1972

Mark Spitz, Willy Brandt Während der fünfzehnjährige „Goldfisch“ Shane Gould zum Publikumsliebling (u.a. mit drei Goldmedaillen in Weltrekordzeit) aufsteigt, Mark Spitz das Unvorstellbare ...
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„Ein Dunst liegt über Dakota,
und über Nevada liegt Rauch
und Qualm über Minnesota.
Am Ende liege ich auch.“

Ror Wolf, „Das nordamerikanische Herumliegen“

Während der fünfzehnjährige „Goldfisch“ Shane Gould zum Publikumsliebling (u.a. mit drei Goldmedaillen in Weltrekordzeit) aufsteigt ...

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Auch im Sommer 1972 ist die Welt kein sicherer Ort. Die amerikanischen Streitkräfte antworten auf eine nordvietnamesische Bodenoffensive mit Luftschlägen. Die Operation Linebacker desavouiert die US-Propaganda. Die Weltmacht kämpft schon lange nicht mehr gegen eine Waldläufer:innenmiliz, die Schrapnellsplitter wie Faustkeile einsetzt; so zurückgebombt in die Steinzeit.

Einst versprach der amerikanische Luftwaffengeneral Curtis E. LeMay, „Vietnam in die Steinzeit zurückzubomben.“

Die Vietnamesische Volksarmee verfügt nun über Panzer, Amphibienfahrzeuge und Raketen auf mobilen Rampen.

„Amerikas elf Jahre alter Vietnamkrieg (ist) unversehens wieder jung und abermals gänzlich anders: Das zerbombte, 'wirtschaftlich angeblich schwer notleidende Nordvietnam (geht) zum operativen Bewegungskrieg mit konventioneller Kampfführung über'.“ Aus dem Spiegel von 1972, Quelle

Die Spiele gehen weiter, „Heide Rosendahl ist unsere Beste“. Sie holt Gold und Silber für Deutschland. Mark Spitz gelingt das Unvorstellbare ...

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In Irland heizt der Blutsonntag vom Januar weiter die Feindschaft zwischen Nordiren und der britischen Besatzungsmacht. Bei einer Geiselnahme im Olympischen Dorf von München sterben elf israelische Athleten. Die Spiele gehen weiter, „Heide Rosendahl ist unsere Beste“. Sie holt Gold und Silber für Deutschland. Während der fünfzehnjährige „Goldfisch“ Shane Gould zum Publikumsliebling (u.a. mit drei Goldmedaillen in Weltrekordzeit) aufsteigt, Mark Spitz das Unvorstellbare gelingt, Josef Ertl Bundesminister für Ernährung und Forsten ist, und Geolog:innen verkünden, dass die Schweiz erdgeschichtlich in Afrika liegt, erfährt die reformiert-fränkisch in Sennfeld sozialisierte Salvia Schrimpf von Traunstein-Berlichingen am ersten Tag ihrer Volljährigkeit, dass sie ein betrunkenes Schicksal zur Obwalterin des Prinzessinnengeleges von Taithynô bestimmte. Die leidenschaftliche Jungsozialistin bleibt auf dem Teppich. Sie unterstützt den Bundeskanzler.

Willy Brandts Wiederwahl (nach einem konstruktiven Misstrauensvotum) am 19. November 1972 war eine Sternstunde der alten Bundesrepublik.

Brandt, der 1969 knapp Kanzler wurde, erlebt 1972 seinen größten Triumph. Bei einer Wahlbeteiligung von über neunzig Prozent wird er mit 45,8 Prozent der abgegebenen Stimmen (in einer vorgezogenen Wahl) im Amt bestätigt. Doch der von den eigenen Leuten hart angegangene Tribun ist zermürbt. Kurz nach dem Sieg müssen seine Stimmbänder geschält werden.

„So mußte sich Willy Brandt 1972 einer Stimmband-OP unterziehen, weil er im Wahlkampf zu oft gebrüllt hatte.“ Aus der Berliner Zeitung

Herbert Wehner und Helmut Schmidt nutzen die Rekonvaleszenzabsenz, um ihren Chef in den Koalitionsverhandlungen zu hintergehen.

P.S.

Die Frage lautet: Wer ließ sich bestechen, um Brandts Kanzlerhals beim Misstrauensvotum zu retten? Oppositionsführer Rainer Barzel hatte schon einen Friseurtermin im Kanzleramt vereinbart. Das Votum scheiterte an der Käuflichkeit von Abgeordneten. Im Fall des Parlamentariers Julius Steiner bleibt nichts interessanter als die Behauptung Brandts, Steiner habe doppelt kassiert. Karl Wienand, 1972 Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, soll im Auftrag der Doppelspitze Brandt/Bahr Steiner mit fünfzigtausend Mark bewogen haben, sich der Stimme zu enthalten.

14:08 31.07.2021
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