Digitalisierung und Verantwortung

(Un-)überlegtes Handeln Von der Schwierigkeit, aus der Geschichte zu lernen.
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Digitalisierung - Einen so extremen Einschnitt in unsere Verhaltensweisen und Normen ohne Berücksichtigung von Auswirkungen finde ich unverantwortlich. Im Großen und Ganzen kann man allerdings sagen, dass es mit neuen Errungenschaften wahrscheinlich schon immer so gehandhabt wurde bzw. "so passiert" ist.

Um einen Vergleich mit anderen Errungenschaften des menschlichen Erfindungsreichtums zu machen: In den Anfängen der Autoindustrie hat keiner darüber nachgedacht, ob Abgase eines Tages zum Treibhauseffekt führen. Es wurde davon ausgegangen, dass es genügend Luft zum Atmen gibt, und dass Abgase und sonstige Emissionen das Klima bzw. einen weltweiten Temperaturanstieg verursachen könnten, daran hat vermutlich niemand im Entferntesten gedacht.

Spätestens allerdings in den 80ern wurde ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt, dass die uns umgebende Atmosphäre nur ca. 20 Kilometer breit ist, und dass es eines Tages Grund zur Besorgnis geben könnte. Es wurde erkannt, dass es so etwas wie einen Treibhauseffekt gibt. (Vor über dreißig Jahren...) Doch viele fanden wahrscheinlich, und glaubten damit eher ihren Sinnen, als ihrem Wissen: Wenn man in den Himmel guckt, kann man ins Unendliche blicken. Und wir sind auch so schlau zu wissen, dass, wenn uns Wolken die Sicht versperren, das Blaue vom Himmel darüber weiterhin existiert!

Bei der Einführung von Antibiotika war recht schnell bekannt, dass Bakterien Resistenzen entwickeln können. Ein Grund aus dem einige schon vor knapp 40 Jahren die Behandlung mit Antibiotika ablehnten. In den meisten Köpfen waren dies allerdings ungelegte Eier und wer sich darüber sorgte wurde komisch angeguckt. Ja, es gibt jetzt ein Problem mit multiresistente Keimen. Nun ja. Ich bin noch rel. jung und von guter körperlicher Gesundheit, somit wird mich da wohl so schnell kein Problem treffen, denn das Problem haben glücklicherweise meistens die Anderen.

Wir haben schon in den 80ern Recyclingpapier benutzen können (und benutzt) und „Jute statt Plastik“ - Taschen getragen, mit dem Unterschied: Solche Leute galten damals als Spinner. Und jetzt sind die Probleme dazu nicht mehr aus den Medien wegzudenken. Autos, Plastik und Antibiotika gab es damals allerdings schon seit mehreren Jahrzenten!

Und jetzt wollen wir tatsächlich, nach etwa zwei Jahrzehnten ihrer Existenz „die Digitalisierung vorantreiben", damit wir hier nicht so unangenehm als Schlusslicht im Vergleich zu anderen Industrienationen darstehen, ohne dies auch nur ein bisschen kritisch zu beleuchten? Kaum einer traut sich hier etwas dagegen zu sagen, möchte er doch nicht als weltfremd gelten oder sich sofort einen lautstark von sich gegebenen Kommentar anhören: "Na! Das ist eh nicht mehr aufzuhalten!! Da kommst du eh nicht drum rum!"

Digitalisierung, dieses weitläufige Phänomen, das in so viele Lebensbereiche vom Baby, der Adolesenz, bis zum hohen Alter, in der Öffentlichkeit, sowie in der Privatsphäre, im Kindergarten, in jeglicher Art von Bildungseinrichtungen, in der Gehirnentwicklung vermutlich, also in der Entwicklung unserer Motorik und Denkweise, im sozialen Miteinander, in der Freizeit, im kulturellen Leben, wie auch im Berufsalltag, in der Politik und politischen Bildung, in allen Gesellschaftsschichten hereinreicht, einfach so, ohne dies „nachhaltig“ in einer ehrlichen Auseinandersetzung damit kritisch und umfänglich zu beleuchten „vorantreiben“ und unüberlegt etablieren?

Dabei hätten wir alle Fähigkeiten dazu, hier Prognosen und eventuell passende Vorsorgemaßnahmen zu treffen, haben wir doch auch die Fähigkeit, all dies entwickelt zu haben. Wie gesagt, auch die Gefahr des Klimawandels und der Resistenzen gegen Antibiotika sind schon seit langem bekannt. Im Prinzip ist es unverantwortlich, diese Digitalisierung „voranzutreiben“ ohne sie wissenschaftlich zu betrachten und begleiten, ohne umfassend darüber nachgedacht und sich tiefgreifend mit eventuellen Folgen für die Entwicklung von Menschen besonders in jungen Jahren, mit psychologischen Aspekten, mit Aspekten dessen, wenn kaum noch selbst gedacht werden muss, wenn Handlungen, die auch vom Menschen ausgeführt werden könnten, von der KI übernommen werden, da die Berechnungen genauer sind. Mit anderen Worten: Wenn der Mensch sich in noch mehr Bereichen, als zu Zeiten der industriellen Revolution, überflüssig macht. Wenn nur noch Spezialisten dazu in der Lage sind, mitzudenken und die Abläufe zu überwachen, weil sie das Wissen über die (meisten!) im Hintergrund laufenden Prozesse haben? Und was sollen wir tun, wenn das Auto selbst fährt? Uns die ganze Zeit langweilen? Die schöne Landschaft angucken? Gesellschaftskritische Leserbriefe verfassen? Vielleicht wäre das gar nicht schlecht, die Menschheit hätte mehr Zeit gewonnen, sich in politischen Diskussionen zu beteiligen!

Aber was würde passieren, wenn die Politik sich ändert und ein Falscher an die Macht kommt, der Überachungsmöglichkeiten weiter ausbaut und ausnutzt? Alles, damit wir in Deutschland nicht hinterherhinken, weil wir in Sachen Digitalisierung nicht die obersten Plätze der Weltrangliste anführen? Die Schweden gehen da scheinbar unkritischer mit um, hatten sie in ihrer Geschichte auch noch keine Erfahrung mit einer Diktatur und möglicherweise mehr Vertrauen darein, dass die Führungsetagen ihre Entscheidungen zu Gunsten der Mitbürger trifft...

Also, alle anderen sind toller und weiter als wir. Anstatt sich klein zu machen könnte Deutschland in der Rolle des Kritikers doch mit gutem Beispiel vorangehen und als positive Eigenschaft die Folgen bedenken. Es muss nicht von „Hinterherhinken“ gesprochen werden, sondern könnte als „verantwortungsvoller Umgang mit kritischer Betrachtung“ eine Rangliste anführen.

Gut, ich muss zugeben, in Sachen Umweltverschmutzung und Antibiotikaresistenzen haben wir das Ende der Fahnenstange vielleicht noch gar nicht erreicht. Vielleicht geht es nicht alles so negativ aus, wie ich es mir ausmale. Wir wissen noch nicht, ob es doch irgendwie weiterlaufen wird. Es scheint so zu sein, als wenn immer noch alle Türen offen stehen und menschliches Leben auf diesem Planeten wie bisher möglich sein wird. Zwar warnen Wissenschaftler, es sei 5 vor 12. Nein! Das war ja in den 80ern des letzten Jahrhunderts. Inzwischen sei es schon fast Zwölf und es müsse unbedingt am besten sofort etwas geschehen. Allerdings ist die Meldung, als sie mal durch die Presse ging, schon wieder ein paar Wochen alt. Wir leben immer noch. Im Sommer gab mal eine Warnung „Eisschmelze verläuft schneller als erwartet!“, aber jetzt geht´s ja hier bei uns auf der Nordhalbkugel, wieder erst einmal in Richtung Winter. Und eigentlich würde ich jetzt im Herbst lieber von Waldbrandmeldungen verschont bleiben... Bei uns in Schleswig-Holstein habe ich so etwas sowieso noch nicht erlebt - also unrealistisch.

Wozu sollen wir uns also über negative Folgen von Digitalisierung Gedanken machen? Die Umwelt wird dadurch nicht verschmutzt - sicher trägt die KI durch genauere und nicht so von menschlichen Gefühlen beeinflusste Entscheidungsfindung zur Ressourcenschonung bei - "so what?"

Zu eoinem entspannten Umgang damit, und damit er entspannt bleibt, gehört für mich auch, sich mit eventuell daraus ergebenden Problemen zu befassen und dem rechtzeitig entgegenzukommen, damit der Mensch von diesen tollen Entwocklungen auch einen Mehrwert hat und nicht ein weiteres Problem auf diesem Planeten, dem man dann vielleicht allerhöchstens durch Flucht in abgelegene Regionen oder vielleicht auf einen anderen Planeten entkommen kann.

23:58 27.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ellen

Life is very short and there's no time for fussing and fighting my friend...
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