Zwischen Skinhead-Konzert und Hochzeits-Gospel

Reggae-Ikone Roy Ellis war 1969 Symbolfigur einer neuen Jugendbewegung. Nach Ausflügen als Soul-, Gospel- und Volksmusiksänger bedient er nun wieder seine alte Klientel

Er gilt als die Ikone des Skinhead-Reggaes: Roy Ellis, auch als Mr. Symarip bekannt, ist einer der wenigen aus Jamaika stammenden Musiker der Sechsziger, die auch heute wieder Alben produzieren. „The Boss Is Back“ heißt passenderweise sein jüngstes Werk, mit dem er gerade in Deutschland unterwegs ist. Seinen musikalischen Durchbruch erlangte er 1969 mit seiner Band Symarip und dem Stück „Skinhead Moonstomp“, das sich nach eigenen Angaben bis heute Siebenmillionen Mal verkauft hat. Er war damit stilprägend für eine damals neue Jugendszene, lange bevor diese in der öffentlichen Wahrnehmung zum Synonym für Rechtsextreme wurde. Heute findet er seine Hörerschaft wiederum vornehmlich in einer Skinhead-Szene, die mit Nazis selbstredend nichts zu tun haben will und sich in ihrem Selbstverständnis auf die Anfänge der Bewegung bezieht.

Diese Anfänge liegen im East London der späten sechziger Jahre: Dort wuchsen weiße Arbeiterkinder mit den Kindern jamaikanischer Einwanderer zusammen auf und kamen so auch mit deren Musik, vor allem Ska und Rockstaedy, in Berührung. Mehr noch aber der frühe Reggae, dessen Geburtsjahr auf 1968 datiert wird, begeisterte jene Jugendlichen, die sich durch kurze Haare und derbe Arbeiterkleidung von den meist studentischen Hippies, aber auch den modebewussten Mods abgrenzen wollten. Anders als der spätere Roots-Reggae war dieser Early Reggae schneller und rauer als Rocksteady, einer Übergangsform von Ska und Reggae. Auch die Texte, die neben den üblichen Liebesliedern auch offen anzügliche Motive enthielten, sprachen die seit jeher männerdominierte Jugendbewegung an.


Aufgrund besserer Aufnahmetechnik und besserer kommerzieller Perspektiven kamen zunehmend Musiker wie Derrick Morgan, Desmond Dekker und Laural Aitken aus Jamaika nach London. So auch Roy Ellis. Wie kaum ein anderer entdeckte dieser aber den Skinhead-Kult für sich und bediente ihn mit Stücken wie „Skinhead-Moonstomp“ oder „Skinhead-Girl“. Nach ersten Spaltungen und Flauten erlebte die Bewegung Ende der Siebziger / Anfang der Achtziger ein Revival. Zum endgültigen Bruch kam es als die rechtsextreme National Front und die British National Party Teile der Szene für sich vereinnahmen konnten. In den Medien wurden Skinheads fortan meist mit rechtsgerichteten Übergriffen gleichgesetzt. Erst ab Ende der Achtziger setzte sich die SHARP-Bewegung („Skinheads Against Racial Prejudice“) verstärkt gegen diese Vereinnahmung ein.

Vom Reggae zur Volksmusik und zurück

Auch Roy Ellis, der seit 1980 in der Schweiz sesshaft ist, verschwand für lange Zeit von der Reggae-Bildfläche. Die Band Symarip löste sich 1983 offiziell auf. Roy Ellis begann aus Skinhead-Sicht ein Schattendasein und verdingte sich als Gospel- und Soul-, ja sogar Volksmusik-Sänger: Er verfasste Stücke wie „Switzerland ist schön“, sang beim Grand Prix der Volksmusik und machte 1998 den Background-Chor der schwedischen Popstars Ace of Bace. Kurioserweise trat er noch 2009 mit seinem Frauen-Gospel-Chor The Angels Singers auf der Hochzeit von Boris Becker und Lilly Kerssenberg in St. Moritz auf. Dabei hatte er sein Reggae-Comeback bereits hinter sich. 2004 hatte er sich mit einem „Best of Symarip/Pyramids“-Album in der Reggae- Öffentlichkeit zurückgemeldet und auch wieder Konzerte gegeben. 2007/2008 war dann mit „The Skinheads Dem A Come“ ein neues Album gefolgt, mit dem der Skinhead-Ziehvater auch wieder seine angetraute Klientel zu bedienen suchte.

Dasselbe gilt auch für sein aktuelles, nunmehr siebtes Solo-Album. Während „The Skinheads Dem A Come“ aber vor allem ein Ska-Album ist, ist auf „The Boss is Back“ das musikalische Spektrum etwas breiter. Den klassischen Skinhead-Reggae von damals sucht man auf dem Album allerdings wieder vergeblich. Midtempo-Ska-Stücke wechseln sich mit Reggae-Nummern ab, die aber musikalisch eher in einer späteren Tradition stehen. Daneben beweist Roy Ellis mit zwei Stücken auch seine Soul-Sängerqualitäten und sorgt damit für eine ganz angenehme Auflockerung. Der Eröffnungssong „One Way Ticket To The Moon“, ein Ska-Hit mit Ohrwurmcharakter, knüpft aber zunächst nahtlos an den Vorgänger an. Textlich bewegt sich Roy zwischen angedeuteter Gesellschaftskritik („The trouble on the earth will be over. The man on the moon said come over.“), Liebe und Selbstironie (The Skinheads Laughting At Me) – vielleicht auch eine Anspielung auf sein musikalisches Doppelleben?

Ähnlich wie auf dem letzten Album plätschert nach dem ersten Stück der Rest der Platte leider ein wenig dahin; lässt sich gut im Hintergrund hören, reißt einen aber auch nicht vom Hocker. Nicht so schön ist auch, dass sich zumindest auf der CD der Sound etwas zu clean und stellenweise auch etwas eindimensional anhört. Das Keyboard dominiert in der Regel und übernimmt zum Teil auch Passagen, bei denen Gitarre oder echte Bläser wohl die bessere Wahl gewesen wären. Live wird dies der Stimmung sicher keinen Abbruch tun, ist Roy Ellis doch für seine Entertainerqualitäten bekannt und wird sicher auch seine alten Hits nicht schuldig bleiben. Als Backingband sind bei der aktuellen Tour diesmal die Ratazanas aus Portugal mit von der Partie. Schlager-Hasser brauchen sich übrigens keine Sorgen machen: „Switzerland ist schön“ hat Roy Ellis als Mr. Symarip noch nicht live gesungen.

Roy Ellis ist am 20. April im Zwischenbau Rostock, am 21. im Knust in Hamburg und am 23. April in der Groove Station in Dresden zu sehen

14:00 19.04.2011
Geschrieben von

Jörn-Jakob Surkemper

Freier Publizist, Lektor und Kommunikationswissenschaftler. Seit kurzem auch für den Freitag tätig
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