Macht endlich das Maul auf!

US-Wahl Donald Trump und der Populismus triumphieren. Das ist gefährlicher, als viele wahrhaben wollen. Aber wir können etwas dagegen tun. Etwas, das schon lange überfällig ist.
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Ich habe tatsächlich Tränen in den Augen. Ich bin wütend, auf Donald Trump, seine Wähler und auf all die populistischen Bekloppten, die gerade weltweit die Sektkorken knallen lassen. Und ich habe tatsächlich Angst, vor dem was da kommt. Das wissen natürlich nur wenige in meinem Bekanntenkreis. Offiziell habe ich ein hämisches Bild gephotoshopt und mache Witze darüber, dass Prinz Marcus von Anhalt sich ja um das Amt des Bundespräsidenten bewerben könnte. Aber ich habe Angst, wie ich sie lang nicht mehr gespürt habe. Ihr habt auch Angst? Gut. Das solltet ihr. Denn die nächsten Jahre werden nicht nur gefährlich, sondern auch richtig unbequem für uns.

Nicht etwa, weil ein größenwahnsinniger Egomane demnächst Atomwaffen in sein Betriebsvermögen aufnehmen kann. Ein Kerl, der in einem Militär-Briefing tatsächlich gefragt hat, warum man die Nukes denn nicht einsetze, wenn man sie schon hat. Klar, das ist auch keine so tolle Aussicht. Aber das Problem ist vielschichtiger. Mich hat heute jemand gefragt, warum ich mir die Präsidentschaftswahl denn so zu Herzen nehmen würde. Darauf fiel mir nur eine Allgemeinfloskel ein: Ignorance is bliss. Schon seit vielen Jahren durchforste ich Bücher, Zeitungen und Studiengänge, immer auf der Suche nach Weisheit und Hintergrundwissen. Ich will verstehen, wie die Welt funktioniert und habe mittlerweile zumindest eine grobe Vorstellung davon, was westliche Politik in den letzten 100 Jahren so angerichtet hat.

Ich verstehe, wie Entscheidungen aus der Kolonialzeit nach wie vor Bürgerkriege in Zentralafrika befeuern und warum Afghanistan von einer Hippie-Pilgerstätte zu einer kriegszerfressenen Ruine zerbombt wurde. Ich habe eine vage Ahnung davon, wie Terrorismus entsteht und warum er auf dem Scherbenhaufen, den die Bush-Administration im Nahen Osten hinterlassen hat, besonders gut gedeihen konnte. Die komplexen Zusammenhänge von Entwicklungsländern, NGOs und staatlichen Finanzierungshilfen werden mir langsam klar und ich erkenne, dass „Am besten sich selbst überlassen!“ nicht immer die richtige Option ist. Die Probleme dieser Welt sind verflucht kompliziert und es gibt für jedes davon einen zeitlich vorgelagerten Ursprung und Katalysator in der Weltgeschichte zu finden.

Ein Donald Trump schert sich aber nicht um diese Komplexität. Er tönt, wie ihm der Kragen gerade gewachsen ist. Ohne darüber nachzudenken was seine Aussagen für Folgen haben könnten. Diejenigen Probleme, die ihn interessieren und die er gegenüber seiner Wählerschaft für relevant hält, werden angegangen: Mexikanische Einwanderer machen euch Angst? Wir bauen eine Mauer. Abtreibungen sind gottlos? Wir bestrafen die Frauen, die es versuchen. Das ist alles schon wahnwitzig genug, schlimmer noch ist allerdings sein Umgang mit den Problemen, die er für unwichtig erachtet. Diese Themen lässt er schlicht fallen und von der Agenda nehmen. Wenn Trump mit seinem „America First“-Credo Ernst macht und die Involvierung der Vereinigten Staaten in anderen Ländern dieser Welt beendet, dann bedeutet das nicht nur den Abzug der Streitkräfte aus Konfliktregionen. Es bedeutet auch den Stopp des Wiederaufbaus von Schulen im Irak, die George W. Bush noch vor wenigen Jahren wegbombardieren ließ. Humanitäre Hilfe – die USA sind nach wie vor das größte Geberland der Welt – gibt es fortan nur noch für Länder, die „uns mögen“ und die wichtig genug sind, um die Ausgaben vor der amerikanischen Bevölkerung rechtfertigen zu können. Die Trump’sche Vorstellung von Außenpolitik könnte katastrophale Folgen für Notleidende auf dem ganzen Planeten haben, auch wenn dieser Gedanke den überzeugten Amerikahassern in Europa nicht gefallen dürfte.

Zuhause in North Carolina kann man mit dieser Fokussierung auf die Interessen einer weißen, von der Globalisierung verängstigten Bevölkerung natürlich einiges anfangen. „America First“ ist eine ziemlich einfache Formel, die jedem irgendwie einleuchten dürfte. Da die Menschen in den USA die Welt nicht mehr verstehen, wenden sie sich eben an denjenigen, der ihnen die Welt möglichst einfach erklären kann. Das ist in diesem Fall Donald Trump, das könnte anderswo aber auch ein Lutz Bachmann oder eine Frauke Petry sein. Und hier liegt das eigentliche Problem.

Denn die intellektuelle Elite gibt sich zwar große Mühe, ansatzweise zu verstehen was eigentlich gerade in der globalisierten politischen Landschaft des Planeten passiert. Jedoch ist sie ist damit derart beschäftigt, dass für die politischen Hilfeschreie der schlechter gebildeten Mehrheit der Gesellschaft oft nicht mehr als ein überhebliches Lächeln übrig bleibt. Das gilt nicht nur für die Demokraten in den USA, sondern auch für uns in Deutschland. Schließlich werden die zugegeben eher ekligen Grölereien von PEGIDA-Spaziergängern mit einem schlichten „Ihr habt doch keine Ahnung, verpisst euch“ weggeschmettert. Die gleiche Antwort haben wir für die sprunghaften Erfolge der AfD parat. Das fühlt sich erst mal gut an, hilft jedoch wirklich niemandem.

Denn woher sollen es die Leute auch besser wissen? Wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu komplex und sueddeutsche.de ja ohnehin nur Systempresse ist, wenn stattdessen auf alternative Nachrichtenmedien voller rassistischer, jedoch angenehm Komplexität reduzierender Verschwörungstheorien zurückgegriffen wird, woher soll das politische Wissen denn kommen? Vielleicht von bild.de? Dort macht man es der Leserschaft in der Tat ebenfalls einfach. Noch im März war kurz nach dem Attentat in Brüssel zu lesen: „Der beste Schutz vor Terrorismus ist immer noch, möglichst viele Terroristen zu töten oder ins Gefängnis zu sperren“. Donald Trump wäre stolz auf den Praktikanten, der diese Zeilen verzapft hat – wenn es denn nur einer gewesen wäre. Kein geringerer als Julian Reichelt, seines Zeichens Chefredakteur von bild.de, begab sich hier auf das polternde argumentative Niveau des künftigen amerikanischen Präsidenten.

Dabei haben beide Männer offensichtlich keine Ahnung, wovon sie reden. Dass Terrorismus insbesondere im Fall des Islamischen Staates nicht einfach nur das Ergebnis der Zusammenrottung einiger Bekloppten mit Allmachtphantasien ist, scheint als Erkenntnis an ihnen vorbeigegangen zu sein. Dabei gibt es ganze Lehrstühle, wie das Institut für Gewalt- und Konfliktforschung an der School of Oriental and African Studies in London, die sich mit dem Terror in Nahost auseinandersetzen und diesen bis ins kleinste Detail durchanalysieren. Vielleicht sollte Julian Reichelt dort mal anrufen und fragen, ob man Terrorismus am besten mit Kopfschüssen bekämpft. Er dürfte einige schiefe Blicke ernten. Allerdings kranken derartige Institute daran, dieses auch für die Allgemeinheit bedeutsame Wissen um die Komplexität von Konflikten auch uns niederen Geistern zu vermitteln. Nicht nur in Großbritannien, auch hier in Deutschland. Ja, es gibt Informationsabende zum irakischen Bürgerkrieg oder Diskussionspanels zur Lage in Subsahara-Afrika. Wie in der eigenen Lieblingskneipe trifft man dort jedoch letztlich immer die gleiche Mischung aus Menschen: Politikwissenschaftler, Journalistinnen und Freizeitautoren. Wirklich neue Gesichter aus anderen Bildungsschichten sind die Ausnahme.

Natürlich muss man nicht jeden Abend in irgendeine Stiftung wackeln, um etwas von der Welt zu verstehen. Dass alles so fürchterlich kompliziert ist, mag vielen Menschen auch so klar sein. Den Freitag-Lesern, den Politikbegeisterten, den Interessierten in diesem Land, die sich ihre Informationen nicht nur aus ihrem Facebook-Feed besorgen. Die weniger medial versierten Leute werden jedoch abgehängt. Sie wissen es oft schlicht nicht besser. Sie glauben tatsächlich daran, dass die Ausländer schuld daran sind, dass ihre Steuern so hoch sind. Daher werden eben diejenigen gewählt, die diesen bequemen „Ich erkläre mir die Welt, wie sie mir gefällt“-Ansatz möglichst geschickt aufgreifen und mit ihren einfachen Erklärmodellen auf Rattenfang gehen: America First, Britain First, Abendland First… die Liste ist beliebig erweiterbar. Und die Wahl eines lügenden Demagogen wie Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt wird die Populisten beflügeln. Nicht nur in den USA. Auch hier bei uns. In Europa. Sie stehen längst in den Startlöchern, falls es irgendjemand noch nicht bemerkt haben sollte.

Und hier kommen wir ins Spiel. Wir sollten uns ernsthaft die Frage stellen, ob wir als diejenige Generation in die Geschichtsbücher eingehen wollen, die den Populisten den Weg bereitet hat. Die sich mit Internet-Memes und geworfenen Eiern über die neurechte Wählerschaft lustig gemacht hat und hin und wieder auf einer Anti-Pegida-Demonstration gesungen hat, sich sonst jedoch bequem zurückgelehnt hat. Nein, so wollen wir nicht wahrgenommen werden, da sind sich auch alle einig. Gekämpft werden müsse jetzt, für die Freiheit, für die Demokratie, das ist dieser Tage auf jedem Kanal zu vernehmen. Was genau das aber heißen soll, das weiß eigentlich niemand so richtig. Sollen wir lauter für den Frieden singen? Unseren amerikanischen Freunden eine Couch für die nächsten vier Jahre anbieten? Die Menschen sind verwirrt. Freiheit und Vernunft, ja, bitte. Aber wie zum Teufel stellen wir das an?

Hier ist daher ein ganz konkreter Vorschlag: Redet doch einfach mal mit den Leuten. Unterhaltet euch mit denen, die sich von der modernen Welt abgehängt fühlen. Mit der alternden Mittelschicht, mit den weniger gut ausgebildeten Jugendlichen, mit den Schreihälsen in Clausnitz. Erklärt ihnen, dass es nur eines gibt, was man mit absoluter Sicherheit sagen kann: Dass es keine einfache Lösung für komplexe Probleme gibt. Wirklich nicht. Auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen. Die Welt ist fürchterlich kompliziert. Das klingt erst mal banal. Meine Freunde haben sich kollektiv an den Kopf gefasst, als ich vor zwei Jahren anfing, auf den Facebook-Pegida-Seiten mit den Menschen dort zu diskutieren. Ihnen klar zu machen, dass sie ihr Auto mit einem defekten Katalysator doch auch nicht zum Bäcker zur Reparatur bringen. Warum also einem Lutz Bachmann vertrauen, der von politischen Prozessen vermutlich ähnlich viel versteht wie Günther Öttinger in einem englischen Vortrag?

Versteht mich nicht falsch: Spaß macht das nicht. Ich wurde beschimpft, bedroht, und mehrmals haben schwäbische Geschäftsmänner versucht mir zu erklären, dass mir einfach die Lebenserfahrung fehle, um die politische Lage wirklich richtig einschätzen zu können. Mittlerweile musste ich dazu übergehen, die Leute einzeln und direkt anzuschreiben – ich wurde nach kurzer Zeit auf allen relevanten Diskussionsplattformen gesperrt. Das ist frustrierend und anstrengend, aber wenn ich nur einen von zehn Diskussionspartnern oder einfach diesen merkwürdigen Onkel am Familientisch davon überzeugen kann, nochmal darüber nachzudenken, ob wirklich die Flüchtlinge an unserer wirtschaftlichen Lage schuld sind, dann habe ich schon genug gewonnen. Ich will es nicht hinnehmen, dass mir in der Londoner Bar, in der ich über den Sommer gearbeitet habe, mehrmals zum Holocaust gratuliert wurde. Von Menschen, die davon ausgehen, dass eine jüdische Weltverschwörung den Planeten steuert und dass Muslime nur zum Vergewaltigen englischer Frauen nach Großbritannien kommen. "Helft" diesen Menschen auf die Sprünge! Im sachlichen Gespräch! Es gibt sie nicht nur in London, sondern auch hier. Das ist mittlerweile wirklich kein Geheimnis mehr.

Ich weiß, dass ich nicht der einzige hier bin, der das Privileg eines mehrjährigen Studiums genießen durfte. Dass auch andere Menschen ins Ausland gehen. Dass auch andere junge und alte Leute Angst vor dem aufkommenden Populismus haben. Und ja, auch ich fürchte mich. Mehr, als ich mich jemals vor islamistisch motivierten Anschlägen gefürchtet habe. Und das, obwohl einer meiner besten Freunde sozusagen auf der zerbombten U-Bahn-Station in Brüssel wohnt. Und das, obwohl ich den Maschinengewehren und Granaten des syrischen Bürgerkriegs aus nächster Nähe zuhören konnte. Ich fürchte mich noch mehr vor dem, was jetzt kommt.

Es bringt jedoch nichts, sich von dieser Angst lähmen zu lassen. Im Gegenteil: Unternehmen wir endlich was dagegen! Machen wir verdammt nochmal endlich das Maul auf und begeben uns in den braunen Sumpf! Reden wir mit den Leuten. Denn wenn uns die letzten Monate eines gezeigt haben, dann das: Von alleine wird sich die Sache nicht erledigen. Tomaten werfen und auf der Gegendemo rumbrüllen reicht nicht. Die Briten haben für Brexit gestimmt, entgegen aller Erwartungen. Trump hat jede Hochrechnung und jede Meinungsumfrage widerlegt und wird der nächste amerikanische Präsident. Wir sollten wirklich nicht darauf warten, dass die ewig gestrige Wählerschaft der Populisten irgendwann schon aussterben wird oder sich dazu entscheidet, nicht mehr zur Wahl zu gehen. Nein. Es liegt jetzt an uns, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

17:24 11.11.2016
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