souveränität darauf aus ist, das Wesen »nationaler Identität«, d. h. politischer Loyalität im Subjekt auszumachen und anzueignen.

Wo Staat, da Arbeit; wo Arbeit, da Kapital.


II.

Das Kapital ist weder ein Zustand noch eine Naturkonstante, sondern ein Prozess, der jeden Tag, jede Stunde, jede Minute jeweils neu hergestellt und damit reproduziert wird: Kein Kapital ohne Arbeit.

In Ermangelung eines konkreten Sinns der Produktion, nämlich der bestimmbaren Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, ist sie und damit die zu ihr gehörende Arbeit prinzipiell als unendliche gesetzt. Die Existenzbedingung, die conditio sine qua non des Kapitals, sich rast- und endlos auf immer höherer Stufe zu verwerten, sofern nicht schon durch Stillstand seine Entwertung und damit Vernichtung erfolgt, wird als ontologische Verpflichtung zur Arbeit gefaßt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen; wer aber essen will, ist zur Arbeit verpflichtet.


III.

Die Ontologie der Arbeit setzt die Arbeit als Kampf und sittliche Bewährungsprobe. In ihr soll sich die Lebenstauglichkeit und Daseinsberechtigung des Einzelnen erst erweisen. So wird aus dem notwendigen Übel, sich auf Arbeit manchmal einlassen zu müssen, eine existenzielle Konfrontation mit Naturgewalten, vor denen man Mut zu beweisen hat: Niemand soll zagen, die Schaufel und den Schraubenschlüssel in die Hand zu nehmen. Wer nicht will ist es nicht wert, zu leben.

Die imaginierte Egalität aller im Kampf der Arbeit als beruht auf der als ewig und immerfort gleich imaginierten Herrschaft nackter Notwendigkeit über das ungesellschaftliche Individuum.


IV.

Da die Arbeit als prinzipiell endlose gesetzt ist, verschwindet jede Differenz zwischen Arbeit und Leben. Die unter den Arbeitern vorherrschende Auffassung von Arbeit als eines notwendigen Mittels zur Befriedigung eines zeitlich und räumlich außer ihr liegenden Bedürfnisses, also eine Haltung, die Arbeit instrumentell begreift, wird aufgehoben.

Arbeit, die kein bloßes Instrument mehr ist, sondern schon das Bedürfnis selbst, hat das Leben eingesogen und kassiert. Daher die in der kapitalistischen Krise zunehmend augenfälliger werdende Analogie von Arbeitern und Soldaten, die Rede von »Arbeitsschlachten« und »Arbeitsfronten«:Der Soldat als ein seiner spontanen Lebensäußerungen beraubter, uniformierter, seiner Individualität entkleideter und der freien Verfügung über sein Leben enthobener Mensch ist das Abziehbild des Arbeiters.

Der Betrieb als Ort des kapitalistischen Arbeitsplatzes wird mit jeder Krise mehr zum bloßen Arbeitslager.


V.

Die ideologische Aufhebung des Widerspruchs zwischen der Maschine als Repräsentanz des Kapitals im Produktionsprozeß und der ihr als variables Kapital untergeordneten Arbeitskraft, die ihren Niederschlag findet im Ideologem, das Werkzeug sei direkte, dem Arbeiter nachgeordnete Verstärkung seiner Leibeskraft, bedeutet nichts anderes als Anthropologisierung des Arbeitsmittels.

Die Maschine als »Dienerin des Menschen«: Diese implizite Verlebendigung des toten Gegenstandes weist auf die in Aussicht stehende Beseitigung und Abtötung alles Lebendigen, während vom Verwertungsprozeß aus betrachtet die Reduktion des Menschen auf ein bloßes Mittel zur Realisierung des Gebrauchswerts, den die Arbeit für das Kapital besitzt, einen Begriff des Arbeiters ergibt, der nur mehr der schmerzempfindliche Teil und das psychische Sensorium der Maschine ist.

Für das Kapital ist das Verhältnis des Arbeiters zu seinem Werkzeug das Verhältnis des Werkzeugs zu sich selbst.


15:43 14.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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sachichma | Community
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