Ehrliche Nacktschnecke

Ehrlich, Nackt, Langsam Wie Bin Ich und Wie Möchte Ich Eigentlich sein?
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Sie ist sehr ehrlich. Mit anderen und mit sich selbst. Das ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch besitzen kann. Gleichzeitig eine der gefährlichsten.

Auf der einen Seite gibt man sich Preis. Man versteckt sich nicht wie eine Schnecke im Häuschen oder wie eine Schildkröte im Panzer. Man zieht sich nicht zurück wie das Wasser bei einer Ebbe. Man benimmt sich praktisch immer wie eine Schnecke ohne Haus, also wie eine Nacktschnecke. Eine Analogie zur Schildkröte fällt ihr nicht ein und das endlose Meer lässt sie lieber außen vor. Eine Nacktschnecke ist sie also. Das ist kein besonders hübsches Wesen, sogar eines von dem sich viele abgestoßen fühlen. Das macht es also gefährlich, ehrlich zu sein. Ehrlichkeit gefällt nicht allen. Aber will sie überhaupt allen gefallen? Oder will sie genau denen gefallen, bei denen es sich lohnt? Die es wert sind? Wie sie sich gegen diesen Ausdruck wehrt, wer oder was ist schon etwas wert? Sie findet, man kann einem anderen Menschen wohl kaum eine Wertigkeit zuweisen.

Sie denkt also weiter über die Nacktschnecke nach. Sie ist nackt und langsam. Mit Nacktheit hat die Ehrliche kein Problem. Auch nicht mit der Offenbarung, die damit einhergeht. Sie selbst weiß ja genau, was sie denkt und fühlt. Was kümmert es sie also, ob die andern es auch sehen? Die Dinge sind ja wie sie sind. So wird es einer Nacktschnecke sicher auch gehen, vermutet die Ehrliche. Die Langsamkeit macht ihr da mehr zu schaffen, denn sie setzt Geduld voraus und das ist nun wirklich keine Eigenschaft mit der sie glänzen kann. Wenn Dinge langsam geschehen, muss man meist lang abwarten, um zu erkennen in welche Richtung es geht. Das sieht sie als ein großes Risiko. Für sich selbst jedenfalls. Sie ist da mehr so der Hau-Ruck-Typ. Die Hau-Ruck-Typin.

Auf der anderen Seite ist Ehrlichkeit für sie etwas komplett Essentielles, Wichtiges und Wunderbares. Wenn man bei den richtigen Menschen zur richtigen Zeit ehrlich ist, kann man etwas bewegen. Auch sich selbst. Das gefällt ihr gut und dieses Risiko geht sie gern ein. Stillstand mag sie nicht. Das findet sie langweilig, wenig inspirierend, eintönig. Sie hat aufgehört sich für ihr Wesen und Ansichten, ihre Eigenschaften und Gefühle zu schämen. Obwohl sie weiß, dass sie damit manchmal aus dem Rahmen fällt. Sogar im engsten Kreis ihrer Lieben. Man könnte fast sagen sie ist eins mit sich selbst, aber das klingt immer so abgehoben, findet sie. Lieber sieht sie sich als die kleine, aber feine Nacktschnecke, die ihr Haus hinter sich gelassen hat, damit sie es leichter hat im Leben.

Schlussendlich hat so eine Nacktschnecke für sie also kaum etwas Abstoßendes. Die Ehrliche könnte sich verbittert und frustriert fragen, wofür das Ganze? Wofür die ganze Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit? Aber sie ist eine unverbesserliche Optimistin und bleibt sich treu. Sie denkt sich, was für ein ehrliches Wesen so eine Nacktschnecke ist, die so nackt, langsam und ehrlich durch die Welt kriecht.

20:21 05.11.2015
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