Zukunftskopf

Erwachsenwerden. Jeder kennt ihn, keiner mag ihn. Sonntagsmorgens schleicht er sich an, klammert sich fest, um dir bis in die Abendstunden das Leben schwer zu machen.
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Ich mag ihn nicht, den Zukunftskopf. Der ist so wahnsinnig schwer, drückt auf die Schultern, verspannt den Rücken, legt sich auf den Magen, ärgert das Herz. Er fühlt sich am besten, wenn er tief in meinem Kissen steckt. Ganz tief drin, vielleicht sogar ein bisschen vergraben. Na gut, komplett vergraben. Aber das führt ja eigentlich zu nichts und das weiß ich ganz genau. Er wird dann nur noch schwerer, weil immer mehr Gedanken dazu kommen. Ich stelle mir vor, dass sich das Sport treiben mit Extragewichten genauso anfühlen muss. Wie unangenehm. Aber es geht ja dabei zumindest ums Trainieren. Ist der Zukunftskopf also ein Trainingsgerät? Eines, das den Rücken streckt? Den Magen stärkt? Das Herz animiert? Und wenn ja, wieso fühlt es sich dann ganz und gar nicht kräftigend an, sondern raubt nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele den letzten Nerv? Vermutlich weil trainieren nun einmal schweißtreibend, kräftezehrend und anstrengend ist. Es nutzt also nichts, da muss ich durch. Ideen entwickeln, um sie wieder verwerfen zu können. Nur weil sie doch zu albern oder unrealistisch sind. Wie soll ich nach den Sternen greifen, wenn es bewölkt ist?
Ich mag ihn nicht, den Zukunftskopf. Entweder ist er ein Spielplatz für Gedanken, die Purzelbäume schlagen bis zur völligen Erschöpfung oder er zeichnet sich trotz seiner kraftraubenden Schwerfälligkeit durch eine bemerkenswerte Leere aus. Mal wieder ein Sonntagnachmittag mit ihm verbracht. Jetzt nehme ich ihn mit ins Bett und bin mir sicher er wird mir weiterhin auf die Schultern drücken und dabei den Rücken verspannen.
Ich mag ihn wirklich nicht, den Zukunftskopf.

21:51 03.11.2015
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