Das eigene Gedächtnis trainieren

Merkfähigkeit Mit Gedächtnistraining lassen sich viele Dinge leichter merken. Aber will ich das überhaupt?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine Mail kam kürzlich ins elektronische Postfach: Der Buchhändler meines Vertrauens lud ein, weil bei ihm ein Gedächtnistrainer zu Gast sei. Damit es keiner vergisst, erinnerte er kurz vorher noch einmal daran. Gut, ab und an vergesse ich schon mal etwas. Also ist ein Trainer, der mir verrät, wie ich das Gedächtnis trainieren kann, nicht ganz unsympathisch. Das ganze kostete nix, also fuhr ich hin und kam sogar rechtzeitig an.

Eigentlich muss ich mir ja nicht mehr so viel merken: In der Schule bin ich schon lange nicht mehr, und auch mein Studium habe ich erfolgreich absolviert. Das sind ja im Leben eines Menschen die großen Bereiche, in denen es etwas zu lernen gibt – und in denen das Gelernte hinterher auch einigermaßen präsent sein muss, damit es abgefragt werden kann. Dank Computer und Internet habe ich einen schnellen Zugriff auf viele Daten, Namen und Fakten, die ich mir somit auch nicht mehr merken muss. Allerdings ist es mit dem Gehirn wie mit jedem anderen Muskel auch: Wird er nicht mehr – oder nur sehr wenig – benutzt, dann wird er eben faul und träge, ganz wie andere Muskeln auch. So weit, so klar, so interessant.

Der Gedächtnistrainer stellte sich zunächst vor – und erklärte, wie er zu dieser Beschäftigung kam: Er kaufte einst ein Buch eines anderen Gedächtnistrainers und las es, als er nicht schlafen konnte, hoffend, es sei so langweilig, dass er müde würde. Doch er fand es spannend – und ließ sich von einem Satz im Buch beeindrucken: “Wenn Sie es nicht ausprobieren, wissen Sie nicht, ob es bei Ihnen funktioniert – oder nicht.” So weit, so klar, so interessant.

Genügend Schlaf, Sauerstoff und Flüssigkeit brauche das Gehirn außerdem, erklärte der Gedächtnistrainer, damit es optimal arbeiten könne. Immer noch klar und einsichtig.

Danach zeigte der Gedächtnistrainer, wie sich Zahlen einfach durch 5 teilen lassen: Man verdoppelt sie einfach und teilt durch 10. Auch das Teilen von Zahlen durch 9 und das Multiplizieren mit der 11 erklärte er mit jeweils einem anderen Trick. Hmm. Ganz nett, ja. Aber wann brauche ich das? Eher sehr selten.

Ebenso erklärte der Gedächtnistrainer, wie man sich mit Hilfe von Bildern schnell ganz viele Vokabeln merken könne: Der Adler frisst einen Igel: heißt also: Adler = Eagle. Damit hätte sich ein Schüler zwar nicht die korrekte Schreibweise der Vokabel gemerkt, aber ich will nicht zu pingelig sein.

Nur: Ich habe prinzipiell einmal gelernt, was eine Division ist, und wie ich Zahlen dividieren kann, egal welche Zahlen das sind. Das würde ich mit diesen Tricks wahrscheinlich nicht lernen. Auch bei Vokabeln stelle ich mir das Lernen an sich mit einem solchen Trick noch ganz einfach vor. Will ich diese aber in einem Gespräch oder in einem Text verwenden, dann sind diese assoziativen Bilder eher hinderlich. Hier gilt es, diese nicht nur auswendig zu lernen, sondern situativ anzuwenden. Auch wenn die Gedächtnisweltmeister auf diese Weise trainieren, ich möchte das lieber nicht. Ich will schließlich kein Gedächtnisweltmeister werden. Was habe ich davon, wenn ich Zahlenreihen oder das Telefonbuch auswendig kann? Mit einem solchen Training übe ich nur diese eine Fähigkeit: Mir irgendwelche Zahlen, Vokabeln, Listen, was auch immer, zu merken.

Aber eigentlich will ich ja etwas anderes erreichen: Ich möchte Dinge nicht nur einfach speichern, sondern abstrahieren und somit kreativ den informatorischen Input verarbeiten. Von dem gibt es ohnehin viel zu viel. Ich möchte keine Listen lernen, sondern Dinge machen, in genau der Vielfalt, die mich interessiert. Und zwar ohne das Ziel: “Ich muss jetzt mein Gedächtnis verbessern”.

Da gehe ich lieber aufmerksam durch meinen Tag, schule meine Wahrnehmung der kleinen Dinge und bin achtsam. Wie gut es ist, neue Wege zu gehen, sehe ich selbst, seit ich vor anderthalb Jahren nach Franken zog. Ich komme mir immer noch vor, wie im Urlaub, weil ich jeden Tag Neues entdecke. Auch meine Reisen sind dafür hervorragend: Hier habe ich Abstand von den gewöhnlichen Dingen des Alltags. Ich interessiere mich immer für Neues, wenn nicht, kommt es mir vor, als würde meine persönliche Zeit zerstört. Ich aber möchte meine Zeit füllen, im Sinne von “Carpe diem”, wie einst Horaz sagte, “Nutze den Tag”. Jeder Tag ist ein Geschenk. Da will ich keine Listen lernen, die ich im Leben nicht weiter brauche.

Ach übrigens. Der Gedächtnistrainer hatte selbstverständlich seine Bücher dabei – und bewarb sein Seminar fürs Gedächtnistraining. Das ist dann nicht mehr kostenlos.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Fragen Sie Frau Jaellekatz.

11:53 23.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

jaelle katz

Journalistin, Bloggerin und Lebensgenießerin. Ich bin auf www.schreibreise.com unterwegs, lebe in Oberfranken, liebe Katzen und gehe gerne wandern.
Schreiber 0 Leser 0
jaelle katz

Kommentare 1