Der Schlaf als Ware

Selbstoptimierung Sie wiegen und tanzen und singen dich ein: Das Geschäft mit dem Schlaf boomt. Was aber sagt das über unsere Gesellschaft eigentich aus?
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Der Schlaf als Ware
Aufstehen

Foto: 6072518 / Pixabay (CC 0)

Wer nicht schläft, ist müde. Eigentlich. Das Wochenthema der Print-Ausgabe 32/2018 regt zur Relektüre eines äußerst lesenswerten Artikels an, der 2009 im Merkur erschien. Denn nicht nur das Geschäft mit dem Schlaf ist lukrativ, auch das Wachsein ist vermarktbar. Der Konsum von sogenannten Neuroenhancern ist in den letzten Jahren laut einer Studie des Wissenschaftsmagazins Nature drastisch gestiegen. Neuroenhancement, so nennt man den Konsum psychoaktiver Substanzen ohne Indikation allein zur Verbesserung der eigenen Leistungsfähigkeit, kurz: Doping fürs Gehirn.

Ewa Hess, Schweizer Kulturwissenschaftlerin, und Hendric Jokeit, Dozent für Neuropsychologie an der Universität Zürich, führen diese Entwicklung in ihrem Artikel Neurokapitalismus auf unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zurück, wie es Ellie Violet Bramley in ihrem Artikel ansatzweise auch tut. Die Geschichte des Kapitalismus lesen Hess und Jokeit als eine Geschichte systemgenerierter psychischer Erkrankungen sowie deren Bekämpfung innerhalb der Systemgrenzen. Zu einer bestimmten Zeit inflationär auftretende Symptome sind, so die Autoren, eine Art Vexierbild des herrschenden Anspruchs. Ist die Neurose Resultat der Biopolitik, also Symptom einer Disziplinierung durch den repressiven Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts, ist es heute das Scheitern am Selbst, beziehungsweise an dem aggressiven Imperativ der unbedingten und bestmöglichen Selbstverwirklichung innerhalb des libertären Wohlstandskapitalismus.

Ähnlich scheint es mit der von Bramley beschriebenen Orthosomnie, der Angst falsch und nicht genügen zu schlafen, zu sein. 2013 schrieb der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem weitsichtigem Gespräch über flüchtige Überwachung, dass „die die Beschäftigten in der schönen neuen flüchtigmodernen Welt ihr jeweils persönliches Panoptikum selbst hervorbringen und auf dem eigenen Buckel mitschleppen“ müssen. Die kollektive Schlaflosigkeit bei gleichzeitiger maximaler Besorgnis über die beste Schlafhygiene, den geeignetsten Härtegrad der Matratze, den smoothesten Sound zum Einschlafen, ist somit auch Symptom eines zunehmenden Verlusts von persönlichen Rückzugsgebieten, beziehungsweise der Reglementierung des guten Schlafs und somit des guten Lebens. Zeitgleich greift hierbei ein Mechanismus, der strukturelle Problematiken ins Private konvertiert. Anstatt zu fragen: „Was lässt uns wachen?“, decken wir uns lieber mit einer wahlweise sieben, neun oder elf Kilo schweren Decke namens Gravity zu.

Wenn Schlaf zur Ware wird und man sich guten Schlaf leisten kann, ist die Abwesenheit von Schlaf ein Mangel an den richtigen "Gadgets" und kein Problem, mit dem man sich intensiv und in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext beschäftigen muss. Ähnlich ist es mit den sogenannten Neuroenhancern, die heute nicht mehr nur Therapeutika sind, sondern jedem, der es sich leisten kann, zur permanenten Verfügbarkeit verhelfen. Psychopharmaka erfüllen, wie bisher keine andere Behandlungsform, die Erwartung einer schnellen und unkomplizierten Wiederherstellung der Produktivkräfte und verorten die Ursache von Problemen ausschließlich im Individuum. Da zusätzlich das Verständnis von mentaler wie auch körperlicher Gesundheit immer enger und limitierter ist, gelten schon kleinste Abweichungen von der "Norm" als pathologisch und therapiebedürftig. Ärzt*innen und Therapeut*innen bedienen mehr oder weniger bewusst ein System des Alltagsdopings. Die Frage stellt sich aber, wer an solchen optimierten Gesellschaften überhaupt noch partizipieren kann.

Info

Verwendete Quellen:

Bauman, Zygmunt; Lyon, David: Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung. Berlin: Suhrkamp 2013.

Hess, Ewa; Jokeit, Hendric: Neurokapitalismus. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 721 (2009), S.541-545.

21:23 23.08.2018
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Geschrieben von

J.H.

Johanna Hähner, Jahrgang 1989, Studium der Literaturwissenschaft in Berlin
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