„Rasenmähen" in Gaza

Nahost-Konflikt Perspektivlosigkeit, Unterdrückung und Armut sind der perfekte Nährboden für Extremismus. So lange die Menschen in Gaza keine Zukunft haben, wird es keinen Frieden geben.
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Perspektivlosigkeit, Unterdrückung und Armut sind der perfekte Nährboden für Extremismus. Im Gazastreifen sind 70% der Bevölkerung abhängig von Nahrungsmittelhilfe. Die Mehrheit der 1,7 Millionen Menschen in Gaza ist unter 18 und hat auf Grund der israelischen Blockade den kleinen Gazastreifen noch nie verlassen können. 90% des Wassers ist verseucht oder versalzen. Die Wirtschaft liegt am Boden. Es gibt kaum Strom und Benzin und nur eine völlig unzureichende medizinische Versorgung. Die UN warnt eindringlich, dass Gaza bis zum Jahr 2020 nicht mehr lebensfähig ist. Die Bevölkerung ist durch regelmäßige Luftangriffe zutiefst traumatisiert; eine selbstbestimmte, friedliche Zukunft ist für viele Menschen in Gaza unvorstellbar.

Einen Ausweg gibt es für die Menschen in Gaza nicht. Selbst der konservative britische Premierminister David Cameron bezeichnete Gaza als „Gefangenenlager“. Von Israel freigelassene palästinensische Gefangene aus dem Westjordanland wurden von Israel in den abgeriegelten Gazastreifen abgeschoben. Das kommt einem Eingeständnis gleich, dass sie lediglich in ein anderes Gefängnis verlegt wurden.

Die meisten Menschen in Gaza kennen Israel nur als Besatzungsmacht, als Soldaten in den Wachtürmen an der Grenze, die regelmäßig Bauern beschießen, die versuchen, in der Nähe der Grenze Gemüse anzubauen. Sie kennen Israel als Soldaten auf Kriegsschiffen, die Fischer beschießen, die versuchen, zu nahe an der von Israel gezogenen „Wassergrenze“ zu fischen, aus Verzweiflung, dass das Küstengewässer leergefischt ist. Und sie kennen Israelis als Piloten von Kampfjets und Drohnen, die aus der Luft vielfachen Tod und großen Schrecken verbreiten und die gesamte Bevölkerung immer wieder aufs Neue traumatisieren.

Es gibt für die Menschen in Gaza keine Möglichkeit der Interaktion mit „normalen“, friedensorientierten Israelis. Wie soll in dieser schrecklichen, gewaltbasierten und asymmetrischen Beziehung je ein Frieden entstehen können? Wenn man sich solche Fragen stellt, heißt das noch lange nicht, dass man den Abschuss von (glücklicherweise sehr ineffektiven und meist vom Raketenschutzschild „Iron Dome“ abgefangenen) Raketen auf israelische Zivilisten rechtfertigt. Es heißt aber, dass man die überwiegend junge Bevölkerung in Gaza als Menschen mit Ängsten, Illusionen, Hoffnungen und Bedürfnissen ernst nimmt (statt sie alle als Terroristen abzustempeln) und anerkennt, dass nichts in einem Vakuum passiert.

Das israelische Militär bezeichnet die regelmäßigen Luftangriffe auf Gaza zynisch als „Rasenmähen“. So schrecklich der Begriff in Anbetracht der Toten und des Leids ist, so beherbergt er doch unabsichtlich eine Wahrheit. Solange das Problem nicht an der Wurzel bearbeitet wird, solange wird es wachsen. Die Hamas wird auch nach dieser Militäroperation wieder „hausgemachte“ Raketen herstellen können. Sie wird auch weiterhin Tunnel graben können. Und wenn sie es nicht tut, werden es andere, möglicherweise noch radikalere Gruppen tun. Die verzweifelte, eingesperrte und hungernde Bevölkerung in Gaza wird dem keinen Einhalt gebieten. (Im Gegenteil, sie könnten solche Handlungen aus der Verzweiflung heraus unterstützen, um dem abgeschnittenen Gazastreifen Aufmerksamkeit zu verschaffen.) Dann wird sich die tragische Geschichte der israelischen Angriffe, das tödliche „Rasenmähen“, wiederholen.

Die allgemeine Verzweiflung der Menschen in Gaza, schon vor und auch nach den Angriffen des israelischen Militärs, erklärt auch das Scheitern des Vorschlags eines Waffenstillstandsabkommens, welcher von Ägypten unterbreitet wurde. In dem Dokument stand lediglich, es solle ein Ende der Auseinandersetzungen geben. Zu einem späteren, geeignetem Zeitpunkt, wenn die sicherheitspolitischen Erwägungen es zuließen, könnte man über eine Öffnung von Grenzübergängen sprechen. Für die Menschen in Gaza, die nichts mehr zu verlieren haben, wirkte das wie Hohn. Die Hamas lehnte den Vorschlag (von dem sie aus den Medien erfuhr) ab. Eine Rückkehr zum status quo ante würde eine Beibehaltung der inhumanen Blockade bedeuten. Die Hamas hatte über viele Monate mit Erfolg Raketenabschüsse aus dem Gazastreifen verhindert und gegen „Spoiler-Gruppen“ durchgegriffen in der Hoffnung auf eine Lockerung der Blockade. Diese kam nicht zustande; die schleichende humanitäre Katastrophe dauerte an.

Es werden schwerwiegende politische Entscheidungen und großangelegte Investitionen notwendig sein, um Frieden zu erreichen. Die internationale Gemeinschaft wird hohen Druck auf Israel ausüben müssen und den Wiederaufbau des Gazastreifens mit hohem Engagement unterstützen müssen. Fakt ist: es gibt keine Bomben, die diese Probleme lösen können. Man kann das für Israel demographische, für den Rest der Welt humanitäre „Problem“ Gaza nicht einfach ignorieren, indem man die Bevölkerung einsperrt und den Schlüssel wegwirft. Das ist nicht nur moralisch untragbar, es ist auch sicherheitspolitisch ein Desaster.

Jakob Rieken ist Projekt-Manager bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ost-Jerusalem. Der Artikel stellt die Meinung des Autors dar und spiegelt nicht grundsätzlich die Meinung der Friedrich-Ebert-Stiftung wider.

08:37 23.07.2014
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Geschrieben von

Jakob Rieken

Ich arbeite als Programm-Manager bei der FES in Jerusalem. Artikel, Kommentare, etc. geben ausschließlich meine private, persönliche Meinung wieder.
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