Israel und sein Existenzrecht

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Folgend ein Kommentar von mir unter einem Artikel von Hermanitou. Ich will ihn anschließend noch um einige Bemerkungen erweitern.

Daß die politische Einheit namens 'Nation' sich nirgends aus irgendwelchen herbeiphantasierten kulturellen Identitäten oder gar aus Blut und Boden generiert, sondern ein politischer Souverän — fähig, Grenzen zu setzen und zu verteidigen — die Zusammenrottung von Menschen als nationale Einheit deklariert und somit den Einzelnen für das angeblich Ganze einebnet, liegt Ihrem Nationsverständnis scheinbar vollkommen fern.

Der Nationalstaat schmückt sich schließlich als Exekutor identitärer Eigenschaften, die den Individuen empirisch anhaften sollen oder ihnen, da das ja tatsächlich nie der Fall ist, einfach zugeschrieben weren. Insbesondere die Deutsche Ideologie macht aus diesem ehernen Zwang, nämlich der Angehörigkeit zu einem Staat, dem gegenüber exklusiv die Selbst-Verwertung einzuklagen sein solle, einen von der »Natur« auferlegten Inhalt — eine organische Beziehung, die nicht Solidarität unter konkurrierenden citoyens bedeutet, sondern die unablässige Identifikation mit dem naturalisierten Souverän als Vollstrecker der nationalen Eigentlichkeit.

Genau deshalb gilt der rasende Zorn namentlich der Europäer in erster Linie dem »kulturlosen« Amerika und dem »kosmopolitischen« Israel.

Die Fundierung der US-amerikanischen Staatsbevölkerung durch unausgesetzte Immigration kann nämlich lediglich von denen als echter Makel begriffen werden, denen es davor graust, daß das Recht, in einem Land zu leben, sich nicht durch die Berufung auf Blut & Boden — eben auf eine organische Beziehung — vom politischen Souverän einklagen läßt.

Die US-Amerikaner sind genausowenig autochthon wie die Israelis und können von daher niemals revolutionäre Subjekte für europäische Befreiungsnationalisten sein, weshalb diese sich auch stets um den »Würgegriff« sorgen, in dem sich die autochthonen Völker durch den volksschädlichen Zugriff der US-amerikanischen Verwertungsmaschinerie oder seines »zionistischen« Vorpostens im Nahen Osten befänden und ständig darauf versessen sind, Europa gleich wie Palästina von der gefühlten »Fremdherrschaft« zu befreien, die selbstredend hinter den Vorhängen konspirativ im Gange sein muß.


Das berühmte »Recht auf nationale Selbstbestimmung« schöpft eben nicht aus einem Pool aufsummierter korrespondierender und gleicher Willenserklärungen (die, sofern sie an Urnen geäußert werden, das periodische Repräsentationspersonal für die demokratische Herrschaft konstituieren), sondern aus den gewaltsamen Mechanismen der Vergesellschaftung, die daher notwendig der Ideologie bedarf, um nicht als das sichtbar zu werden, was sie ist.

Ein so verstandener »Antiimperialismus«, der sich nicht entblödet, die Völker als autochthone einfach sie selber sein zu lassen und sie gegen jeden äußeren Eingriff zu verteidigen, deduziert sein absurdes Befreiungsprogramm in Wirklichkeit genau aus dem Boden, den die Nationalen schon seit geraumer Zeit mit beunruhigend wachsendem Erfolg bestellen. Insofern haben die Vereinten Nationen die Zeichen der völkischen Zeit schon erkannt, wenn sie nämlich die Hilfgüter für die Palästinenser von genau der Organisation verteilen lassen, die sich schon immer als Containment-Funktion gegen den grassierenden »zionistischen Imperialismus« verstand: die Hamas.

Der Antizionismus beanstandet an Israel bezeichnenderweise weder den generellen Charakter repressiver Staatlichkeit (denn wenn er das täte, würde ihm früher oder später unweigerlich dämmern, daß er seine Kritik auch gegen alle »autochthonen« Völker und ihre jeweiligen Nationalstaaten richten müßte, und wer will schon die Islamfaschisten aus Teheran verbannen, wo sie doch zusammen mit Hugo Chávez, Fidel Castro und dem Juche-Koreaner Kimg Jong Il die einzigen sind, die wenigstens noch hie und da dem kulturschänderischen US-Imperium trotzen) noch die in ihm zum Tragen kommende Konstitution des Menschen als Staatsbürger.

Schließlich ist das mit Inbrunst hochgehaltene »Selbstbestimmungsrecht der Völker«, inklusive des Rechts auf Staatlichkeit und nationale Einheit, nichts anderes als das Einfordern des Rechts auf Herrschaft, die nämlich nur nicht fremd, sondern eigen sein soll, sodaß sie eine revolutionäre Staatskritik von selbst ausschließt.

Der Antizionismus bestreitet vielmehr, daß Israel jener Staat ist, der als Exekutor der nationalen »Selbstbestimmungsrechts« fungieren könne, und dies auch gar nicht sein könne, denn Israel ist die Anti-Nation schlechthin oder, in der Sprache des panarabischen Nationalismus: das »zionistische Gebilde«, der »sogenannte Staat Israel«.

Wenn Israel daher als die Pistole des Westens an der Schläfe der arabischen Völkerharmonie denunziert wird, ohne daß auch nur eine einzige Silbe über die Notwendigkeit und die Umstände dieser Staatsgründung fällt, wird bereits ideell exekutiert, was der »ehrbare« Antizionist — sitze er nun in Teheran oder in Berlin —ansonsten schamlos dem unlauteren Antisemiten auszusprechen überläßt: Daß der Judenstaat, wie jede andere jüdische Tat, nur eine Verschwörung sein könne.


(vgl. dazu: kritischetheorie.files.wordpress.com/2009/11/polemos-02.pdf)


18:33 26.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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