Abdication Crisis

#Leben In den 1940er Jahren vergrößert Pocahontas Louise Sweetwater den Kreis britischer Exzentriker:innen auf Jamaika.
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In den 1940er Jahren vergrößert Pocahontas Louise Sweetwater den Kreis britischer Exzentriker:innen auf Jamaika. Die Veteran:innen eines kolonialen Lebensstils halten Hof im obsoleten Geist des Empire. Sweetwater-Biografin Mathilde Canonball spricht inStürmische Karibik. Die sieben Leben der Pocahontas Louise Sweetwater, siehe Textland | Pocahontas Louise Sweetwater, Mathilde Canonball - Im obsoleten Geist des Empire vonÜbungen in imperialistischer Nostalgieund einer allgemeinen Rentabilitäts- und Realitätsverachtung. Wer in Pocahontas' Nachbarschaft eine Residenz unterhält, lebt anderenorts noch schlossherrschaftlicher. Einige Expatriierte sind aus den höchsten Kreisen verbannte Verwandte des Königs, dessen Bruder Edward bekanntlich in der Ehe mit Wallis Simpson verbürgerlichte.

Canonball erwähnt den sechsten Baron Brownlow aka Peregrine Francis Adelbert Cust; Perry für seine Freunde. Brownlow war ein enger Freund des achten Edwards und dessen Hauptmann der Gentlemen-at-Arms. Er chauffierte Frau Simpson außer Landes und galt fürderhin als verstrickt in die Abdication Crisis, auf die wir uns auch noch einmal stürzen werden, da sie so oft als Beispiel für wahre Liebe herangezogen wird. Für jene, die imstande waren, den royalen Stunt nicht zu verwackeln (Shaken, not stirred) und die Macht im Haus zu halten, zählte Brownlow zu den Illoyalen.

Canonball ergründet das Verhältnis von Pocahontas' Alleingängen (sowie anderer Furiosa der Eigenmacht) und ihrer bedingungslosen Loyalität gegenüber der Krone. Pocahontas entdeckt man nie auf der Seite von Abtrünnigen, obwohl sie vollkommen unterkühlt auf jeden ideologischen Vortrag reagiert. Sie hat kein Problem mit der Atombombe, solange sie britisch ist. Als perfekte Verkörperung einer Kalten Kriegerin anglo-schottischer Provenienz macht sie sich über den Kommunismus keine Gedanken. Sie ist einfach nur dagegen.

Ihre Vorlieben teilt sie mit Canonball, die jahrelang eine intime Begleiterin der Agentin und Autorin war. Beide sind elaborierte Tropentresentrinkerinnen. Der Liguanea Clubist ihr zweites Wohnzimmer.

Exotik ist ein von Pocahontas in der Vorzeit des Pauschaltourismus gleichermaßen lyrisch und prosaisch beackertes Thema. Sundowner-Frenetik durchzieht das Œuvre. Die Figuren bedauern den Niedergang des Empire gemeinsam mit ihrer Schöpferin. Die Verlustgefühle zeichnen sich vor einem schnurrig skizzierten Sehnsuchtshorizont ab.

Emma Stonewall Jackson war die erste Shero der Agent:innenliteratur

Pocahontas' erster Roman erscheint im Jahr der Krönung Ihrer Majestät der Königin von England 1953. „No Mercy“ zeigt vor allem, dass Pocahonta' Alter Ego Emma Stonewall Jackson nicht als unschlagbare Superwoman angelegt wurde. Emma zweifelt an ihren Fähigkeiten. Sie beweist zwar selbstentleibende Einsatzbereitschaft, stößt aber immer wieder an ihre Grenzen, ohne indes einer post-heroischen Sichtweise Vorschub zu leisten.

Emma steht in einer Tradition epochemachender Athletinnen. Sie rechnet sich zu den bewahrenden Kräften. Ihre Liebe zu England ist keimfrei und grenzenlos. Sie hat kein Milieu. Man kann sich Emma schwerlich in einer Gesellschaft rückwärtsgewandter Monarchist:innen vorstellen. Sie braucht nur eine Mission. Sie interessiert allein die Praxis. Die Praxis erschöpft sich im Identifizieren, Aufspüren und Ausschalten des von Haus aus übermächtigen und skrupellosen Feindes. Das vollzieht sich nicht vom ersten Abenteuer an so stilvoll wie es später der Ikonografie eingeschrieben wird. Zunächst erscheint Emma eher wie eine Camperin auf der freien Wildbahn, die, wenn sie in der Stadt zu tun hat, die Form achselzuckend wahrend, ein Kostüm trägt. Sie könnte als Modell für Freizeitkleidung durchgehen.

Gleich mehr.

07:31 09.03.2021
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