Wie fremd doch der Nächste ist

Kino "Über uns das All" zeichnet das Bild einer intimen Zweisamkeit – und zweifelt sie rückblickend an. Wie nah kann man einem Menschen sein, mit dem man das Bett teilt?

Am Anfang steht die Lehrerin Martha Sabel (Sandra Hüller) vor ihrer Klasse und hört zu, wie ein Schüler in schlechtem Englisch aus einem Sonett Shakespeares vorliest. Manchmal nickt sie, manchmal verbessert sie. Martha lebt zusammen mit Paul (Felix Knopp), humorvoll, gutaussehend, in seinem Bücherregal steht Sigmund Freud. Sein Professor hat ihn mit einer offenbar bahnbrechenden Abschlussarbeit nach Marseille empfohlen. Man beschließt, in den Süden zu gehen, Paul fährt vor, Martha soll nachkommen.

Regisseur Jan Schomburg zeichnet das Bild einer intimen Zweisamkeit, die einem sofort sympathisch ist, Martha und Paul sind zärtlich und liebevoll, aber nicht dümmlich-naiv. Momente wie eine Sexszene sind nur deshalb peinlich, weil sie so nahe an der Realität sind. Man wünscht den beiden das Beste für Marseille. Doch am Tag nach Pauls Abreise stehen zwei Polizistinnen in Marthas Wohnung. Paul hat sich das Leben genommen, auf einem Parkplatz in Frankreich.

Es ist die erste überraschende Wendung, die Über uns das All nimmt. Rückblickend lassen sich freilich Hinweise darauf finden, dass etwas nicht in Ordnung war, diskrete, subtile Hinweise, die Martha und der Zuschauer nur zu gerne übersehen wollten. Darüber, dass zu einem Essen mit Freunden keine Kollegen von Paul kommen, tröstet Pauls Erklärung, es handele sich um „neoliberale Spinner, die nur an ihre Karriere denken“, humorvoll hinweg. Als er in der letzten Nacht am Fenster steht und ins Nichts starrt, tröstet sie ihn mit der romantischen Idee vom Leben in Frankreich; sie ist nur verwirrt, wie schwer ihm der kurze Abschied zu fallen scheint.

Geste des Geliebten

Schomburg, der auch das Drehbuch geschrieben hat, inszeniert sparsam, er verzichtet auf schnelle Schnitte, oftmals dauern Einstellungen so lange wie eine Szene. Das kann beklemmend sein, etwa wenn sich ein verliebter Lehrerkollege ungeschickt von Martha verabschiedet und dabei das regnerische Deutschland schönredet („diese Hitze da unten, und dann diese ständigen Sonnenstrahlen“). Oder die lange Autofahrt auf das Polizeirevier, wo Martha ihren Paul auf den Fotos identifizieren soll. Manchmal führt der Raum, den Über uns das All den Personen lässt, zu obskuren Situationen: der Polizist, der wie ein Seelsorger spricht, oder der Bestatter, der redet, als verkaufe er eine Schrankwand.

Aber es funktioniert, weil die Dialoge genau und die Charaktere präzise gezeichnet sind, allen voran Martha Sabel, die der Tod ihres Mannes aus der Bahn wirft. Die anfangs dargestellte Zweisamkeit wird rückblickend angezweifelt.

Wie nah kann man einem Menschen sein, mit dem man das Bett teilt? Wie gut muss man jemanden kennen, um mit ihm das Bett zu teilen? Schomburgs Antwort plädiert auf Zweifel. So findet Martha heraus, dass Paul seit Jahren exmatrikuliert war, Professor Gellendorf ihn vage aus dem zweiten Semester kennt, die Abschlussarbeit nicht von ihm stammt. „Was hat der denn gemacht, wenn er nicht zur Uni gegangen ist“, fragt Martha unter Tränen ihre Freundin Trixi, der Zuschauer fragt sich das auch und erwartet, dass Martha sich auf die Suche nach einer Antwort macht. Aber Schomburg lässt sie nun auf Alexander (Georg Friedrich) treffen, der sich die Haarsträhne auf die gleiche Weise aus der Stirn streicht wie Paul. Mit der Geste des verlorenen Geliebten im Unbekannten beginnt tatsächlich eine Suche: Martha sucht im Fremden nach ihrem Nächsten. Was sie am Ende aber findet, ist dann für den Betrachter: befremdlich.

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13:00 14.09.2011
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Ausgabe 41/2021

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