Da fehlt doch was

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Irgendwas fehlt doch im heute vorgelegten Programmentwurf der Linken. Was sehe ich da, wenn ich mir Punkt IV vornehme? "Die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit." Hmmm. Da waren wir aber auch schonmal weiter. Wie soll man diesen Satz verstehen, wenn man zwischen zweimonatigen Jobs, Honorartätigkeiten, dem Jobcenter und Praktika hin und herspringt? Was denkt man wohl, wenn man zwar in Lohn und Brot steht, vom Leben aber kaum noch etwas mitbekommt, da man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in irgendeinem Büro hockt? Was denkt man wohl, wenn auf Staatskosten nutzlose Arbeit verrichtet, nur damit man sich auch wie alle anderen morgens um 6 aus dem Bett quälen muss? Was denkt man wohl, wenn man den ganzen Schrott kapitalistischer Überproduktion sieht, das Normalarbeitsverhältnis nur noch von Opas Erzählungen kennt? "Die Grundlage der Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit (!) die Erwerbsarbeit." Sicherlich nicht.

Die Programmatischen Eckpunkte, auf die man sich in der Fusionszeit geeinigt hat, waren da schonmal weiter. Da sollte immerhin noch darüber diskutiert werden, wie es denn mit der Arbeitsgesellschaft aussieht und wie man mit dem grundlegenden Wandel umgeht. Das bedingungslose Grundeinkommen wurde als eine Option genannt. Schade, das ist jetzt erstmal raus. Wenn das das Ende einer Debatte in der Linken um eines der wichtigsten Themen der Gesellschaft ist, dann wird die Partei schnell den Anschluss an eine schon ziemlich aktive Bewegung verlieren, die diese Themen längst entdeckt hat.

Ich werde jetzt weiter den von Medien herbeigeschriebenen "Linksruck" in dem Entwurf suchen. Mit ein bisschen Kapitalismuskritik kann es das ja wohl nicht gewesen sein.

20:37 20.03.2010
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Geschrieben von

J W

Historiker
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