Vivat Christian Wulff?

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Na, das ging aber schnell: Die erste Laudatio auf das neue Staatsoberhaupt ist schon erschienen, noch bevor Seine Exzellenz in spe offiziell das Bundesblumenbukett, die Gratulation der Mitbewerber und, nicht zuletzt, die erforderlichen Stimmen in der Bundesversammlung angedient bekam. Verfaßt wurde sie von Hajo Schumacher und zu lesen ist sie, na klar, in der »Welt«, dem Zentralorgan der schwarz-gelben Koalition.

Hajo Schumacher? Jawohl, Hajo Schumacher! Ehedem, zu seligen Aust-Zeiten, eine Art Karla Kolumna des SPIEGEL, seit seinem Weggang von dort einer der freischaffenden Schlachtenbummler an der Meinungsfront, der vor einigen Jahren mit einer Studie über die innere Architektur des Systems Merkel (»Machtphysik«) zum Doktor der Philosophie promoviert wurde.

Sein jüngstes Elaborat in der Welt liest sich wie eine Bewerbung um die ebenfalls bald neu zu besetzende Stelle des Sprechers im Bundespräsidialamt. Um auf den ganz devoten Sound zu kommen, der bei den Konservativen immer nötig ist, um in höhere Positionen zu avancieren, versteigt sich Schumacher gleich zu Beginn zu folgendem Fazit, von dem aus er seine Position anschließend entfaltet. Wir lesen da:

Hajo Schumacher ist von Christian Wulff überzeugt: Er ist einer wie wir. Als Präsident könnte er das Volk mit der Politik versöhnen.

Wer hätte das gedacht: Christian Wulff ist »einer wie wir«! Das klingt schon fast wie die ewigen CSU-Plakate im Freistaat, die schon seit meiner Kindheit in immerselber Fadheit verkünden, der Kandidat sei »einer von uns«. Hat sich schon einmal jemand überlegt, was diese Leerformel überhaupt bedeuten soll? Einer von uns, eben »einer wie wir« — hat er denn auch Schuhgröße 45? Nimmt er seinen Kaffee auch mit Milch und Zucker? Verwendet er am Frühstückstisch auch separate Löffel für Konfitüre und Marmelade? Aber nicht doch! Schumacher weiter:

Er entstammt keinem edlen Gestüt, sondern Verhältnissen dicht am Prekariat. Wenn die jungen Herren von der Jungen Union auf Reisen gingen, bekam Wulff von Gönnern oft ein paar Mark zugesteckt. Seine Anzüge saßen selten gut, dafür glänzten sie vom vielen Aufbügeln.

So ein wenig klingt's nach einer Melange aus Sozialromantik à la Charles Dickens und unverhohlener Sehnsucht nach dem sympathischen Underdog von nebenan, der sich gegen alle Exklusionsbemühungen des eingemörtelten Establishments durchzubeißen (oder besser gesagt, da wir hier von einem Unionskandidaten reden, auf Filzpantoffeln nach oben zu schleichen) hatte, bis er endlich die Spitze erreichte. Daß er damals ein paar Mark zugesteckt bekam — wie schön! Er weiß also, daß man von den Brosamen, die manch hochmögende Spendierhose am Wegrand liegen läßt, schon ganz gut durchkommen kann, jedenfalls, wenn man sich nur genug zusammenreißt. In diesem Sinn ist er wirklich ganz »wir«, aber in anderem Sinn als dem von Schumacher georteten: Denn »wir« mögen uns ein Beispiel nehmen daran, daß es eben nicht viel braucht, um der Jemand zu werden, der man immer sein wollte.

In diesen Zusammenhang aus preußisch-protestantischer Selbstkasteiung und Verzichtsästhetik gehört auch das folgende, und nun lauschen Sie wohl, meine Damen und Herren:

Kaum ein Politiker weiß besser, dass Ausgrenzung nicht nur zwischen Kulturen, Religionen, Nationen geschieht, sondern auch - und zunehmend wieder - zwischen sozialen Schichten. Und dass Ausdauer ein Gegenmittel ist.

Nun ist es also ausgesprochen: Ausdauer. Durchhalten. Ertragen.

Also gerade nicht die Aufhebung jenes gewaltsam aufrechterhaltenen und autoritären Distanzverhältnisses zwischen Oben und Unten verlangen, das das Wesen des Volksstaats deutscher Bauart schon immer gewesen ist, sondern das Hinnehmen der Verhältnisse ist die Losung der Stunde. Und das grenzt schon deutlich ans Verwerfliche, denn wo das Sichkleinmachen und das Selbstopfer zur staatstragenden raison d'être erklärt wird, dort ist jener Möglichkeitsraum eröffnet, auf den sich bislang jede Art der Herrschaft verlassen mußte: Wo nämlich das Gewaltverhältnis schon als eigener innerer Horizont den Beherrschten vermittelt und von ihnen internalisiert wird, dort sind Initiative und Teilhabe nur noch im Modus des Vollstreckungsbeamten einer höheren Macht denkbar, die nicht einmal mehr aus der Kaserne schreiten muß, sondern die Unterworfenen selbst besorgen läßt, was man ihnen vorher noch mühsam aufzwingen mußte.

Christian Wulff: der Präsident der subalternen Charaktermasken des Souveräns.

Ganz sicher ist seine Installation noch nicht. Aber sehr wahrscheinlich. Nicht unbedingt schon im ersten Wahlgang, denn da mag es manchen Querschläger innerhalb der Regierungsparteien geben, der sich nicht von den Merkel'schen Herrschaftsgesten zur Wahl kommandieren lassen möchte.

Aber am Ende des Tages wird Christian Wulff Präsident der Bundesrepublik Deutschland sein. Er wird, nach allem was man bisher sagen kann, ein ganz unproblematischer Präsident werden. Und wenn es doch ganz schlimm kommt, dann ist er tatsächlich der, dem Hajo Schumacher schon Lorbeerkränze wand: Ein Präsident ganz wie Deutschland, nicht besser, aber auch nicht schlechter.

09:56 30.06.2010
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Geschrieben von

j-ap

I hear the fountains of ignorance purl bountiful in Blisstopia these days ...
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