Papst, Präser, Prävention — und Journalisten

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Einen ganz fatalen Hang zur Theorie hat das deutsche Feuilleton schon immer beim aktuellen Papst ausgemacht: Seine Reden, so liest man, seien opak, verwinkelt, weit eher akademische Vorlesungen als Ansprachen ans Christusvolk und so von ganz anderer Art als die mitreißenden Deklamationen des »Charismatikers« Karol Woityla.

Immerhin ist Joseph Alois Ratzinger der »Panzerkardinal« gewesen und als ordentlicher deutscher Professor für Theologie Autor höchst verstiegener Bücher über Glaubensfragen sowie jahrzehntelang der Chef der Nachfolgebehörde der Inquisition, der Glaubenskongregation, so wird vorwurfsvoll vermerkt.

Kurzum, über diesen Benedikt, den ersten aller römischen Katholiken, auch nur ein näherungsweise positives Wort zu schreiben ist zwischenzeitlich so verpönt gewesen, daß man seine Aussagen immer häufiger fälschte.

Zum ersten Mal schon, als er kaum 15 Monate im Amt war und allen Ernstes antrat, das geistige Zentrum des Katholizismus dort wieder aufzurichten, wo es nach einer verheerenden Abfolge von Schismen (denen nebst anderem die christliche Orthodoxie entsprang) seinen Ausgang genommen hatte: in der Philosophie der Antike.

Ohne es ausdrücklich dazuzusagen, kam dieser Papst in seiner »Regensburger Rede« auf eine epochale Niederlage des Christentums zu sprechen, an der zwei einander merkwürdig ähnliche Todfeinde ihren entscheidenden Anteil hatten: das byzantinische Kaiser- und Gottesreich auf Erden in den allerletzten Zügen seiner irdischen Herrlichkeit sowie das islamische Imperium auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Welteroberung. Die christliche Orthodoxie, die an ihrem hohlen Prunk, ihrer leeren Phrasenhaftigkeit, ihrer oberflächlichen Inszenierungslust erstickte und wegen ihrer unendlichen Verbotslisten an schrankenloser Willkür und innerer geistiger Leere ohnehin nur schwer zu überbieten war, stand einem Feind gegenüber, der zwar auf seiner Habenseite ausweisen konnte, den von den Byzantinern unterdrückten Bewohnern des oströmischen Imperiums ein etwas auskömmlicheres Leben zu verschaffen, sich aber am langen Ende trotzdem als ein bloß reformiertes Ostrom darstellte, das befreit von allen komplizierten bürokratischen Skrupeln den totalen Zugriff auf die Eroberten sogar noch unmittelbarer ins Werk setzte. Völlig gleich blieb dagegen die Ersetzung der Kultur durchs Ornament, der verbliebenen Staatsklugheit durch Willkür und schließlich auch die Definition des Glaubens als totale und bedingungslose Unterwerfung unter die unhinterfragbare Regel.

Der Papst maßte sich in Regensburg an, als katholischer Theologe vom Unterschied zwischen Westen und Osten zu sprechen und ein eigentlich seit Thomas von Aquin bestehendes Urteil zu bekräftigen: Daß der Westen, der längst nicht mehr nur geographisch bestimmbar ist, ein ideeller Ort ist, an dem die Option besteht, die Theologie über die schrankenlose Transzendenz des Göttlichen zu setzen, d.h. in säkularisierten Zeiten: der abstrakten Vernunft den Vorzug zu geben vor der konkreten Willkür.

Daß diese Botschaft damals gar nicht erst zur Sprache gekommen ist und in den wenigen Winkeln, in denen sie es doch tat, nicht verstanden wurde, sondern der Papst ausgerechnet in einem der luzidesten Momente dieses Amtes sowohl von notorischen europäischen Kulturalisten als auch den berufsmäßig Beleidigten dieser Erde als ein gnadenloser Hetzer und Spaltpilz denunziert wurde, der wie ein Hausschwamm im Gebälk der Völkerzärtlichkeit sich einnistete, mag vielleicht der verdrehte Grund dafür sein, daß man sich in diesen Tagen zum Ausgleich förmlich überschlägt vor lauter Gratulationen an den Sedes Petri.

Natürlich hat man sich das Maul längst zerrißen und d.h. eine feste Meinung sich gebildet, bevor der Wortlaut des Papstdiktums überhaupt zur Verfügung stand:

Zeitenwende im Vatikan! Revolution in Rom! Petri Umsturz nach zweitausend Jahren! Papst erlaubt Kondome! — so oder so ähnlich las es sich im Blätterwald quer durch aller Herren Länder; es war die reinste Sensation. Es wäre dies ein sehr geeigneter Anlaß gewesen, wieder eine Presseschau zu machen, diesmal aber eine, deren Ziel nicht die verschiedenen, sondern eben die gleichen Meldungen zu einer Sache gewesen wären.

So schreibt die aktuell auch hier beim Freitag verlinkte Deutsche Welle unter der Überschrift »Der Papst und die Kondome«, der Papst habe in dieser Sache völlig überraschend seine Meinung geändert, was zwar grundsätzlich zu begrüßen sei, allerdings alles andere als im Rahmen des Erwartbaren lag, hatte doch der Papst noch auf seiner letztjährigen Afrika-Reise erklärt, daß zwischen zwei Katholiken im Leben nicht ein Präser kommen dürfe. Bei der ZEIT, bei der WELT, bei BILD und bei der im Ächten traditionell so starken SZ liest man Ähnliches.

Liebe Journalisten,

gibt es denn in euren Reihen wirklich fast niemanden mehr, der sich den Mühen der Recherche unterzieht oder wenigstens, um einen Anfang zu machen, das eigene Druckwerk vom letzten Jahr nachliest, und sei's auch bei Kollegen? Ein simpler Blick etwa in die F.A.Z. hätte doch schon genügt, um euren jüngsten Volten etwas Wind aus den Segeln zu lassen, denn da stand, im Print am 19. März des Jahres 2009 und online einen Tag später, weshalb die jüngste Erklärung des Papstes alles andere als eine Sensation ist:

»Ich würde sagen, das Problem Aids kann man nicht bloß mit Werbeslogans überwinden. Wenn die Seele fehlt, wenn die Afrikaner sich nicht selbst helfen, kann diese Geisel [sic!] nicht mit der Verteilung von Kondomen beseitigt werden: Im Gegenteil, es besteht das Risiko, das Problem zu vergrößern. Die Lösung kann nur mit einem doppelten Engagement gefunden werden: Das erste ist eine Humanisierung der Sexualität, das heißt eine geistige und menschliche Erneuerung, die eine neue Art des Umgangs miteinander bringt. Und das zweite eine wahre Freundschaft auch und vor allem mit den Leidenden (...)«.

Kondome sind Hilfsmittel, aber keine Lösung. Ihre Verwendung würde in den betroffenen Ländern — beileibe nicht nur in Afrika, sondern auch in Lateinamerika und Teilen Asiens — nur im Zusammenhang mit einer echten Humanisierung der Sexualität akzeptiert werden, was unter anderem die Ächtung von Vergewaltigung sowie die Freiheit zur gegenseitigen Liebe zwischen Sexualpartnern zur Voraussetzung haben würde.

Dieser Papst wird von seiner Affirmation ausschließlich heterosexueller, monogamer Zweisamkeit nicht abzubringen sein — das trennt ihn vom Verfasser dieser Zeilen hier, der mit der Kirche nichts am Hut haben will, an keinen Herrgott glaubt und den es nicht die Bohne interessiert, was der Papst erlaubt oder untersagt, ganz fundamental.

Daß er aber die Kondom-Werbekampagnen abgehalfterter Popstars oder mackerhafter Louis-Vuitton-Kleiderständer verabscheut und auf der Präponderanz der Humanisierung der Sexualität besteht, daß also der alte römische Universalist in den so sehr engen Grenzen der katholischen Lehre so viel weiter denken kann als die meisten herabtemperierten und also banalen Kulturschaffenden oder Herausgeber im Westen — das ist es, was mich bloggenden Fußgänger ab und an doch wieder: katholisch macht.

18:03 23.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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