Terror und der Spalt in meinem Kopf

Doppelstandards Unsere westliche Wahrnehmung auf den Terrorismus ist eine fehlgeleitete. Wir leiden unter einer gesamtgesellschaftlichen kognitiven Dissonanz.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter MedieninhaltAnfang vergangener Woche ereigneten sich zwei verheerende Terroranschläge.

Bei dem einen Anschlag wurden fünf Menschen verletzt, vier darunter schwer.

Bei dem anderen wurden über 100 Menschen getötet, darunter viele Frauen und Kinder.

Der eine Terrorist – ein 17-jähriger Afghane – wurde auf der Flucht erschossen.

Der andere Terrorist – ein US-Soldat – ist wohl auf in seiner Militärbasis im türkischen İncirlik.

Der Terror

Der 17-jährige Afghane (eventuell auch Pakistani) kam vor einem Jahr alleine als Flüchtling nach Deutschland. Am Montagabend zückte er in einem Zug Richtung Würzburg Axt und Messer und ging auf Passagiere los.

Er verletze dabei vier Urlauber aus Hongkong schwer. Auf seiner Flucht attackierte er noch eine Spaziergängerin. Eine SEK-Truppe verfolgte den Jugendlichen und erschoss ihn.

Die Umstände des Amoklaufs bleiben ungeklärt. Der Junge wurde als “eher ruhiger, ausgeglichener Mensch” beschrieben und zeigte keinerlei Anzeichen von religiösem Extremismus.

Kurz vor seinem Amoklauf setzte er ein Video ins Netz, das Amak, die Pressestelle des IS, daraufhin verbreitete und die Urheberschaft der Tat für sich reklamierte, obwohl ein vorheriger Kontakt zwischen dem Jungen und dem IS ausgeschlossen werden kann.

Der Inhalt des Videos lässt in die Abgründe einer durch Religion und Krieg zerstörten Seele eines größenwahnsinnigen Psychopathen blicken. Genau die Sorte Mensch also, die der IS für sich gewinnen will.

Neben dem religiösen Geschwurbel des Videos verdient jedoch gleich der zweite Satz Aufmerksamkeit, in dem der 17-Jährige einen für uns im Westen nicht zu existieren scheinenden Zusammenhang aufmacht:

“Die Zeiten sind vorbei, in denen Ihr
in unsere Länder gekommen seid,

unsere Frauen und Kinder getötet habt
und Euch keine Fragen gestellt wurden.“

Was uns zum zweiten Terroranschlag führt.

Am letzten Dienstag flogen Kampfjets der US-geführten Anti-IS-Koalition Luftangriffe auf ein Dorf nahe der nordsyrischen Stadt Manbij, die wiederum in der heftig umkämpften Aleppo-Region liegt und vom IS gehalten wird.

Seit Mai hat die US-Koalition bereits 450 Angriffe auf die Region geflogen. Bei dem Angriff am Dienstag hatte sie „aus Versehen“ eine Gruppe von acht Familien mit IS-Kämpfern verwechselt, diese bombardiert und dabei mindestens 56 Menschen getötet, darunter viele Frauen und Kinder.

Die genaue Opferzahl ist umstritten. Al-Jazeera berichtete Anfangs noch von 125 Opfern, Bewohner vor Ort geben an, es seien über 200 Tote. Als gesichert gilt, dass die US-Koalition seit Beginn ihrer Offensive gegen Manbij mindestens 167 Zivilisten getötet hat, darunter 44 Kinder.

Das Inferno vom Dienstag ist höchstwahrscheinlich der an Zivilisten verlustreichste Einzelangriff seit Beginn der US-geführten Anti-ISIS-Koalition vor zwei Jahren, die insgesamt 50.000 Bomben auf den Irak und Syrien niederregnen ließ.

Der 17-jährige Attentäter von Würzburg bezahlte die Axtattacke mit seinem Leben. Die hundertfachen Mörder von Manbij müssen keinerlei Konsequenzen fürchten.

Was aber haben beide Terroranschläge miteinander zu tun?

Der Terror in uns

Anfang 2015 hat der IS in seinem Online-Magazin Dabiq den Kurs für die in westlichen Ländern lebenden Muslime vorgegeben: Spaltung.

Die „Grauzone“ der Koexistenz zwischen den Religionen müsse „eliminiert“ werden.

Durch brutalst mögliche Angriffe von geisteskranken Individuen soll die Polarisierung und die Islamophobie in den westlichen Gesellschaften derart auf die Spitze getrieben werden, dass sich Muslime im Westen zur Wahl gezwungen sehen: „entweder vom Glauben abfallen oder in den Islamischen Staat auswandern, um der Verfolgung der Kreuzritter in den [westlichen] Regierungen und ihren Bürgern zu entfliehen.“

Und der Westen spielt genau dieses Spiel der Spaltung mit, wir geben dem IS das, wonach er sich so unendlich stark sehnt: Hass auf Muslime. Eine immer mehr gespaltene Gesellschaft mit unter Generalverdacht gestellten Muslimen. Ein dichotomes wir-und-die-Denken bricht sich Bahn.

Wenn ein hoher US-General verkündet: „Ich bin im Krieg mit dem Islam“, so ist das die beste Werbung für den IS überhaupt. Denn es wird genau die Endzeit-Geschichte des IS rezitiert, die des dahergesehnten Clash of Civilizations, der Kampf westlicher „Kreuzritter“ gegen die muslimische Welt, als dessen Beschützer sich der IS gebiert.

Dieses eine Interview von Lieutenant General Michael Flynn auf FoxNews, diese Kampfansage an den Islam, hat dem IS vermutlich mehr Rekruten in die Arme getrieben, als jedes noch so gut gemachte IS-Propagandavideo dazu je im Stande gewesen wäre.

Auch das Sat1-Frühstücksfernsehen spielt den Schlächtern des IS in die Hände, wenn der Sprecher mit ernster Mine und wehenden Fahnen in einem fast strafrechtlich relevanten Kommentar verkündet, wir sollten nach der Axtattacke von Würzburg „nicht länger so tun, als könnten wir unser Leben einfach so weiter leben. […] Wir leben unter dauernder Bedrohung, ein Anschlag kann überall geschehen. Mit Bomben, Lastwagen, Axt und Messer. In großen und in kleinen Städten und sogar auf dem Land.“

Das Ziel des IS-Terrors ist nie das Blutbald selbst, das Ziel sind immer und ausschließlich unsere Köpfe. Der IS will die ganze Welt mit Panik, Hass und Paranoia infizieren.

Fünf Gäste aus Hongkong und eine Spaziergängerin in Würzburg, 35 tote Menschen in Brüssel, 84 tote Menschen in Nizza (mehr als ein Drittel darunter Muslime) sind dem IS egal.

Ziel der Axt in Würzburg war unser Verstand, unser Urteilsvermögen.

Wir könnten und sollten uns ein Beispiel an Norwegen nehmen. Als dort vor fünf Jahren der Nazi Anders Breivik – ein radikaler Christianist sozusagen – in Oslo und Utøya 77 Menschen, vor allem linke Jugendliche, hingerichtet hat, kapitulierte die norwegische Gesellschaft nicht vor Breiviks Terror. Sie weigerte sich, ihre Köpfe vom Terror infizieren zu lassen, widersetzte sich Hass und Rachegefühlen.

Der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte zwei Tage nach dem feigen Massenmord:

„Unsere Antwort ist mehr Demokratie,
mehr Offenheit, mehr Humanität.“

Der Spalt in meinem Kopf

Die Axtattacke von Würzburg wurde – zu Recht! – ausführlich in den deutschen Medien thematisiert: mehrere Abende in der Tagesschau, unzählige Zeitungsartikel, Talkshows, ein eigener Brennpunkt.

Der verheerendste Anschlag der Anti-IS-Koalition mit wahrscheinlich mehreren Hundert Toten in Syrien war hingegen zu unwichtig, um den Weg in die Tagesschau zu schaffen. Über Tage waren eine Handvoll kleinerer Medien-Outlets – darunter das progressive Online-Portal Telepolis und der deutsche Ableger der russischen Sputnik News – die einzigen deutschen Quellen mit Bezug auf den Anschlag in Manbij.

In der Sozialpsychologie wird der Geisteszustand, bei dem zwei unvereinbare Wahrnehmungen oder Gefühlszustände parallel existieren, als kognitive Dissonanz bezeichnet.

Die Gesellschaften der westlichen Länder leiden unter einer gesamtgesellschaftlichen kognitiven Dissonanz. Wir leben in einem Geisteszustand zweier parallel existierender Realitäten.

Mit einem schweren Keil wurde ein unüberwindbarer Spalt in unser Bewusstsein geschlagen.

Die eine Realität ist von der irrationalen Angst charakterisiert, Opfer eines islamistischen Terroranschlags zu werden, obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit dafür weiterhin nahe 0 liegt.

In den USA ist es sechsmal wahrscheinlicher, von einer Kuh getötet zu werden als von einem muslimischen Terroristen.

Die 60 am brutalsten vom Terror heimgesuchten Länder dieser Welt sind alles nicht-westliche Länder.

Die andere Realität ist unsere an Apathie grenzende Gleichgültigkeit gegenüber dem Terror, mit dem in unserem Namen der Orient überzogen wird.

Die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Ärztevereinigung Physicians for Social Responsibility (PSR) hat 2015 ihre wissenschaftliche Studie zu den Opferzahlen des „War on Terror“ veröffentlicht:

Allein im Irak, Afghanistan und Pakistan hat der Westen seit dem Golfkrieg 1991 nach den konservativsten Schätzungen direkt oder indirekt 4 Millionen Menschen getötet, die Zahl könnte bis zu 8 Millionen hoch sein.

Seit 25 Jahren tötet der Westen jeden Tag mindestens 440 Menschen in Middle East.

Jeden Tag. Seit 25 langen Jahren.

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Diese beiden Realitäten – die Hysterie und Paranoia vor muslimischem Terror im Westen, und die Gleichgültigkeit gegenüber vier Millionen toter Muslime durch Terror des Westens – parallel in unseren Köpfen laufen zu lassen, grenzt an einen Zustand gesamtgesellschaftlicher Geisteskrankheit.

Die Zusammenhänge und Kausalitäten zwischen beiden Realitäten zu negieren, ist gelebte Bigotterie.

Der Kaiser ist nackt!

Selbst die Bush-Administration ist 2004 in einem Pentagon-Papier über die Stimmungslage arabischer Gesellschaften nach drei Jahren „War on Terror“ zu der Erkenntnis gelangt, dass „direkte Interventionen der Amerikaner in der muslimischen Welt paradoxerweise dazu geführt haben, das gesellschaftliche Ansehen radikaler Islamisten und den Support für sie zu stärken.“ Der Kampf gegen islamistische Aufständische lässt „diese Gruppen als die wahren Verteidiger einer überfallenen und attackierten gesamtmuslimischen Gesellschaft erscheinen.“

Das von Kriegsverbrecher Donald Rumsfeld geführte Pentagon räumte weiter mit einem unsäglichen Propagandamythos auf: „Muslime ‚hassen unsere Freiheit‘ nicht, sie hassen unsere Politik.“

John Prescott, Tony Blairs Vize-Premierminister und damit UK-seits einer der Hauptverantwortlichen für den illegalen Überfall auf den Irak 2003, formuliert den Zusammenhang folgendermaßen:

„Wenn ich Leute darüber reden höre,
wie sich Menschen radikalisieren, junge Muslime.
Ich sage euch, wie sie radikalisiert werden.
Jedes Mal, wenn sie den Fernseher einschalten
und ihre Familien in Sorge sind,
ihre Kinder getötet und ermordet werden,
und Raketen, wisst ihr, auf all diese Menschen gefeuert werden, das ist es, was sie radikalisiert.“

Das Institute for Economics & Peace verfolgt einen wissenschaftlich akribischen Ansatz, um dem Zusammenhang zwischen Terroranschlägen und westlichen Kriegen zu begegnen. Die folgende ist in meinen Augen die wohl wichtigste Grafik zum Thema Terrorismus überhaupt. Hier relevant ist der türkisgrüne Graph in der Mitte.

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Vor den Beginn des “War on Terror” 2001, gab es in den Ländern des Orients keinen Terror.

Vor 2001 gab es im Orient keinen Terror. Erst der „War on Terror“ hat ihn überhaupt erst in den Irak, nach Afghanistan, Pakistan, Nigeria und Syrien gebracht und die Zahlen der Terrortoten in diesen Ländern in den Himmel schießen lassen.

Im Jahre 2014 lag die Zahl der weltweit durch Terror getöteten Menschen dann bereits bei 32,727. In den Jahren des „War on Terror“ kam es zu einem Anstieg der Terrortoten um 4.500 Prozent, eine Ver-45-fachung also.

Die Zahl der islamistischen Terroristen war vor dem „War on Terror“ marginal, und wurde weltweit auf wenige Tausend geschätzt. In Saddams Irak beispielsweise gab es keine Dschihadisten, ebenso wenig im prä-Kriegs Syrien und in Gaddafis Libyen, in Afghanistan und Pakistan sind die Taliban heute so stark wie seit der „Befreiung“ 2001 nicht mehr.

Die westlichen Kriege und Interventionen erst haben diese Länder durch Staatsterror zerstört und so den Nährboden für islamistischen Terror gelegt.

Als Folge dieser Politik wurde im Jahr 2014 dann die Zahl der weltweiten Dschihadisten auf über 100.000 geschätzt, wie gesagt, von wenigen Tausend 13 Jahre zuvor.

Der „War on Terror“ ist das größte Terrorzuchtprogramm, das die Menschheit je gesehen hat.

Es scheint, als befänden wir uns in einem gesamtgesellschaftlichen Des Kaisers neue Kleider. Wir sind zu feige, uns den Spiegel vorzuhalten und mit Gewalt erzeugt Gegengewalt Zusammenhänge anzuerkennen, die jedes Kind versteht. Wir sind unfähig zu sezierender Selbstkritik, denn dafür müssten wir an unserem so lieb gewonnenen Selbstbild eines friedensstiftenden Westens rütteln. Viel lieber belügen wir uns jeden Tag selbst.

Wir brauchen eine Rückbesinnung auf unsere kindliche Angstlosigkeit: „Der Kaiser ist nackt!“

Eine friedliche Welt schaffen wir zu aller erst in unseren Köpfen, durch die Überwindung unseres westlichen Ethnozentrismus, unserer Scheinheiligkeit, unserer Doppelstandards, unserer Einteilung der Toten in zu bedauernde und irrelevante Tote, in wichtiges und unwichtiges Leid.

Schreien wir unseren Kaisern zu:

„Stoppt den Krieg und ihr stoppt den Terror!“

Dieser Artikel erschien zuerst hier auf Jakobs Blog JusticeNow!, wo Du weitere spannende Artikel findest.

10:52 27.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jakob Reimann

Auf meinem blog justicenow.de setze ich mich kritisch mit den Themen Kapitalismus, Krieg und Rattenschwanz auseinander. Herrschaftsfrei, gewaltfrei!
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Jakob Reimann

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