Raus mit dir!

Fast verpasst. Tja, ich wollte halt daheim bleiben.
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Es heißt ja, wenn man es nicht erwartet, passiert es. Wenn man eigentlich zu Hause sein wollte. Und zwar im Jogginganzug mit einem Bierchen in der Hand. Oder einem Gläschen Rotwein. Hauptsache den Diminutiv verwenden, weil man trinkt ja allein und will das ausnahmsweise sogar mal. Nunja und dann geht man doch los. Aber mehr als Leggings und Pulli wird’s nicht. Keine Lust auf das ganze Aufgebretzel. Weil Lust jemand kennen zu lernen hast du ja eh nicht. Die Haare waren auch schon einmal schicker und dein Teint ist vom Tag am Schreibtisch auch nicht so ganz fresh.
„Was soll’s, für ein Bier in einer WG reicht‘s“, denk ich mir also und ab geht’s. Ich weiß, auf ‚ein Bier‘ sollte ich mich nie verabreden, das klappt einfach nicht. Nach drei Bier geht es also in die nächste WG. Immer noch in Leggings und einer mehr als fragwürdigen Frisur, die durch das Fahrradfahren noch ein bisschen wilder wurde. Zum Glück scheint das keinen zu stören, also stört es auch mich nicht. Aufgrund meiner veganen Ernährung falle ich dann doch kurz auf. „Nee, sorry, da ist Ei drin. Hast du vielleicht ein Bier für mich?“. Klar hat er das und so unterhalte ich mich immer und immer weiter mit dem Kerl neben mir und merke gar nicht, wie nett er eigentlich ist. Ich gebe mir auch nicht besonders viel Mühe ihm zu gefallen. Weil ich ja eigentlich zu Hause bleiben wollte.
„Jetzt nach Hause gehen, das lohnt nicht“, heißt es und ich treffe in der nächsten Bar zufällig meine Mitbewohnerin und freu mich. Das liegt sicher am Bier, aber noch mehr am Umstand mit neuen Freunden in einer neuen Stadt Spaß zu haben. Und das ganz ungezwungen, weil eigentlich wollte ich ja eh zu Hause bleiben. Das Bier und die Freude wecken mich auf und ich ziehe abermals der Gruppe hinterher. Ich merke überhaupt nicht, dass sich die Gruppenmitglieder ständig ändern, ich bin einfach nur dabei und mach mir keinen Kopf.
Also ab in den Club. Oder besser: Also ab in den Keller. Mir fällt auf einmal auf, dass sich zwar die Zusammensetzung der Gruppe grundlegend geändert hat, dass dieser eine Kerl aber immer noch da ist. Und zwar an meinem Rockzipfel. Hab ich da was verpasst? Vor dem Spiegel im Club bewundere ich meine löchrigen Leggings, meinen in Mitleidenschaft gezogenen Pullover, mein ungeschminktes Gesicht, meine glänzenden Harre und grinse. Tja, ich wollte halt daheim bleiben. Ich gehe popowackelnd zurück auf die Tanzfläche.
Als es auch irgendwann mir reicht, gehe ich, schließ mein Radl auf will gerade los. Da kommt dieser eine Kerl hinterher, fragt mich tatsächlich nach einem Wiedersehen und gibt mir einen Kuss.

Gut, dass ich nicht daheim geblieben bin.

22:59 28.01.2016
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